„Au. Verflucht, wo kam denn dieser Ast jetzt her.", schimpfe ich und ducke mich, um nicht direkt den nächsten Zweig ins Gesicht zu bekommen, während ich versuche das Gleichgewicht auf dem unebenen Boden zu halten. Vielleicht ist es nicht eine meiner besten Ideen gewesen, abseits der Wanderwege zu laufen, aber da ich das die letzten Jahre auch immer so gemacht habe, dachte ich, dass ich es mittlerweile können müsste.
Zugegebenermaßen hat die letzten Jahre über aber auch Tyler dafür gesorgt, dass ich bei unseren regelmäßigen Wanderaktionen nicht drauf gehe, weil er sich viel besser merken konnte, wo wir lang gehen können und wo es eventuell gefährlich wird. So wie jetzt zum Beispiel. Und trotzdem bin ich froh, dass ich heute Morgen die Motivation gefunden habe, doch loszugehen und nicht weiterhin im Bett liegen zu bleiben. Die letzten beiden Wochen waren emotional so aufwühlend und anstrengend, dass ich dringend eine Pause brauche und den Kopf frei bekommen muss und irgednwie habe ich in einem Anflug von Motivation gedacht, dass mir wandern dabei helfen könnte.
Mal abgesehen davon, dass ich dringend mal rauskommen muss. In den vergangenen 14 Tagen habe ich mehr Zeit in Daniels Sprechzimmer verbracht als zuhause, weil ich mir jeden zweiten Tag eine Therapie Stunde reingelegt habe, denn so wie es bisher war konnte es unmöglich weiter gehen. Und ich bereue es absolut nicht. Es hat unglaublich gut getan mit jemanden über alles zu reden und ich merke, dass es mir besser geht, wenn ich mich mit jemandem über das Vergangene austausche. Es hilft mir dabei meine gesamte Welt nicht mehr in Grautönen zu sehen und zuzulassen, dass es in Ordnung ist glücklich zu sein. Ich habe keine hundertachtzig Grad Wende gemacht und es fällt mir größtenteils immer noch verdammt schwer in die Normalität zurückzufinden, aber es ist besser geworden. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich mich mit meinen Schwiegereltern zusammengesetzt habe, um über alles in Ruhe reden zu können. Wir haben in den letzten zwei Wochen viele Erinnerungen über Tyler geteilt, Fotos angesehen, gemeinsam gelacht und viel geweint. Etwas, was wir vermutlich schon viel früher hätten tun sollen, aber leider alle nicht die Kraft für gehabt haben.
Auch die Uni bekomme ich mittlerweile einigermaßen auf die Kette, was ich zum Großteil meinen Freunden und Kommilitonen zu verdanken habe, die mich coachen, wo es nur geht. Philipp verbringt jede freie Minute bei mir, um mich für die Biologie Abschlussklausuren fit zu bekommen und ich habe für mich selbst beschlossen zwei meiner Kurse im nächsten Semester zu wiederholen, weil ich dort den Anschluss einfach nicht mehr bekomme. Nachdem ich das für mich selbst entschieden habe, geht es mir deutlich besser, weil diese drängende Angst auch noch in der Uni zu versagen deutlich abgenommen hat.
Und auch wenn ich merke, dass die letzte Zeit für mich wirklich heilend war, ist sie unheimlich anstrengend gewesen und hat ganz schön an mir gezehrt, weshalb ich stehen bleibe, den Kopf in den Nacken lege und für einige Minuten einfach nur die friedliche Stille und die Sonnenstrahlen auf meiner Haut genieße. Ich lausche dem Zwitschern der Vögel und fühle zum ersten Mal seit langem...nichts. Keine Schwere, keine Schuldgefühle und keine Angst und das fühlt sich verdammt nochmal unglaublich an. Ich weiß selbst, dass es noch ein langer Weg sein wird, bis es mir wieder richtig gut geht, aber ich freue mich über die kleinen Schritte, die ich gerade mache. Und fast so, als wüsste mein Körper und mein Kopf, dass ich mir zu lange keine Sorgen mehr gemacht habe, schweifen meine Gedanken zu Drew.
Drew dem ich das Herz buchstäblich herausgerissen habe und darauf herumgetrampelt bin. Drew, der seit zwei Wochen jede freie Minute mit dem wunderschönen blonden Mädchen aus der Buchhandlung verbringt. Und Drew bei dem die Vorhänge seitdem ständig zugezogen sind, fast so, als würde er wollen, dass sich meine Gedanken ausschließlich nur darum drehen, was hinter diesen stattfindet, wenn ich ihr Auto in der Einfahrt erkenne. Ich weiß, dass es mein Job ist, auf ihn zu zugehen und mich zu entschuldigen, aber ich habe keine Ahnung wie, denn er scheint meine Abwesenheit in den letzten zwei Wochen kein bisschen vermisst zu haben. Im Gegenteil. Jedes Mal, wenn ich ihn auf dem Campus sehe, lacht er und sieht einfach nur glücklich aus, was bestimmt nicht nur an seinem neuen Freundeskreis liegt. Denn das würde nicht dafür sorgen, dass ich dieses blöde Zwicken in der Nähe meines Herzens fühle und die aufsteigende Eifersucht, wenn ich Chloe an seiner Seite sehe.
Ich weiß, dass ich so nicht fühlen sollte, aber ich kann es nicht ändern. Denn das, was ich die letzten zwei Monate versucht habe zu ignorieren wird mittlerweile zu einem konstanten Nachhall in mir selbst. Nämlich, dass mir Drew überhaupt nicht so egal ist, wie es eigentlich sein sollte.
Und dass ich ihn vermisse. Ich vermisse es Zeit mit ihm zu verbringen, mit ihm zu lachen und seine Nähe zu spüren. Drew ist ein großartiger Zuhörer und ein noch besserer Freund, denn er hat es in den vergangenen Monaten, die er in meinem Leben ist, geschafft, dass ich mich ein kleines bisschen besser fühle und sich meine Gedanken vor dem Einschlafen nicht mehr nur darum drehen, was es für Möglichkeiten gibt, wieder bei Tyler zu sein, auch wenn ich darüber mit noch niemandem gesprochen habe. Nicht einmal in der Therapie habe ich meine dunklen Gedanken erwähnt, die ich unmittelbar nach Tys Tod hatte und die Drew mit seiner gesamten Art vertrieben hat.
Allerdings weiß ich auch nicht wie ich das Gespräch mit ihm anfangen soll. Er hat mir gesagt, dass er Gefühle für mich hat, und ich habe es ignoriert. Und jetzt ist da dieses Mädchen, dass ihn wirklich glücklich zu machen scheint und ich wäre die größte Idiotin, wenn ich ihm das kaputt mache, in dem ich ihm sage, dass er mir nicht egal ist. Und dass ich mir insgeheim wünsche, dass ich an dem Abend in dem Restaurant nicht so verdammt feige gewesen wäre.
Das kann ich ihm nicht antun. Nicht nach allem, was er meinetwegen schon durch machen musste. Und auch nicht nach dem ich weiß, was für eine harte Zeit er selbst gerade hinter sich hat. Aber andererseits kann ich das zwischen uns auch nicht totschweigen, weil wir verflucht nochmal Nachbarn sind und dass sich gegenseitige aus dem Weg gehen auch eine Auswirkung auf unsere Familien hat, die mittlerweile auch gemerkt haben, dass etwas nicht stimmt.
Wieso muss das Erwachsen werden so kompliziert sein? Denn dass es das auch ist, wenn die Liebe deines Lebens nicht gestorben ist, kann ich bei Drew sehen. Ich sehe, wie er gegen das ankämpft was ihm die Menschen, die ihn eigentlich vor so etwas beschützen sollten, an den Kopf werfen und wie schwer es ihm fällt, er selbst zu sein, weil er glaubt es wäre eine Schwäche. Dabei ist es das genaue Gegenteil. Ich kenne nicht viele Leute, die ein so reines Herz haben und so gut sind wie Drew und es tut weh zu wissen, dass er das selbst nicht einmal wahrnimmt, woran ich mittlerweile auch einen erheblichen Anteil Schuld habe.
Während ich über all das nachdenke, quetsche ich mich durch das Dickicht und bin heilfroh, als ich endlich wieder auf dem normalen Wanderweg lande. Und ein wenig stolz bin ich auch, denn mein Querfeldein Abenteuer ist tatsächlich eine Abkürzung gewesen und ich habe mir den schlimmsten Anstieg gespart. Ich überlege gerade eine kleine Pause einzulegen und suche nach einem Schattenplatz, um eine Kleinigkeit zu trinken, als ich meinen Namen höre und überrascht herumfahre. Nur um geradewegs in Drews Fragendes Gesicht zu blicken, der ein Stück unter mir stehen geblieben ist und die Arme in die Seite stemmt.
„Was machst du denn hier?", fragt er und ich habe das Gefühl, dass die Aussprache zwischen uns vor der ich so viel Angst habe, nicht mehr so lange warten kann, wie ich es gehofft habe.
Hi,
Da bin ich wieder, wenn auch nur kurz🙈 Zwei Monate ist es her und ich bin dankbar für jeden einzelnen der noch dabei ist und entschuldige mich dass es so lange gedauert hat.❤️
Ich war die letzten Wochen leider krank und bin in der Klausurenphase, aber die ist seit gestern vorbei. Ich hab jetzt offiziell jede Klausur in meinem Grundstudium geschafft und hab mir zur Feier des Tages heute einen kleinen Schreibtag genehmigt🙈🥰
Ich hoffe euch gefällt das Kapitel. Regelmäßig weiter gehen wird es im April, da zwar jetzt die Klausurenphase vorbei ist aber dafür das Staatsexamen vor der Tür steht 🙈
Vielleicht schaff ich aber heute auch noch ein kleines Kapitel und dann lesen wir uns nächste Woche nocheinmal. Ich freue mich unglaublich darauf die Geschichte von Everly und Drew fertig zu schreiben auch wenn es ein bisschen dauert. Danke für eure Geduld. Bis dahin🥰
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende 🥰
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Two broken Souls - Finding Happiness Again
Romance„Suchst du etwas?", raune ich Everly zuckt so heftig zusammen, dass ihr erstens der Karton aus den Fingern gleitet und sie zweitens selbst das Gleichgewicht verliert und ins Straucheln gerät. Da ich allerdings finde, dass ihre Gesundheit wichtiger i...
