Everly:
Ich wache zum ersten Mal seit langem, mit einem guten Gefühl auf und fühle mich tatsächlich einigermaßen erholt. Das Gespräch mit Josh hat mir gutgetan und nochmals vor Augen geführt, was mir mein Verstand schon seit Wochen zu sagen versucht und zwar, dass es nicht gesund ist, was ich momentan mit mir selbst mache.
Deswegen habe ich mich direkt nach dem Aufstehen mit Josh zum Frühstücken verabredet. Zum ersten Mal seit langem, habe ich wieder einen Grund mich für mein Äußeres zu interessieren, weswegen ich nach einer halben Stunde auch nicht mehr ganz so Game of Thrones mäßig aussehe, sondern eher wieder wie ein Mensch. Ein ziemlich blasser Mensch mit starken Augenringen, aber immerhin etwas. Sogar meine Haare sind ordentlich zusammengebunden und ähneln nicht mehr einem Vogelnest.
Ich verspüre eine eigenartige Motivation, die ich in den letzten Wochen überhaupt nicht mehr hatte, weswegen es sich jetzt ein bisschen seltsam anfühlt. Keine Ahnung, ob irgendjemand verstehen würde, was ich meine, aber ich bin mir sicher, dass Daniel, mein Therapeut, stolz auf mich wäre.
Mit einer Sache habe ich allerdings immer noch zu kämpfen, weswegen ich seit ungefähr zehn Minuten nervös durch mein Zimmer laufe, und versuche meine Gedanken zu sortieren, die zwischen Angst und einem schlechten Gewissen hin und her wechseln.
Ich war noch nicht auf dem Friedhof. Nicht ein einziges Mal seit seiner Beerdigung. Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht. Die letzten Wochen habe ich damit verbracht in meinem immer zu sitzen und den ganzen Schmerz über seinen Verlust entweder herauszuschreien oder zu weinen. Meine Eltern haben sich selbstverständlich um das Grab gekümmert und natürlich auch in meinem Auftrag Blumen hingelegt, aber ich selbst war noch nicht ein einziges Mal dort. Ich weiß, dass ich es nicht ertragen hätte können, seinen Namen auf dem Grabstein zu lesen.
Das Ganze ist jetzt bereits vier Monate her und wenn ich wirklich möchte, dass es mir besser geht, muss ich auch diesen Schritt hinter mich bringen. Oh Gott, ich klinge schon wie mein Therapeut, der mir diese Worte bei ungefähr jeder Sitzung sagt.
Also schnappe ich mir mein Handy, schicke Josh eine kurze Nachricht und gehe dann leise nach unten in den Garten, um meine Eltern nicht zu stören. Es ist der 27. Dezember und die beiden haben in den letzten Wochen genauso viel durchmachen müssen und brauchen wenigstens die Weihnachtsfeiertage, um sich ein bisschen zu erholen.
Draußen bleibe ich stehen, lege den Kopf in den Nacken und atme einmal tief durch. Die Sonnenstrahlen scheinen angenehm warm auf meine Haut und die frische Luft lässt mich wieder klar denken. Ich nehme noch ein paar tiefe Atemzüge, bevor ich mich in Richtung des kleinen Blumenladens begebe, wo ich einen kleinen Weihnachtsstern mit goldenem Glitzer drauf auswähle. Die hat er am liebsten gemocht und an Weihnachten immer in seinem Zimmer stehen gehabt.
Ann, die nette Blumen Verkäuferin, bei der ich früher neben der High-School her nachmittags gejobbt habe, schenkt mir ein mitleidiges Lächeln bevor sie den kleinen Topf vorsichtig in ein Papier einwickelt und mir überreicht. Auch sie hat mitbekommen, was passiert ist.
Auf dem Nachhauseweg bin ich wieder in meine Gedanken vertieft und heilfroh niemandem begegnet zu sein, den ich kenne. Ich weiß, dass aktuell alles Mitleid mit mir haben, aber irgendwie kann ich damit im Moment nicht wirklich umgehen. Ich bin so vertieft, dass ich nicht einmal die Stimmen wahrnehme, die aus unserer Küche kommen und deswegen ziemlich überrumpelt in der Tür stehen bleibe.
Na super. Der Vollidiot mit seinen Eltern und seiner Schwester.
Meine Mutter hebt überrascht den Kopf, als sie mich sieht.
„Liebling wo kommst du denn her? Wir dachten du schläfst noch.", dann fällt ihr Blick auf den Blumentopf in meiner Hand.
„Ich treffe mich gleich mit Josh. Wir wollen frühstücken gehen, aber vorher wollte ich zum... zum Friedhof.", meine Stimme bricht beim letzten Teil des Satzes. Trotzdem kann ich eine Art Erleichterung in den Augen meiner Eltern erkennen. Sie freuen sich, dass ich endlich wieder etwas mit Freunden unternehme, auch wenn es nur ein simples Frühstück ist. Gleichzeitig liegt Sorge in ihnen, dass ich den Besuch des Friedhofs noch nicht verkrafte.
„Sollen wir mitkommen? Zum Friedhof, meine ich. Wir könnten ein hübsches Gesteck kaufen und..."
„Nein, das schaff ich allein.", unterbreche ich meine Mum und versuche mich an einem kleinen Lächeln. „Außerdem habe ich schon etwas geholt.", meine ich und wackle mit dem eingewickelten Blumentopf in meiner Hand. Meine Eltern wechseln einen kurzen Blick miteinander, dann nicken sie.
„De acuerdo, carino. Llamenos si necesita algo." Okay Liebling, Ruf an, wenn du etwas brauchst.
Drew:
Ich kann noch einen kurzen Blick auf Everlys Gesicht erhaschen, bevor sie sich umdreht und direkt wieder aus der Haustür verschwindet. Trotzdem kreisen meine kompletten Gedanken um das Gespräch zwischen ihr und ihren Eltern und ich kann meinen Eltern ebenfalls ansehen, dass sie darüber noch nachdenken.
Ich schätze, dass unsere Gedanken alle bei dem Wort Friedhof hängen geblieben sind. Gut meine vielleicht noch bei den Wörtern Josh und treffen, was zugegebenermaßen mich beinahe frustriert aufstöhnen lässt. Kann mir doch egal sein mit wem sie sich trifft und wieso.
Auch Everlys Eltern scheint die angespannte Stille aufzufallen, weshalb sich ihr Vater nun räuspert und uns mit einem traurigen Ausdruck in den Augen ansieht.
„Verzeiht, meiner Tochter, dass sie euch nicht einmal begrüßt hat. Sie meint es nicht böse." Sein English ist fehlerfrei und trotzdem hört man einen Akzent raus. Denselben, den Everly auch hat, nur dass er bei ihr nicht so stark ausgeprägt ist, was mir in dem Moment bewusst wird.
Wieso achte ich auf solche Dinge?
Und wieso denkt er, er müsse sich für ihr Verhalten entschuldigen? Sie war nicht unhöflich zu uns, sondern nur mit ihren Gedanken ganz wo anders.
„Sie macht gerade eine schwere Zeit durch.", meint nun auch ihre Mutter und lächelt uns traurig an.
Ich würde zu gerne wissen, warum. Irgendjemand dem sie sehr nahe stand, muss vor noch nicht allzu langer Zeit gestorben sein. Aber ich traue mich nicht zu fragen. Erstens, weil es mich nichts angeht und zweitens, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass sie, nach meinem Auftritt gestern, nicht möchte, dass ich es erfahre.
Trotzdem würde ich es gerne wissen, weil ich ihr aus welchem Grund auch immer helfen möchte. Und diese Tatsache passt mir gar nicht.
Ich habe meine eigenen Probleme, mit denen ich fertig werden muss. Aber irgendwie scheinen mir diese gerade nicht mehr so wichtig zu sein.
DU LIEST GERADE
Two broken Souls - Finding Happiness Again
Romance„Suchst du etwas?", raune ich Everly zuckt so heftig zusammen, dass ihr erstens der Karton aus den Fingern gleitet und sie zweitens selbst das Gleichgewicht verliert und ins Straucheln gerät. Da ich allerdings finde, dass ihre Gesundheit wichtiger i...
