24. Kapitel

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Vorsichtig setzte ich meinen ersten Schritt auf die Brücke. Meinen Blick hielt ich gesenkt. Ich konnte nicht auf blicken. Ich wollte nicht die strahlend grüne Augen sehen. Sie sahen immer so unschuldig und liebenswert aus. Doch gehörten sie einem Monster an. Wie ironisch. Sie luden zum versinken ein und doch würde ich nicht in ihnen versinken, nachdem was Raphael alles getan hatte. Mit jedem Schritt den ich machte, wurden meine Füße schwerer und mein Herz pochte stärker. Meine Hände wurden schwitzig und ich konnte einfach nicht weiter. Nicht mal bis in die Hälfte der Brücke habe ich es bisher geschafft. Mein Körper wehrte sich weiter zu gehen und so kam ich zum Stehen. Ich hörte unverständliches Gemurmel hinter mir. Von vorne kam kein Laut. Raphaels Knurren hatte aufgehört, als ich den ersten Schritt auf die Brücke gesetzt hatte. Ich drehte mich um und blickte noch einmal zurück. Ein letztes mal, sagte ich mir. Jax blickte mir traurig entgegen und ich sah, dass sich Ed zu ihm gesellt hatte. Walter und May hatten ihre Position nicht verändert. Walter versuchte mich mit seinem Blick aufzumuntern und zum weitergehen auffordern. Ich interpretierte seinen Blick so. Vielleicht bedeutete er auch was anderes. Mays Ausdruck war undefinierbar. Ich hob meine Hand und winkte ihnen allen noch einmal zu. Bevor ich mich wieder nach vorne drehte und dieses mal meinen Blick aufrecht hielt. Meine Augen trafen zum ersten mal seit ich abgehauen bin auf Raphaels. Er sah abwartend zu mir. Von Wut war nichts zu sehen. Aber das konnte sich bei ihm ja schnell ändern. Neben Raphael war Darwin und ein paar andere Werwölfe, die nicht in menschlicher Form waren. Es war unmöglich für mich über diese Brücke zu kommen ohne erwischt zu werden. Meine letzte Hoffnung Raphael zu entkommen war verwischt. Da kam mir eine letzte Idee. Eine undurchdachte Idee, die ich in diesem Moment aber ausprobieren musste. Ich konnte einfach nicht kampflos aufgeben, nicht wenn ich schon so weit gekommen war. Meine Hände fanden ihren Weg zum Geländer der Brücke. Das kalte Metall ließ mich einen Moment frösteln. Aber dann fanden meine Beine schnell ihren Weg über das Geländer. Ich blickte in Raphaels Richtung dessen Knurren zu einem Brüllen geworden ist. Er benahm sich wie so ein Gorilla. Streckte seine Brust vor und seinen Kopf hoch. Fehlte nur noch, dass er sich mit seinen Händen auf die Brust trommelte. Darwin hielt Raphael fest. Seine Beine wollten ihn zu mir tragen. Aber Darwin hielt ihn davon auf. Nach wenigen Sekunden hatte auch Raphaels Brüllen ein Ende genommen. Alles war still und jeder blickte abwartend zu mir. Ich wollte noch nicht sterben, aber es musste eine Lösung geben, wie ich an Raphael vorbei kam. „Silvester, was tust du da?" schrie plötzlich Jax und wollte zu mir rennen. Er wurde von Ed aufgehalten. Traurig blickte ich ihn an und murmelte eine Entschuldigung. Ich hatte meine Idee nicht fertig bedacht. Wie sollte es jetzt weitergehen? In die Schlucht wollte ich mich nicht stürzen. Denn dann war alles zu Ende. Ich wendete mich Raphael zu. Indessen Blick aber wieder keine Spur von Wut war, sondern nur von Sorge. Von Sorge und Angst. Er wusste nicht, dass ich mich niemals in diese Schlucht stürzen wurde. Vieles würde ich dafür tun weg von ihm zu kommen doch mich umbringen würde ich mich nicht. Was bringt es mir also hier auf dem Geländer zu sitzen? Doch bevor ich noch länger darüber nachdenken konnte wurde ich vom Geländer gezogen und umarmt. Es war Jax der mich runter geholt hatte. Ed war gerade auch bei mir angelangt. Er hatte es nicht geschafft Jax länger festzuhalten. „Bist du verrückt? Wolltest du dich etwa umbringen?" fuhr Jax mich leise an als er mich an meinen Schultern von sich drückte. Er hielt mich immer noch fest. Er wollte mir nur ins Gesicht blicken. „Nein, ich - ich such doch nur nach einer Lösung." murmelte ich. Verständnisvoll sah mich Jax an. „Ich wünschte du könntest bleiben." meinte er und ich nickte zustimmend. Das wünschte ich auch. „Sollen wir dich nach drüben begleiten?" fragte mich Ed. Erstaunt blickte ich zu ihm. „Das würdet ihr tun?" schoss es aus mir raus. Daraufhin nahmen sie beide eine von meinen Händen und liefen mit mir zum anderen Ende der Brücke. Sie gaben mir etwas Kraft. Ich war nicht allein. Vor dem Ende kamen wir zum stehen. „Ich danke euch." dankte ich den Beiden leise und lächelte sie an. Ich wusste, dass sie nicht von der Brücke runter gehen konnten. Wer wusste, was Raphael mit ihnen machen würde. Wahrscheinlich würde er sie auch hinrichten lassen. Bei dem Gedanken schauderte es mir. Wenigstens waren sie auf der Brücke in Sicherheit. „Passt auf euch auf." murmelte ich noch zum Abschied. Was Jax kurz auflachen ließ. „Pass du auf dich auf, wir kommen schon klar." sagte er, wobei er das Dich besonders betonte. Ich nickte und machte einen letzten Schritt von der Brücke. Ich war bei Raphael angekommen. Das wurde mir bewusst als dieser seine Arme fest um mich schlang und mich umarmte. Seine Umarmung konnte ich nicht erwidern. So sehr wünschte ich mir es wären Jax Arme, die mich umschlungen. Doch es waren die Arme eines Monsters und ich konnte nichts dagegen tun, um mich aus ihnen zu befreien. Aber würde ich nicht kampflos aufgeben. Mir war die Flucht schon einmal gelungen, das hieß ich könnte es nochmals schaffen. Auch wenn das dieses mal schwieriger werden würde. Raphael wird mich nicht so schnell aus den Augen lassen. Ich werde trotzdem einen Weg finden. Wenn ich es nicht nach Hause schaffen würde, dann muss ich eben anders wegkommen. Eines der Beiden wird schon klappen. Da war ich jetzt einfach zuversichtlich.
Raphaels Hände ließen mich nicht los und so langsam war es mir zu nervig in seinen Armen. Und so wand ich mich aus seinem festen Griff. Er ließ mich dann zum Glück auch los. Da ich nicht wusste, wohin ich schauen sollte und ich Raphael nicht ins Gesicht blicken wollte, sah ich auf die andere Seite der Brücke. Wo niemand mehr war. Sie waren alle fort. Mein Blick wurde traurig. „Wir sollten zurück bevor es dunkel wird." unterbrach Darwin als erster die Stille, der die ganze Zeit neben Raphael gestanden hatte. Ich war noch zu sehr in meinen Gedanken versunken und so bekam ich Raphaels Antwort nicht mit. „Silvester" sagte er dann leise meine Namen und stupste mich sanft an. „Komm" meinte er dann und deutete mir mit seinem Kopf an zu gehen. Wortlos lief ich los. Raphael war neben mir und Darwin etwas vor uns. Keiner sprach ein Wort. Es war eine unangenehme Stille, aber wollte ich sie auch nicht brechen. Ich hatte Raphael im Moment einfach nichts zu sagen und er sollte auch merken, dass ich keine Lust auf seine Anwesenheit hatte.

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