47 | dirty secrets

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JULIA

Ob Naveen wohl eben gemerkt hatte, wie schnell mein Herz in seiner Nähe geschlagen hatte? Vielleicht.

Ich hoffe nicht.

Naveen tunkte die Malerrolle in einen der hellbraunen Farbeimer. Er klopfte die Rolle etwas ab und begann dann, die Farbe auf der Wand zu verteilen. Dabei registrierte ich etwas, dass mir ungewöhnlich vorkam.

Als hätte er es gespürt, dass ich ihn die ganze Zeit über angestarrt hatte, drehte er sich um, sah mir aber nicht in die Augen. »Ist was?«, wollte er wissen.

Mein Griff um den, noch unbenutzten, breiten Malerpinsel, wurde fester. »Ich ... ich hab noch nie bemerkt, dass du Linkshänder bist.«

Er blinzelte, begutachtete die Rolle und mich abwechselnd.

»Wusstest du, nur 10,6 Prozent aller Menschen weltweit, sind bestätigte Linkshänder und damit deutlich unter dem restlichen Schnitt der Rechtshänder«, brabbelte ich überflüssig. »Die Wahrscheinlichkeit, dass man einen Linkshänder trifft, liegt bei unter 0,9 Prozent.«

»Okaaay«, sagte er gedehnt. Er drehte sich wieder zu der Wand, die genau gegenüber von der Tür war, wo ich stand.

Meine Unterlippe verkeilte sich zwischen meinen Zähnen.

Zach betrat den Raum. In seinen Ohren steckten kleine Mini-Tunnel. Hinter seinem rechten Ohr war eine Zigarette geklemmt. Er trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck einer Rockband, die ich nicht kannte. Eine umgekehrte Baseball Cap war auf seinem Kopf.

Naveen trug – wie immer – nur schwarz. Heute aber ohne seine Lederjacke. Ohne sie konnte ich heimlich seine Tattoos an den Armen beobachten. Sie beeindruckten mich. Automatisch glitt mein Blick zu seinem Kleiderschrank, der links neben der Schlafzimmertür stand. Ich malte mir aus, was für Kleidungsstücke dort wohl hingen. Am liebsten hätte ich einen kleinen Blick rein riskiert.

»Oh Mann, das erinnert mich an das erste Mal, als ich eine Wohnung gestrichen habe«, schwelgte Zach in Erinnerung.

»Eure?«, hakte ich lächelnd nach und begann, um den Türrahmen weiß zu streichen.

Er lachte kurz. »Nein, unsere Wände haben wir nie gestrichen. Darauf hatten wir keinen Bock. Ich hatte damals die Wände für unsere ehemalige Nachbarin gestrichen, weil sie zu alt dafür war.«

»Wow, wie lieb von dir, Zach«, lobte ich ihn.

»Ja ...« Er grübelte. »Wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch gar nicht mehr, wie viel die Kette, die ich hatte mitgehen lassen, wert war. Hundert? Zweihundert?«

Ich schlug ihm gegen den Oberarm. »Vergiss meinen Lob«, murmelte ich enttäuscht.

Zach lachte hicksend und bei genauerem hinhören, realisierte ich, dass Naveen es ihm gleich tat, nur leiser und ohne das Hicksen.

Minuten, in denen wir drei schweigend für uns alleine arbeiteten, vergingen. Doch Zach konnte es nicht unterlassen, eine wahllose Melodie zu summen oder pfeifen. Dann seufzte er plötzlich: »Ich wäre jetzt gerne wieder in New York. Etwas besseres als New York im Winter gibt es nicht.«

Ich sah ihn von der Seite an. Er arbeitete an der Bücherregal-Wand und war schon fast fertig. Naveen ebenso. »Vermisst du es?«, fragte ich Zach.

Er nickte. »Ständig.«

»Wärst du gerne länger geblieben?«

»Irgendwie schon. Aber ich konnte nicht alleine da bleiben, während Nav durch die ganzen Staaten alleine nach Hause fährt.«

Fears Between UsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt