36 | missing girl

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NAVEEN

Vom einen zum anderen Ort gelangte ich in weniger als zwanzig Minuten zu Fuß. Durch meine Größe war es natürlich praktischer, Strecken in einer kürzeren Zeit gehen zu können.

Minuten später ging ich bereits die Treppe in dem Wohngebäude hoch.

Ich brauchte an seiner Apartmenttür weder klopfen noch klingeln, da dieser Idiot sowieso nie abschloss. Tat er auch nie in New York. Er hatte einfach viel zu viel Vertrauen in seine Nachbarn. Ganz selbstverständlich öffnete ich die knarzende Tür und betrat das Zwei-Zimmer-Apartment.

Sobald ich drinnen war, wunderte es mich nicht, Zach halbnackt auf seiner Couch vorzufinden. Über ihm eine Frau bloß in blauer Spitzen-Unterwäsche.

Sie bemerkten mich nicht einmal, sondern küssten sich so lange, bis ich die Tür hinter mir zuknallte. Erst dann zuckten sie stark zusammen, Zach fiel fast vom Sofa und seine Affäre schrie erschrocken. »Naveen, du Räudiger! Wo hast du gesteckt?«, fragte er mich und blendete dabei anscheinend völlig aus, wie sich die Koreanerin vor wenigen Sekunden noch durch die Jeans an seinem Schwanz rieb.

Ich verdrehte die Augen. »Hast du wirklich vergessen, dass ich vor der Halloween Party vorbeikommen wollte?«

»Nee, ich dachte nur, du würdest nicht mehr kommen, weil du so lange gebraucht hast, deswegen hab ich ihr gesagt, sie kann schnell rüber kommen.« Er zuckte mit den Schultern.

Ich hob eine Augenbraue. »Ist das etwa eine Nachbarin von dir?«

»Ja. Sie wohnt erst seit einem Monat hier.«

»Wow«, meinte ich sarkastisch.

Er deutete ihr, sie solle von ihm runtersteigen. »Ich, äh...« Er stand auf, scannte den Boden nach seinem T-shirt und sah dann wieder zu ihr. »Du solltest jetzt besser gehen.«

Die Frau stellte sich hin. Dank ihren High Heels war sie fast genauso groß wie Zach. »Okay, Zachi. Wirst du dich melden?«, fragte sie mit einem starken Akzent und streichelte seine Wange.

»Ähm, ja, total«, versprach er nervös und zog sanft ihre Hände aus seinem Gesicht.

Sie küsste ihn ein letztes Mal großzügig und legte dabei ihre Hände an seine nackte Brust mit den kleinen dezenten Tattoos. Allgemein viele Tattoos, besaß er nicht. Nur ein paar hier und da. Sie alle waren bunt. Im Gegensatz zu meinen Armen, schienen seine auf dem ersten Blick noch leer.

Ich hatte mit den Jahren immer mehr dazu gewonnen. Die meisten von ihnen entstanden aus purer Langeweile oder der Sehnsucht nach dem nächsten Kick. Sie wurden ein Teil von mir, nicht nur von meinem Körper.

»Okay«, sagte Zach zwischen ihre Lippen und versuchte sie wegzudrücken.

Sobald sie endlich nachließ, bückte sie sich zum Boden, um ihren Trendcoach aufzuheben. (Wie Klischeehaftig war das bitte). Wieder angezogen, strich sie sich die schwarzen Haare glatt und stolzierte auf den hohen Absätzen an mir vorbei zur Tür. Bevor sie diese öffnete, musterte sie mich von Kopf bis Fuß und zwinkerte dann.

Ich verdrehte die Augen.

»Bye, bye, Zachi und anderer hübscher Amerikaner«, verabschiedete sie sich. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Zach, nun mit weißem T-Shirt und schwarzer Jeans bekleidet, ließ sich ausgelaugt auf sein Sofa fallen. »Puh, was ein schwerer Abschied.«

»Wirst du dich wirklich bei ihr melden, Zachi?« Ich äffte sie nach, während ich meine Arme vor der Brust verschränkte.

Zach lachte. »Klar. Sie vergöttert mich.« Er durchquerte den Raum bis zur offenen Küchenecke. Dort schnappte er sich die Zigarettenschachtel und steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Mit dem Feuerzeug aus seiner Jeans wollte er sie anzünden.

Fears Between UsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt