21 | careful talk

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JULIA

Schwer schleppend schaffte ich es zum Aufzug, der endlich wieder funktionstüchtig war. Ich wartete und wartete bis sich in der tiefsten Etage des Hauses die Aufzugtüren öffneten.

Die zwei schweren Wäschekörbe waren bis zum überquollen gefüllt. Im Wäschekeller steuerte ich zu unserer Waschmaschine an.

Ich pustete mir die Haarsträhnen aus dem Gesicht, die sich aus dem unordentlichen Knoten gelöst hatten. Mühevoll stopfte ich die schwarzen Klamotten aus dem einen Wäschekorb in die Waschmaschine. Den anderen Korb stellte ich zur Seite.

Nachdem ich den Wäsche Vorgang gestartet hatte, wackelte die Maschine. Ich nahm mir mein mitgebrachtes Buch und hüpfte schnell auf sie.

Ich klappte den Roman Mrs. Dalloway von Virginia Woolf auf. Mein derzeitiges Lesezeichen: eine alte Quittung von Target.

Ob man es glauben mag oder nicht ... Ich besaß kein einziges vernünftiges Lesezeichen. Nein, im Gegenteil: ich boykottierte sie. Meiner Ansicht nach, waren sie unnötig und reine Geld Verschwendung. Wozu extra Geld ausgeben, wenn man buchstäblich alles als Lesezeichen verwenden konnte?

Minuten der friedlichen Stille verklangen, in denen ich Seite um Seite las. Das Geräusch der drehenden Trommel wirkte beruhigend auf mich. 

Ich hörte, dass sich der Aufzug öffnete und war mir unsicher, wer es hätte sein können.

Mein neuer Nachbar stolzierte in den Waschkeller, unter seinem Arm ein Karton. Natürlich. Das Universum hasste mich.

Verächtlich lachte ich mit einer solch bitteren Note, dass mein Mund kribbelte. »Dich wird man echt nie los, oder?« Ich sah wieder in mein Buch und vermied Augenkontakt.

Er lachte so bitter wie ich. »Fuck, das sagst ausgerechnet du.« Aus dem Augenwinkel heraus spürte ich, wie er an mir vorbei ging zu den Waschmaschinen, die von unserem Vermieter zur Verfügung gestellt wurden. Man brauchte pro Wäsche ein paar Münzen. Ganz nettes Angebot, aber unsere Waschmaschine war schon seit meiner Geburt in unserem Besitz. Auch wenn sie klapprig und alt war, funktionierte sie noch. Na ja, auch wenn man sich auf sie setzen musste, damit sie nicht beschädigt wird.

Ich linste zur Seite. Er beugte sich runter zu dem Karton und fischte seine Klamotten raus. Alles schwarz. Ich fragte mich stumm, ob er wohl Kleidungsstücke in anderen Farben als schwarz hatte.

Er drehte sich um und erhaschte einen Blick auf meinen Körper, ehe er mir in die Augen schaute. Daraufhin dann zu dem Roman in meinen Händen. »Virginia Woolf?«

Ich schluckte. »Ja.« Eine unserer letzten Begegnungen beinhaltete ebenfalls einen historischen Roman, den er rein zufälligerweise sogar kannte. Vielleicht las er über Virginia Woolf damals zu seiner Schulzeit im Geschichtsunterricht und bei Verstand und Gefühl wurde er gezwungen, einen Aufsatz drüber zu verfassen.

»Mrs. Dalloway?« Sein Ton ließ mich dann doch vermuten, dass er mehr als nur von dem Buch mitbekam.

Ich nickte. »Ja.«

Er grinste. »So so. Hast du es schon beendet?« Nett, dass er vorher fragte. Beim letzten Mal ging er davon aus, dass ich Verstand und Gefühl zum ersten Mal lesen würde und war bereit, mich zu spoilern, auch wenn er nur Mist brabbelte.

»Das habe ich, ja. Gestern.«

»Du hast es beendet, liest aber noch weiter daraus?«

»Nur ein paar Stellen, die ich mir markiert hatte.«

Er nickte verständnisvoll. »Und wie gefällt es dir?«

»Gut«, antwortete ich schlicht, obwohl ich am liebsten stundenlang über dieses Buch diskutiert hätte. »Was ist mit dir? Du kennst es ... Heißt das also, dass du es auch gelesen hast?«

Fears Between UsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt