35 | faithless trying

498 17 3
                                        


NAVEEN

In oder an meinem Körper spürte ich nichts mehr, bis auf die Nervosität und die Angst... Sie kontrollierten meine Lungen, mein Herz und meinen Verstand. Ich war nichts weiter als ein elendes Nervenbündel.

Ich zog ununterbrochen an der Zigarette zwischen meinen Fingern. Der Qualm stieg mir in die Nase und bahnte sich einen Weg bis zu meinen ohnehin schon geschädigten Lungen.

Seit über einer Stunde wartete ich schon vor diesem beschissenen Backsteinbau auf diese unpünktliche Frau. Zwar wusste sie überhaupt nichts von meinem Besuch, doch das entschuldigte nichts. Normalerweise war sie immer schon um genau diese Uhrzeit in ihrem Büro.

Wochenlang hing ich ihr schon an den Fersen. Sie gab mir einfach keine Chance, sondern steckte mich bloß wie alle anderen in eine Schublade. Vielleicht war so eine Schublade damals der richtige Ort für mich, aber heute nicht mehr. Ich wollte mich nicht nur ändern, ich musste. Seit geraumer Zeit stand das an erster Stelle für mich.

Fuck, wenn mein fünfzehnjähriges Ich das gehört hätte, hätte er mich sehr wahrscheinlich ausgelacht. Der Idiot wusste damals noch nicht, in was für einer Scheiße er später mal stecken würde.

Ich glaube, wenn ich damals schon gewusst hätte, was mich alles als Erwachsener erwarten würde, hätte ich alles dafür gegeben, um nie wieder altern zu müssen. Ich hatte schon damals mehr Stress in meinem Leben, als normale Teenager, dementsprechend wäre ich ganz und gar nicht scharf darauf gewesen, dass sich das alles doppeln würde.

Vor allem in den letzten Monaten dachte ich oft an meine Jugend zurück. Ich dachte an all die Abende, an denen Zach und ich bis tief in die Nacht feiern waren, an die unzähligen Mädchen, das ganze Koma-Saufen und an die Tage darauf, wenn ich mit einem Kater in den Unterricht gegangen war. Na ja, wenigstens musste ich nach meinem sechszehnten Geburtstag nicht mehr dahin.

Es war damals die einzig logische Lösung für mich, die Schule ohne Abschluss abzubrechen, um mehr zu arbeiten und gleichzeitig mehr Zeit zum Party machen haben können.

Zach, der zur selben Zeit wie ich die Schule geschmissen hatte, und ich hatten jeden freien Job angenommen, den wir als South-Side-Teenager ohne Abschluss bekommen konnten. Weil das aber meistens verdammt beschissene Jobs waren, sahen wir uns irgendwann dazu gezwungen, Gras an den zwei örtlichen Highschools zu verkaufen. Das funktionierte eine ganze Weile lang gut.

Bis zu der Nacht, in der wir fliehen mussten.

Ich wartete jetzt bereits eineinhalb Stunden vor dem Backsteingebäude, unsicher, ob ich hier wirklich weiter auf sie hätte waren sollen, oder ob es doch mehr als dämlich war.

Vielleicht hatte sie ja heute gar nicht erst das Haus verlassen... Immerhin war Halloween. Aber so wie ich diese Frau kannte, arbeitete sie bestimmt an jedem Feiertag freiwillig.

Plötzlich hörte ich das Schnurren eines fahrenden Autos. Wenig später parkte der weiße, protzige SUV am Straßenrand. Meine Atmung setzte aus. Die Fahrertür öffnete sich.

Hohe Absätze klackerten auf dem Asphalt. Die Wagentür knallte dazu. Sie ging um den Wagen herum.

Ein letztes Mal zog ich an meiner Zigarette, ehe ich sie auf den Boden warf und sie mit dem Fuß austrat. Ich sprang von der Sitzbank auf und wedelte den Qualm vor meinem Mund weg.

Als sie mich entdeckte, blieb sie abrupt stehen. »Mr. Cameron...« Ihre Augen weiten sich ungläubig.

Ich wollte etwas sagen, jedoch ließ sie mich nicht mal zu Wort kommen. Stattdessen ging sie mit ihrem Kopf stur nach unten gerichtet und mit ihrer Aktentasche in der Hand an mir vorbei.

»Hören Sie mir doch erst zu!«, flehte ich und fand es peinlich, wie erbärmlich ich klang.

Vor der schweren Eingangstür blieb sie stehen. Mein Blick verharrte einen Herzschlag zu lange auf ihrem Blazer und der Anzughose. Mir kam's so vor, als ob mich sogar ihre verdammten Klamotten verhöhnten. Ich schämte mich schon fast zuzugeben, dass sie mich extrem einschüchterte, obwohl sie so viel kleiner war als ich.

»Mr. Cameron«, setzte sie verärgert an. Nun drehte sie den Kopf zu mir, den Körper allerdings nicht. »Ich sagte Ihnen doch bereits, dass ich Ihnen nicht helfen kann!« Sie wollte die Tür öffnen, jedoch stellte ich mich neben sie.

»Wieso geben Sie so schnell auf? Ich dachte, ihr Job ist es, mir zu helfen!« Jeden meiner Anrufe in den letzten Wochen, lehnte sie ab. Es wurde zunehmend schwieriger, sie immer wieder zu kontaktieren, doch ich gab nicht auf.

»Natürlich, ist das mein Job, aber Mr. Cameron, mir tut es leid, dass ich Ihnen das so sage, aber Sie sind ein hoffnungsloser Fall. Punkt.«

Wie ein Schlag ins Gesicht.

Wie ein Knochen der durchbrochen wurde.

Wie Milliarden Messer, die unaufhörlich in mein Fleisch gestochen worden.

Wie eine Hoffnung, die in Flammen aufging.

»Es haben sich einige Sachen geändert«, krächzte ich.

Sie seufzte oder ... schnaubte? Wie auch immer, es klang so, als ob sie jetzt schon keine Lust auf meinen Scheiß hatte. »Was genau hat sich denn geändert?«

Sie glaubte mir nicht.

Sie glaubte an mich nicht.

»Ich habe zwei Jobs mit durchschnittlichem Stundenlohn.«

Die Verachtung in ihren Gesichtszüge verschwand. Infolge davon wirkte sie überrascht. Schnell merkte sie dann, dass sie ja professionell auftreten musste und Emotionen da kein Platz haben konnten. Sie räusperte sich. »Das heißt noch nichts.«

»Und ein Apartment«, ergänzte ich, verzweifelt wie ich nun mal war. »Auf der North Side.«

»Sie wissen doch, zwei Jobs und einen festen Wohnsitz zu besitzen, löst nicht all Ihre Probleme. Dazu gehört gewiss mehr.«

»Ja, ich weiß, aber es ist ein Fortschritt!«

Ihre Mimik ließ mich vermuten, dass sie krampfhaft überlegt, ob sie einem alten Schlucker wie mir helfen sollte.

»Ich flehe Sie an. Bitte zeigen Sie mir gegenüber etwas Menschlichkeit. Ich werde es Ihnen beweisen, das schwöre ich, wenn Sie mich nur lassen...«

Sie schloss ihre Augen und atmete tief durch. »Ich rede mit meinem Vorgesetzten und rufe Sie dann die Tage zurück.«

Ein Stein fiel mir vom Herzen. »In Ordnung. Danke.«

Sie nickte. »Ich wünsche Ihnen Glück. Wirklich. Ich sehe, wie sehr Sie sich anstrengen. Gott wird Sie irgendwann dafür belohnen.«

Gott?

War Gott nicht derjenige, der mich überhaupt in diese Situation gebracht hatte?

• • •

• • •

Hoppla! Dieses Bild entspricht nicht unseren inhaltlichen Richtlinien. Um mit dem Veröffentlichen fortfahren zu können, entferne es bitte oder lade ein anderes Bild hoch.
Fears Between UsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt