70 | not enough

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NAVEEN
june 2019, age 22

Es kostete mich so verfickt viel Überwindung, in dieser Sekunde das Indora's zu betreten.

Seit vier Jahren wusste ich nicht, wie es Indora ergangen war. Ihr hätte alles mögliche passiert sein können und dennoch hätte ich es wahrscheinlich von New York aus nicht mitbekommen.

Das Diner hatte noch den genau selben Charm wie vor meiner Abreise.

Es waren die kleinen Dinge, die mich doch hoffen ließen, dass meine Kindheit nicht ganz verschissen wurde.

Die Wand hinter der altmodischen Jukebox ... An ihr hing ein Bilderrahmen mit einem Bild von Elvis Presley. Indora war schon immer ein riesiger Fan von ihm. Und zu der Zeit, hatte sie angeblich kein anderes Bild parat, als dieses.

Ich glaube ich war Sechszehn, als sie mich bat, ihr beim renovieren zu helfen. Sie sah es als eine Art Training für meine Psyche. Zu der Zeit war ich schon völlig abgestürzt. Es gab selten einen Tag, an dem ich nicht betrunken oder high war.

Im Nachhinein ist die Erinnerung daran verdammt verschwommen. Ich wusste nur noch, dass sie Dinge sagte, die mich beschissen wütend machten. Eins führte zum andern, und Boom ... In der Wand war ein Loch. Verursacht durch einen Hammer, der in meiner Hand sein Unwesen trieb.

Ich passte auf, dass mich niemand dabei sah, wie ich nun das Bild von Elvis von der Schraube trennte, nur um das Loch wiederzusehen.

Ich seufzte, enttäuscht von mir und meiner damals nicht vorhandenen Kontrolle.

Die Tür, die zur Küche führte, öffnete sich. Rasch hängte ich den Rahmen zurück und stellte mich dem kommenden.

Indora trat heraus. Sie balancierte vier Teller auf ihren Armen und Händen und schaffte es trotzdem, sie heil auf dem Tresen abzustellen. »Celine, Liebes, kümmerst du dich darum? Die gehen alle zu Tisch vier.«

Ein brünettes Mädchen schnappte sich die ersten zwei Teller. Offenbar war sie nicht so begabt ihm Kellnern, wie Indora selbst. »Wird erledigt, Ma'am.«

»Gott, nenn mich nicht immer Ma'am. Da komm ich mir ja so alt vor!«, lachte sie. Indora Glee und ihre junge Ader. Diese Frau wollte echt nie alt werden. Indora Glee ... Das hörte sich falsch an. Für mich würde sie wohl immer Indora Fridge bleiben. Ihr Mädchenname passte viel besser zu ihr als Glee.

Die Brünette verschwand. Indora kam um den Tresen herum, wollte an einem Tisch Kaffee mit einer Kanne nachfüllen, fror jedoch vollständig ein, sobald sie mich entdeckte.

»N-Naveen?«, stotterte sie.

»Können wir reden?« Mir war bewusst, wie bizarr das sein musste, denn ich sagte nicht einmal Hallo.

»Reden? I-ich ...« Überfordert schaute sie sich in ihrem Diner um. »Ja. Ja, gib mir nur eine Minute ... Geh doch schon mal vor. In mein Büro, meine ich«, stammelte sie.

Ich nickte.

Den Weg in ihr Büro hätte ich auch mit verbundenen Augen gefunden. Ich setzte mich auf die schmale Couch und nahm das vollgestellte Büro unter die Lupe. Überall stapelten sich Bücher, alte Menü Karten, Tischdecken und viele Kisten, die so aussehen, als würden sie bei einer falschen Bewegung platzen.

Schlussendlich musste ich hier zehn Minuten warten, bis Indora reinstürmte. »Sorry, dass es so lange gedauert hat. Ich musste erstmal ... durchatmen.« Sie setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl, legte die Ellenbogen auf die Tischplatte und stützte ihr Kinn auf ihren verschränkten Händen.

Fears Between UsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt