„I said, hey, girl with one eye
Get your filthy fingers out of my pieI said,
hey, girl with one eye
I'll cut your little heart out cause you made me cry"
Girl With One Eye - Florence + The Machine
Kiara unterdessen hatte das Wohnhaus verlassen und wollte zur Bahnhaltestelle laufen. Das Wetter war schlecht. Schon als sie und Law die Stadtgrenzen von Sabaody City erreicht hatten, waren Regenwolken am Himmel aufgetaucht, und so wurde aus einem zarten Nieselregen irgendwann ein durchnässender Regenschauer. Zum Glück tröpfelte es jetzt nur ein wenig, doch als die Blauhaarige nach oben sah, bahnte sich schon die nächste Fuhre Regenwasser an. Dunkle, dicke Wolken wogen im Halbdunkel schwer über der Stadt, bereit, sich jederzeit darüber zu ergießen.
Guter Dinge hatte sie bereits den halben Fußweg hinter sich gelassen, als sie langsam spürte, wie ihr die Luft ausblieb.
Sie wollte tief Luft holen, doch war es, als würde ihre Lunge sich nicht mehr richtig in ihrer Brust entfalten wollen. Immer wieder nahm sie einen Atemzug, doch je hektischer sie wurde, desto weniger Luft bekam sie.
Als sie kaum noch zu Atem kam, blieb sie stehen. Sie hatte versucht, sich zu beruhigen und die Angst, die ihr in die Knochen fuhr, auszublenden. Es war, als würden sich Ameisen den Weg durch ihre Adern nach oben bahnen und der Grund für das unangenehme Kribbeln in ihrem Hinterkopf sein.
Kiara versuchte, die Gedanken, die ihr in den Kopf kamen, wegzuschieben, die Bilder, die sich vor ihrem inneren Auge auftaten, zu ignorieren. Aber je stärker sie es probierte, desto aufdringlicher und angstauslösender wurden sie.Die Blauhaarige hatte die Haltestelle bereits im Blick. Es war nur noch ein kurzes Stück. Doch ihr Instinkt verriet ihr: Wenn sie es auch nur wagen sollte, zu versuchen, dahinzukommen, würde sie sterben. Sie würde in sich zusammenfallen und niemand würde es merken. Die Bilder und Gedanken würden schlimmer werden, bis sie den Verstand verlor.
Auf der anderen Seite wusste Kiara ganz genau, dass ihr keine Gefahr drohte und wie schwachsinnig das Ganze hier war. Nur konnte sie nicht dagegen ankämpfen und sich der Angst stellen. Wenn sie es versuchte und langsam weiterging, erschien ihr die Gefahr zu groß. Sie fühlte sich machtlos und taub. Nicht mehr Herrin ihrer eigenen Sinne.
In diesem Moment war es, als würde sie bei vollem Bewusstsein verrückt werden.Mit zitternden Händen nahm sie ihr Handy zur Hand und überlegte, wie sinnvoll es wäre, ihre Freundinnen anzurufen. Sie würden sie sicher abholen kommen, doch das würde jetzt zu lange dauern. Sie drehte den Kopf in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Jep, sie würde wohl zurück zu Law gehen.
Aber Missy war bei ihm.
Aber sie würde wohl nicht lange bleiben, oder?
Unter Mühe machte sich Kiara langsam wieder auf den Weg zurück. Nicht nur, dass sie gerade mental nicht mehr stabil war, sie ertrug auch den Lärm des Verkehrs und die Menschen nicht mehr. Ihr war alles zu viel und sie war überfordert mit den ganzen Reizen, die auf sie einwirkten.Ihr Schritt beschleunigte sich und sie schrieb dem Schwarzhaarigen eine Nachricht, dass sie zurückkommen würde, weil sie es nicht nach Hause schaffte.
Kurz darauf erhielt sie die Nachricht, dass er ihr Bescheid gab, wenn Missy weg war.
Law hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass sie ihre Probleme mit dem, was sich draußen befand, hatte.
Kiara erspähte auf halbem Weg ein kleines Café.
Vielleicht würde sie sich schneller beruhigen, wenn sie sich einen warmen Kakao gönnte?
Immerhin war es irgendwie Schokolade und Schokolade machte glücklich – vielleicht half das ja?Ein wenig abgelenkt von diesem Gedankengang nahm die Blauhaarige ihren verbleibenden, winzigen Teil Mut zusammen und bestellte sich einen warmen Kakao.
Schon beim Warten, bis das Getränk fertig war, wurde sie wieder nervös und fing an, aufgewühlt mit dem Fuß zu wippen.
Fast ungedulgig nahm sie das Getränk entgegen, als sie bezahlt hatte, und ging wieder nach draußen. Langsamen Schrittes und mit beiden Händen an dem warmen Pappbecher ging sie zurück zu Law.
Es konnte gar nicht mehr so lange dauern, bis er sich wieder meldete.
Und selbst wenn, dann würde sie eben im Foyer warten. Sich auf die Treppe setzen und einfach abwarten. So war sie wenigstens vor der Kälte und der Nässe geschützt.
Seufzend sah sie nach vorn.
Kiara kam sich so albern vor. Die Dinge, die ihr eigentlich keine Probleme bereiten sollten, wirkten seit diesem Unfall so beängstigend auf sie. Wie eine echte Bedrohung.
Obwohl sie wusste, dass diese Ängste nicht rational begründet waren, konnte sie sich gegen die vorgeführte Echtheit dieser Gedanken und Bilder nicht wehren.
Das musste unbedingt aufhören. Sie hatte es zwar nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, mit einem Psychologen zu reden, so wie Law es vorgeschlagen hatte, aber vielleicht sollte sie es doch.
Sie hatte nur zugestimmt, damit er Ruhe gab. Kiara hatte immer noch ihren eigenen Kopf, völlig egal, wie sehr sie sich zu Lieben schien.
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Can't fight the moonlight
Hayran KurguAls Kiara hunderte Kilometer weit weg von zu Hause auf das Sabaody Archipel kommt, um zu studieren, ahnt sie nicht, was auf sie zukommt. Zwischen dem bunten Studentenleben, neuen Freundinnen und einem ziemlich interessanten Mitstudenten gerät ihr Le...