Kapitel 37

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Den Rest des Abends verbrachte ich mit meinen Mathehausaufgaben. Ich weiß. Spannende Betätigung an einem Dienstagabend. Wenigstens leistete Thomas mir Gesellschaft. Er saß in meinem Fernsehsessel und schaute fern. Dass ich den Ton ausgestellt hatte, störte ihn nicht.

„Thomas?", murrte ich deprimiert. „Kannst du mir bei dieser Aufgabe helfen?" Ich drehte mich zu ihm um.

Er nahm seinen Blick nicht von der Quizshow. „Die Aufgaben sind dazu da, dass du sie löst, nicht ich. Ich kann Mathematik bereits."

„Ich kann Mathe auch. Nur Stochastik fällt mir schwer." Ich versuchte mich an einem flehenden Augenaufschlag, den er leider überhaupt nicht registrierte. „Nur bei dieser einen Aufgabe. Bitte?"

Thomas schüttelte seinen Kopf. Zarte Nebeltropfen sprühten über die Lehne meines Fernsehsessels. „Nein, April. Wenn ich dir helfe, wirst du das Thema noch weniger verstehen. Was willst du dann in der Matheklassenarbeit machen? Würdest du mich zwingen, dir über die Schulter zu schauen?"

„Du bist ein Geist. Niemand würde es bemerken."

Endlich nahm er seinen Blick vom Fernseher. „Tss. Das wäre schummeln."

„Niemand würde es bemerken", wiederholte ich.

„Es wäre trotzdem schummeln. Nein, das können wir nicht tun. Es würde dir einen ungerechten Vorteil verschaffen. Deine Mutter wäre außer sich, wenn sie davon wüsste."

Meiner Mutter... War ja klar, dass er diese Trumpfkarte zog.

Thomas schien meinen Missmut zu bemerken, denn er wandte sich mir besänftigend zu. „Was hältst du davon, wenn du die Aufgabe löst und ich deinen Lösungsweg danach überprüfe?"

Ich verdrehte meine Augen. „Was soll mir das dann noch bringen?"

„Sicherheit", erwiderte er sachlich. „Du könntest dich morgen beim Vergleichen der Hausaufgabe melden und ein Plus für mündliche Mitarbeit einheimsen."

Nun war es an mir zu zögern. Ein bisschen mündliche Mitarbeit könnte mir bei diesem mühseligen Thema tatsächlich nicht schaden. „Na gut", stimmte ich zu. „Wobei das kein wirklich großer Profit von meinem Wissenschaftlergeist ist."

„Ich bin hier, um dich in die Geisterwelt einzuführen, nicht in die Welt der Stochastik." Grinsend wandte Thomas sich wieder der Quizshow zu.

Ich widmete mich grummelnd meiner letzten Aufgabe. Wenn er mir das Ergebnis einfach gesagt hätte, wäre ich viel schneller fertig gewesen, aber nein, mein erster Geist musste ja ein uneinsichtiger Mensch sein.

Schwer seufzend strengte ich meine Gehirnzellen an, um einen Lösungsweg zu Papier zu bringen, von dem ich keine Ahnung hatte, ob er zu einem sinnvollen Ergebnis führen würde.

„Das sieht doch gar nicht so schlecht aus", meinte Thomas plötzlich dicht neben meinem Ohr.

„Mein Gott!", fauchte ich atemlos. „Was habe ich dir über das Erschrecken gesagt? Warum stehst du plötzlich neben mir?!"

Er deutete auf den Fernsehbildschirm. „Werbung."

„Das ist kein Grund, mich ins Grab zu bringen." Ich rang nach Atem. Warum mussten Geister sich auch so lautlos fortbewegen können? „Hast du gesagt, die Lösung sieht gut aus?"

„Habe ich." Er deutete auf eine Zeile in meinem Matheheft. „Nur damit solltest du dich noch einmal auseinandersetzen. Kleiner Rechenfehler."

„Kleiner Rechenfehler klingt besser als essentieller Verständnisfehler." Widerstrebend rechnete ich den Abschnitt in meinem Taschencomputer nach. „Oha, wie konnte das passieren? Du hast recht." Hastig korrigierte ich meine Zahlen. „Und das hast du einfach mal eben im Kopf ausgerechnet?" Fassungslos sah ich zu ihm auf. Feine Nebeltröpfchen landeten auf meinen Haaren. „Hast du schon mal deinen IQ überprüfen lassen?"

Spuk am BaumhausGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt