„April? April?!"
Nach wie vor am Fuß des Baumes liegend runzelte ich meine Stirn. Hatte da gerade jemand meinen Namen gerufen? Mein Gehirn mochte von dem Aufprall gegen den Baumstamm noch ziemlich vernebelt sein, aber das kam mir trotzdem komisch vor. Wer sollte mich in dieser Gegend Rostocks schon kennen?
„April! Verfluchte Scheiße!"
Der Fluch ließ mich zur Seite sehen.
Hinter der Minihecke ragte ein Kopf auf, der mir ziemlich bekannt vorkam. Ein Kopf mit blondem Haarknoten und wütenden grünen Augen.
Natürlich. Wäre meine geistige Verfassung etwas besser gewesen, hätte ich schon an seinem Fluch ablesen können, dass es sich bei dem Besucher um Jonathan handeln musste.
Er zog seinen Kopf zurück, um Sekunden später in einem eindrucksvollen Sprung über die Hecke zu setzen.
„Wow", murmelte ich. „Er sollte sich öfter in Hochsprung versuchen. Scheint mir talentiert zu sein."
„Nimm die Finger von ihr!" Schlagartig rannen dichte Schattenbänder über den Rasen auf mich zu. Sie kamen von überall her. In der Dämmerung wirkten sie wie dicke schwarze Schlangen.
Jonathan stürmte wutentbrannt auf mich zu.
„Ich habe nichts gemacht", stellte ich gleich richtig, bevor er mich anfahren konnte. „Ich bin völlig unschuldig, was auch immer du mir vorwirfst."
„Was ist los?" Thomas tauchte hektisch an meiner Seite auf. „Was ist passiert?"
Jonathan ballte die Fäuste. Seine Schatten bedeckten mich mittlerweile gut eine Hand breit. Hoffentlich hatte er nicht vor, sie wieder in Wölfe zu verwandeln und mir auf die Kehle zu hetzen.
„Wo ist er?", knurrte er, während er seine hin- und herwallenden Schatten anstarrte. „Ich kann ihn nicht erkennen."
„Wenn ihr von Jochen sprecht: der ist weg. Vor zwei Minuten oder so in die Nachwelt übergetreten." Ich bettete meinen Kopf wieder auf dem Wurzelgeflecht des Baums. Grashalme kitzelten mein Gesicht, aber die liegende Position war mir trotzdem am liebsten, da mein Gehirn dann nicht länger meinte, Breakdance aufführen zu müssen. Es war allerdings schwierig, eine einigermaßen angenehme Stellung für meinen Fuß zu finden.
Warum muss ich eigentlich ständig als Punchingball für Geister herhalten? Davon hatte ich wirklich langsam genug.
„Er ist verschwunden?", hakte Jonathan nach, wobei an seinem Kiefer ein Muskel zuckte. „In die Nachwelt?"
„Genau. In die Nachwelt."
Die frohe Botschaft schien ihn allerdings nicht wesentlich zu beruhigen, denn sein Gesichtsausdruck blieb wild. Verstand ich gar nicht. Wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, hätte ich Freudensprünge darüber gemacht, dass Jochen endlich von seinem Nachleben erlöst war.
„Hat er dich verletzt?" Jonathan ging neben mir in die Hocke. Seine Schatten glitten lautlos von mir herab.
Ich zuckte meine Schultern. „Langsam sollte ich daran gewöhnt sein, dass Geister auf mich einprügeln."
Thomas zog scharf die Luft ein. „Er hat dich verprügelt, nachdem ich weg war?!" Er schlug seine Hände vors Gesicht. „Ich wusste es! Immer mache ich genau das Falsche. Da meine ich, es wäre das Klügste, Jonathan zu Hilfe zu holen, aber dann treffe ich ihn zuhause überhaupt nicht an! Ich hätte einfach bei dir bleiben sollen, da er eh schon unterwegs hierher war. Oh, ich bin so eine Niete. Nie bin ich da, wenn du mich brauchst!" In seinen Selbstvorwürfen schien er nicht mehr weit davon entfernt zu sein, sich an Jochens leerem Erlenmeyerkolben aufzuspießen.
„Komm mal runter", murmelte ich. „Nachdem du weg warst, ist eigentlich nicht mehr viel passiert. Wir haben uns unterhalten. Richtig unterhalten. Hätte ich ja nie gedacht, dass Jochen und ich dazu in der Lage sein würden."
„Jetzt sag schon: was tut dir weh?" Jonathan beugte sich über mich, wobei einige aus seinem Knoten entflohene Haarsträhnen mein Gesicht streiften. Von Nahem sah er weniger wütend, als vielmehr besorgt aus.
Ich fand es süß, wenn er besorgt um mich war.
Als ich weiterhin kein Wort über meinen desaströsen Zustand verlor, legte er verzweifelt seine Hände an meine Wangen. „Sag schon. Ist es schlimm? Du liegst hier, als wenn es schlimm wäre."
„Es geht schon", erlöste ich ihn gnädig. „Ich bin irgendwie an diesem Baum gelandet. Kann sein, dass ich nicht wieder aufstehen kann. Mein Fußknöchel tut bestialisch weh. Könnte auch sein, dass ich mich übergeben muss, wenn ich aufstehe. Nicht wegen meines Fußknöchels. Also schon. Aber nicht nur." Konnte es sein, dass ich ganz schön wirr sprach? Ich entschloss, dass es unwichtig war. „Sobald ich aufstehe, dreht sich auch bestimmt wieder alles in meinem Kopf. Und diese hübschen Sternchen kommen dazu."
„Gehirnerschütterung?" Jonathans Hände lagen nach wie vor warm an meinen Wangen. Es war ein schönes Gefühl. Sehr tröstlich, wo ich doch in einem fremden Garten lag mit der Befürchtung nie wieder in die Senkrechte zu kommen.
Ich nickte schwach. „Könnte sein. Allerdings doppelt so schlimm wie meine Tackergehirnerschütterung."
„Ich habe nicht viel mitgekriegt, weil du rückwärts durch mich hindurchgeflogen bist, aber ich glaube, du warst eine Weile ohnmächtig", steuerte Thomas bei.
„Ich bin durch dich hindurchgeflogen?" Erschrocken sah ich zu ihm auf. Gleichzeitig stieg ein Bild vor mir auf, wie meine Füße über Jochens Rasen schwebten. Leider blieb es bei diesem einen Bild. Ich konnte mir nicht erklären, wie meine Füße in diese Position gekommen waren. „Mensch, das tut mir leid. Ich kann mich nicht richtig daran erinnern. Habe ich das absichtlich getan?"
„Nein. Eine von Jochens Druckwellen hat dich hochgerissen. Du konntest nichts dafür."
„Oh. Gut. Geht's dir wieder besser?"
„Bei mir ist alles bestens", versicherte Thomas. „Die viel dringlichere Frage lautet, wie es dir geht. Wie Jonathan schon sagte: du liegst hier, als wenn es sehr schlimm wäre."
Darüber dachte ich einen Moment nach. „Nein, ich liege nur, weil ich Angst habe, mich übergeben zu müssen, wenn ich mich aufsetze. Beinahe hätte ich vorhin auf Jochen gekotzt. Meinst du, Kotze ist fest genug, um Körperteile von Geistern auflösen zu lassen? Das wäre eine Sauerei geworden. Was für ein Glück, dass es nicht passiert ist."
Thomas beugte sich zu mir herab, sodass sein besorgtes Gesicht beinahe auf gleicher Höhe mit Jonathans war. „Hat er dir offenbart, was ihn hier hielt, nachdem ich verschwunden bin?"
„Ja, aber ich kann es nicht wiederholen. Es ist einfach zu schrecklich. Die arme Miranda. Und der arme Jochen." Ich seufzte schwer.
Jonathan hörte schweigend zu.
Armer Jonathan. Er konnte nur der Hälfte des Gesprächs folgen und er sah nicht so aus, als wenn meine Hälfte ihn beruhigen würde.
Ich seufzte noch einmal, bevor ich versuchte, mich aufzusetzen. Es erschien mir eine gute Idee zu sein, meinen Freunden nicht noch mehr Angst einzujagen, als es sowieso schon der Fall war.
Jonathan half mir, meinen Oberkörper in die Senkrechte zu bringen. Für mehr reichte meine Kraft nicht. Erste Sternchen stiegen vor meinen Augen auf. Meine Muskeln stellten ihren Dienst ein. Ich ließ mich kraftlos nach vorne kippen, was dazu führte, dass ich an Jonathans Brust landete.
Es war schön hier. Warm und stabil. Momentan, wo sich alles um mich herum drehte, war mir Stabilität sehr wichtig. Unter meinem Ohr konnte ich leise Jonathans Herzschlag hören. Mit dem festen Entschluss, nicht so schnell von diesem behaglichen Ort wegzugehen, legte ich meine Arme um ihn.
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Spuk am Baumhaus
Fiksi RemajaFortsetzung von Spuk im Keller. Über den Umgang mit Geistern: 1.: (Sei auf der Hut.) Das hilft gar nichts. 2.: (Lege, wenn möglich, Schutzweste und Helm an.) Sich an einem sicheren Ort anzuketten, ist noch besser. 3.: (Sei auf der Hut.) Siehe oben. ...
