Maya war es nicht gewohnt, eine Enttäuschung zu sein. Sie konnte nicht behaupten, dass sie das Gefühl mochte. Sie war als jüngste Frau jemals zur Protektorin der Flamme berufen worden und bekleidete seit einem halben Jahr das Amt im Orden, das die besten Aufstiegschancen bot. Diese waren allerdings drastisch geschrumpft, seit der Hinrichtung. Die Hohepriesterin war zur Salbung eines alten Freundes gerufen worden und hatte die Geschäfte im Palast für ein paar verhängnisvolle Stunden ihrer Protektorin überlassen. Während dieser wenigen Stunden hatte der König jemanden hinrichten lassen, ohne dass ein Ordensmitglied die Beichte abnahm, geschweige denn die Zustimmung der Hohen einholte. Der gesamte Orden wusste, wem das zu verdanken war. Bei jedem Schritt, den sie tat, spürte sie die Augen der Alten wie Nadelstiche im Rücken. Nur ihr Bruder hielt zu ihr.
„Ich geleite dich zur Matinée", sagte Aday. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass sie ansonsten das Weite suchen würde. Maya zwang sich, ihn anzulächeln.
„Hat Mutter dich darauf angesetzt?"
„Nein, ich denke sie wäre dagegen. Aber vielleicht lenkt meine Beförderung ein wenig den Blick von dir ab."
Die Hohepriesterin hatte Maya geohrfeigt, als sie zurück gekommen war. So fest, dass ihr Gesicht angeschwollen war und sie einen blauen Fleck auf der Wange bekommen hatte. Sie hatte viele davon an ihrem Bruder gesehen, aber selbst noch nie einen gehabt. Maya starrte stumpf vor sich hin. In der Mitte ihres Zimmers führten zwei Wendeltreppen in Richtung der Kuppel hinauf. Zwischen ihnen flackerte ein Mosaik aus buntem Licht auf dem Boden. Der Schein der Flamme strahlte durch den Boden aus Glas direkt in ihr Zimmer.
„Du denkst, sie befördern dich, nachdem ich sie blamiert habe?"
Ihre Stimme war hoch und schön normalerweise, doch heute klang sie belegt, als wäre Maya krank. Ihr Bruder schloss einen Knopf an seiner Robe. Maya trug eine ähnliche. Schlicht und funktionell, irgendetwas zwischen Priesterroben und Waffenrock.
„Ich hoffe, dass die Hohe es nicht für nötig hält, persönlich Einspruch zu erheben. Meinem General habe ich versichert, dass die Aktivitäten meiner Schwester... ihn nicht zu beunruhigen haben."
„Du hast ihm gesagt, du hast mich unter Kontrolle", murmelte Maya.
„Für unser beider Wohl hoffe ich, dass das stimmt."
Aday war gemessenen Schrittes zwischen die Wendeltreppen getreten und blinzelte nun hinauf in das helle Licht der Flamme. Selbst so weit weg, wie sie war, drang ein Überrest ihrer Wärme in den Raum. Hier war sie angenehm, doch oben in der Kuppel kaum zu ertragen. Aday war kleiner als Maya, aber das waren die meisten Menschen im Palast. Ihr Bruder war eines der Ordensmitglieder, die das Atheneum durchlaufen hatten. Er stand im Dienst eines hochrangigen Beraters der Hohepriesterin und hatte seine persönlichen Wünsche und Bedürfnisse wie Maya dem größeren Wohl untergeordnet. Doch dass seine Schwester nun ein bedeutenderes Amt bekleidete, als er selbst, war ihm etwas unheimlich. Er rechnete anscheinend damit, dass sie jederzeit einen schlimmen Fehler begehen könnte, der auf ihn zurückfallen würde. Er hatte Recht behalten.
„Was denkst du geschieht mit mir?", fragte sie leise. „Wenn ich es nicht schaffe, Ryas Gunst zurückzugewinnen?"
Adays Gesicht wurde hart. Was Maya getan hatte, hatte nicht nur ihre eigenen Status gefährdet, sondern der ganzen Familie geschadet. Sie waren geachtet, jeder von ihnen. Beide Kinder in den Rängen des Ordens hatten dem Familiennamen Ehre gemacht. Zumindest bis vor kurzem.
„Ich fürchte, dann musst du dich wieder mit dem jungen unheiligen Adel anfreunden."
Maya schluckte. Sie wusste nicht, wieso sie gefragt hatte. Die Antwort trieb ihr beinahe die Tränen in die Augen. Sie hatte sich von den gewöhnlichen Adligen distanziert, seit sie klein gewesen war. Ihre Familie war integraler Bestandteil des Ordens und es war klar, dass sie selbst entweder ein strahlender Teil davon werden, oder in Schande das Blau des Königs tragen würde. Die Art, wie sie jetzt behandelt wurde, wäre nichts im Vergleich dazu, was mit ihr geschehen würde, wenn der Orden sie nicht aufgenommen hätte. Oder sie verstieß.
„Es tut mir leid", flüsterte sie.
„Sag das nicht zur Hohepriesterin, es wird dich mehr kosten, als es dir einbringt."
Mayas Lippen zitterten. Sie tat ihr Möglichstes, um sich zu beherrschen, aber sie fühlte sich, als würde sich auch die letzte Person auf ihrer Seite nun gegen sie wenden. Ihre Mutter hatte nicht mit ihr gesprochen, ihr Vater ebenso wenig. Sie wurde abgestraft mit Stille und es würde bei weitem weniger weh tun, wenn ihre Familie sie anschreien würde, wie es die Hohe getan hatte. Man sagte Rya nach, sie sei eine gnädige Frau. Bisher hatte Maya es für eine Lüge gehalten.
„Kind, wenn du Dinge zerbrichst, wundere dich nicht über Scherben", zitierte ihr Bruder eine der Weisheiten, die ihre Mutter ihnen vorgesagt hatte.
„Spar' dir deine Herablassung."
Sie stand auf und trat ebenfalls in das bunte Licht der Kuppel zu ihm.
Höhergestellt als er. Jede Respektlosigkeit, die öffentlich gegen Maya ausgesprochen wurde, war ein direkter Afront gegen den Orden. Doch was vor den Augen der Stadt möglich war und was hinter verschlossenen Türen, waren zwei verschiedene Dinge.
„Ich bin deine Protektorin."
Ihr Bruder nickte langsam. Um seinen Mund bildeten sich bittere Falten, als er sich vorbeugte.
„Aber wie lange noch, Maya?", fragte er leise.
Sein Daumen tippte gegen den blauen Fleck auf ihrer Wange und sie riss den Kopf weg.
„Du solltest das wegmachen, bevor du nach draußen gehst. Nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf dich ziehen."
„Ich weiß, was ich tue."
„Ich habe meine Zweifel, Schwester, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren."
Er schien sich einen Moment zu fassen, bevor er sagte:
„Keine Fehler mehr. Verstanden? Nicht, wenn der Prinz zurück ist."
Maya beobachtete ihren Bruder zunehemend irritiert. Denn er wirkte besorgter, als zu dem Zeitpunkt, als er erst über ihre und dann über seine eigene Zukunft gesprochen hatte. Er hatte Angst.
„Was spielt es schon für eine Rolle, dass der Prinz zurück ist?"
„Macht ist oft subjektiv. Das wissen sie alle, das fürchten sie alle. Der König hat sein Ass gezogen."
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Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Fiksi Ilmiah"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
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