107 - Suite des Brautpaars

169 17 6
                                        

Man hatte tatsächlich eine der Drillinge in das Fackelträgerkostüm gesteckt. Das hatte Cress auf die harte Tour herausgefunden. Sie konnte kaum sehen vor Schmerz. Der Schlag, der sie in die Schläfe getroffen hatte, hatte Schaden angerichtet. Wie viel, konnte sie schlecht beurteilen. Außerdem hinkte sie. Eine Mischung aus den Nachwirkungen der Narben und dem, was gerade passiert war.

Der Schock saß tief. Die Schläge auch. Cress blinzelte den Park gerade, durch den sie lief. Sie hielt sich zwar unter den Bäumen auf und die Nacht tat ihr übriges, aber sie fühlte sich beobachtet. Auch mit gewendetem Mantel musste immer wieder ein metallischer Teil des Kostüms unter dem Stoff hervorblitzen. Alles konnte sie verraten. Schließlich war sie in Blickweite der Palastfenster und hinter ihr hörte man die Nachwehen der Zeremonie, die sie vermieden hatte.

Sie hätte nicht auf so engem Raum mit Coria landen sollen. Die Pläne der Schaumeister sahen die Gardistin der Hohen an einem anderen Ort vor. Cress hätte nur einen Tänzer bewusstlos schlagen und fesseln sollen. Nicht eine der verfluchten Schwestern. Doch als ihr jemand die Fechtmaske vom Gesicht lupfte, wusste sie, dass sie nur ein paar Minuten hatte, um ihr Leben zu retten. Schwestern waren immer schon ein seltsames Konzept gewesen für Cress. Anscheinend erkannten sie einander auch maskiert und im Kostüm.

Es war ein dreckiger Kampf. Cress wusste nicht welche der Drei sie abbekommen hatte, aber sie war heilfroh, dass diese allein gewesen war. Zwei oder alle drei von diesem Kaliber – sie war so schon kaum davongekommen.

Julian hatte seinen Fixpunkt nicht in die Suite gesetzt, in der er normalerweise im Palast lebte. Zum einen, weil sie weiter weg vom Geschehen war, zum anderen, weil man dort schwieriger einbrechen konnte.

Cress machte sich darauf gefasst, eine Hochzeitsnacht zu unterbrechen. Mit zusammengebissenen Zähnen zog sie sich die Mauer hinauf und schwang sich auf den Balkon. Doch das Brautpaar saß noch im Vorzimmer. Julian trug wieder sein weißes Hemd. Die Uniformjacke hing locker über einer Stuhllehne.

„Ich habe dir gesagt, ich kann mich nicht konzentrieren", hörte sie seine Stimme hinaus in die Nacht wehen.

„Du bist einfach schlechter geworden."

„Ich habe in den Narben gegen ehrlichere Leute gespielt als dich."

Als Cress die Balkontür hinter sich zuschob, sahen René und Julian von ihren Karten auf. Julian warf sein Blatt auf den Tisch und kam herüber geeilt. Dass sie hier war bedeutete, dass etwas schief gegangen war. Außerdem war sie voller Blut.

„Verletzt?"

„Kopf."

Sie spürte, wie das Blut ihren Nacken hinunter rann und neigte den Kopf nach vorne. Julian zog eine Tischdecke von einer Komode und presste sie an ihren Hinterkopf.

„René", rief er über die Schulter.

„Hier."

Ein Verbandskoffer landete neben ihr auf dem Boden. Das Brautpaar war eingespielt, als hätten sie schon hunderte Verletzte behandelt, die durch ihr Fenster einstiegen.

„Es ist nicht tief", sagte René zu der Kopfwunde. „Das blutet nur. Aber die am Arm ..."

Cress sah auf den Schnitt hinunter, den der Dolch der Frau in ihren Bizeps gerissen hatte. Blut sammelte sich in ihrer Handfläche und tropfte auf den Boden.

Julian nahm sie am Kinn und sah ihr prüfend in die Augen.

„Kopfschmerzen?"

„Wurdest du entdeckt?", fragte René stattdessen, während sie eine Kompresse um Cress Arm schlang. Cress schüttelte den Kopf.

„Ich denke nicht."

„Wer war das?"

„Eine von den drei", ächzet Cress. „Sie war auf der falschen Position."

René hielt inne, senkte den Verbandsstoff einen Moment uns sah Julian an, dessen Miene noch düsterer wurde. Die Bluthunde der Hohen waren im Palast unterwegs und einer von ihnen hatte Cress Fährte aufgenommen.

„René", machte Julian im Ton von jemandem, der sich zwang ruhig zu bleiben. „Funk Nico an. Sie wissen, dass jemand hier ist. Wenn die Hohe bescheid weiß, müssen wir abbrechen."

René stand auf und verschwand aus Cress Blickfeld.

„Du hast nicht ...", fragte Julian. „Hat sie dein Gesicht gesehen?"

Er sah hinter Cress durch das Fenster hinaus, als würde er damit rechnen, dass jede Sekunde eine vor Rache rasende weiße Schwester dort auftauchen würde.

„Sie ist tot, Julian. Ich habe sie oft genug erstochen, um mir sicher zu sein."

Julian ließ sie los und auch René, die gerade begonnen hatte mit Nico zu sprechen, ließ das Funkgerät sinken. Cress stützte sich in die Höhe und die Welt schwankte wie ein Schiff. Julian hätte weniger fassungslos ausgesehen, hätte Cress gerade verkündigt, dass sie die Hohe bereits getötet hatte. Stille breitete sich im Raum aus, bis René irgendwann sagte:

„Respekt."

Das riss Julian aus seiner Starre.

„Wo ist sie jetzt?"

„In einer Wäschetruhe der Artisten."

Cress zog ihre Handschuhe aus. Ihre Knöchel waren wundgeschlagen. Sie spannte ihre Finger noch einmal probeweise an, aber es war keiner gebrochen. Dann wurde ihr die erneute Stille bewusst und sie sah auf. Julian und René schienen vergessen zu haben, wie man sich bewegte.

„Ich habe den Schlüssel gestohlen. Vor dem Morgen findet sie hoffentlich niemand."

Sie zog einen Eisenschlüssel aus einer der eilig eingenähten Taschen in ihrem Kostüm. Julian und René sahen sich an und irgendetwas ging zwischen ihnen vor, das Cress nicht verstand. Sie war zu müde, um sich auch noch darum Gedanken zu machen.

„Trink was."

Man reichte ihr eine Wasserflasche, während René wieder mit Nico sprach und Julians Blick auf dem Schnitt an Cress Schläfe lag.

„Mein Kopf tut weh", murrte Cress. Julian schüttelte einmal mehr ungläubig den seinen.

„Die Drillinge sind Kampfmeister im Atheneum, Cress. Es gibt keine besseren Krieger im Orden."

Cress wischte sich mit einem Zipfel der Tischdecke Blut von der Lippe. Julians Gesicht waberte vor ihren Augen. Sie schüttelte ihn ab, aber er nahm sie noch einmal entschieden am Kinn und sah ihr prüfend in beide Augen, bevor er sie losließ. Man musste kein Genie sein, um die Gehirnerschütterung zu erkennen. Die Knochenschwester hatte Cress mit voller Wucht in den Boden gerammt.

„Wir haben alle schon gegen eine der drei verloren im Atheneum. Und da hatten sie es nur auf unsere Ehre abgesehen, nicht auf unser Leben. Victoria hat auch gegen sie gekämpft. Und verloren."

Das war es also, wieso Julian und René so geschockt waren. Sie hatten Victoria gegen die gleiche Ordenswache verlieren sehen, die Cress angegriffen hatte. Die Cress getötet hatte an diesem Abend. Es war nicht Teil des Plans gewesen.

„Was sage ich Nico?", fragte René. Julian ließ seinen Blick von dem Verband um Cress Arm zu ihrem immer noch blutenden Kopf wandern.

„Wie viele Finger siehst du?"

„Ich kann es immer noch tun. Ich kann laufen und alles."

„Beantworte die Frage."

Cress versuchte seine ringbewährte Hand gerade zu blinzeln. Nach etwa dreißig Sekunden sah Julian zu René hinüber und schüttelte den Kopf.

„Hey!", protestierte Cress. „Werde ich nicht gefragt?"

„Du würdest auch ohne Kopf losziehen, um die Hohe zu töten, aber du bist durch für heute. Wenn ich dich so hinter Rya herschicke, kommst du nicht zurück."

Er half ihr hoch und brachte sie hinüber zum Sofa.

„Alles was sie vollblutet müssen wir loswerden", warnte René.

„Ach was", sagte Julian und griff nach seinem Weinglas neben den Karten. „Es ist unsere Hochzeitsnacht. Da wird niemand Fragen stellen."

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt