88 - Arete Villa, Finjas Arbeitszimmer

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Der Adel wurde in den Narben beinahe als gottgleich angesehen. Unbesiegbar, unverletzlich. Selbst Cress, die versucht hatte, van Garde umzubringen, trug diese Ahnung mit sich herum. Dass es Menschen gab, die unantastbarer waren, als andere. Van Garde zählte dazu, Finja ... und er erst Recht. Was sie sah, ergab keinen Sinn.

Denn Julian Alessandrini war verletzt. Auf seinem Rücken lagen Plasmabinden. Halbtransparente Bandagen spannten sich bis zu seinem Nacken hinauf. Darunter sah man schwach verletzten Muskel. Es war eine so böse Wunde, die Fehl am Platz wirkte in dem schönen Studierzimmer. So brutal hatte niemand in den Ringen ausgesehen. Doch das war nicht der einzige Grund, wieso sie so stark darauf reagierte. Cress streckte die Hand nach dem Türrahmen aus, weil sie ins Schwanken geriet.

Julian fuhr herum. Cress starrte immer noch. Vorne zogen sich Blutergüsse, Krusten und Plasmabandagen über seinen Rumpf. Von den Beckenknochen bis zu den Schlüsselbeinen schien man ihn gerade so zusammengeflickt zu haben. Cress fragte sich, wie bei den Sternen er aufrecht stehen konnte.

Der Arzt wippte unruhig auf den Fußsohlen auf und ab. Er hatte sich ebenfalls zur Tür umgewandt.

„Später", sagte Julian zu ihm.

„Hoheit, ich muss noch einmal betonen ..."

„Später."

Julian bedankte sich. Der alte Mann wirkte erleichtert, als er an Cress vorbei schritt und penibel darauf achtete, seinem Patienten nicht den Rücken zuzukehren.

Cress wich ihm aus und blieb im Türrahmen stehen. Die Bandagen waren neu, die Wunden also noch nicht vollständig verheilt. Wie ihre eigenen. Seine Schulter hatte auch etwas abbekommen. Die Verletzung am Arm, die er sich eingefangen hatte, weil er den Vorsprung übersehen hatte, war wirklich das geringste seiner Probleme. Cress hatte einen Moment vergessen, dass auf dem Rumpf ein Kopf saß, dieser Augen hatte und sie ebenfalls sah, wie sie da stand und ihn musterte.

„Komm rein", sagte er und seine Stimme war leise. Unsicher.

Cress Gedanken rasten, aber sie kam in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Dieses Mal ganz. Sie dachte zurück an ihren Spiegel, sah ihre eigenen Hände an den Steinwänden hinunter schrammen, ihren Rücken, ihre Beine. Sie sah genauso aus wie er, zumindest was die Abschürfungen anging. Julian machte keine Anstalten nach dem Hemd zu greifen, das über der Stuhllehne hing. Dafür war es zu spät.

„Du warst über mir im Fels, du warst gesichert", Cress hörte ihre eigene Stimme nur dumpf. „Wie viele Cyborgs ... waren es überhaupt die Narben? Was hast du ...?"

„Nicht Katania", stellte Julian klar. „Das ist aus den Narben."

Cress zog einmal um ihn herum, um das Ausmaß der Zerstörung zu betrachten. Sie kannte Schusswunden, Cyborgbisse und ähnliches. Nicht soetwas. Wäre er ein Farbloser in den Narben, hätten ihn diese Wunden ohne Zweifel umgebracht.

„Du siehst so schlimm aus wie ich", keuchte sie.

Sein Blick war abwartend, während er nun doch sein Hemd vom Stuhl nahm und überwarf.

Cress wusste, dass es dumm war, schon in dem Moment, in dem sie sich dazu entschied. Sie tat es trotzdem, packte ihn an den Oberarmen und stieß Julian hart und plötzlich gegen die Wand. Er zog so scharf die Luft ein, dass sie sich sicher war, dass es weh getan hatte. Es war keine Masche. Er log nicht, er hatte wirklich Schmerzen. Er schlug nicht nach ihr, wie Nico es getan hätte.

„Verdammt", stöhnte der Kronprinz Richtung Stuckdecke. „Kannst du das lassen?"

Als er auf sie hinuntersah, glaubte sie immer noch, ihn zu erwischen. Sie suchte in seinem Gesicht. Nach einem hämischen Funkeln, einem bisschen Spaß, nach der Pointe. Es gab keine. Cress hatte beide Fäuste um seinen Hemdkragen geballt.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt