„Wirst du es versuchen?"
Julians Stimme war ruhig, aber das überraschte Cress nicht. Er war es gewohnt Soldaten ins Feld zu schicken und vermutlich deren Tode live mitzuerleben. Sie hatte den Kopf zur Seite gewandt, um nicht direkt in die Flamme zu sehen. Ihre Schutzausrüstung war zwar gut, aber sie sollte sie vor der Kälte der Narben beschützen. Nicht vor diesem handtellergroßen Inferno. Cress hatte keine Ahnung, wie er so schnell an die Informationen gekommen war, die er ihr durchgegeben hatte, während er selbst tief in den Narben an einer Felswand hing. Sie wusste nur, dass ihr die Zeit davon lief. Dass sie nicht lange durchhalten würde, eingesperrt mit diesem Ding, das sich immer tiefer in den Fels brannte. Dieses Ding, das am anderen Ende der Stadt angebetet wurde und heiß war wie ein Hochofen.
„Ich tue es."
„Die Wände der Schlucht enthalten Kristalladern", sagte Maya in ihrem Zimmer zu Nico. „Wenn das Feuer eine größere von ihnen trifft, wird es aufgehalten. Es wird nicht durch mehrere Zentimeter hindurch kommen, selbst wenn diese roh sind."
Maya war aufgestanden und ging hinüber zu dem Rund aus Buntglas, durch das die große Flamme schien. Die Flamme, die eigentlich die einzige ihrer Art sein sollte.
„Ausgebildete Ordensleute können den Stein nutzen, sobald sie eine Verbindung aufgebaut haben. Aber bei so einer Menge könnte es reichen, ihn zu weihen, um die Flamme zu dämpfen. Vielleicht genug, um zu überleben."
„Weihen? Mit einem Tieropfer?"
Maya sah dem Farbenspiel über sich zu und fragte sich, ob sie morgen noch Ordensmitglied sein würde.
„Mit menschlichem Blut."
Cress hatte ihren Handschuh zwischen den Zähnen und versuchte noch einmal, die Tür aufzubekommen. Es funktionierte nicht. Seit sie in einem Raum mit der Flamme feststeckte, ergab es auch Sinn, wieso die Gänge hierher so verwaist gewesen waren. Vermutlich waren alle anderen Menschen klug genug, sich von überirdischen Dingen fernzuhalten. Sie schnitt sich in die Hand und achtete penibel darauf, dass kein Blut auf den Boden tropfte. Das Feuer schien noch heller zu brennen. Sie betrachtete die kleine rote Blutlache, die sich auf ihrer Handfläche bildete und hoffte, dass Julians Informationen sie davor retten würden, von den verdammten Göttern des Ordens verbrannt zu werden. Das gleißende Licht der Flamme spiegelte sich darin und sie musste die Augen zukneifen, weil selbst der Widerschein schmerzhaft war. Sie tropfte es auf den Boden und beim Aufkommen zischelte ihr Blut. Nichts passierte.
„Wie viel Blut?"
„Bei Menschen reichen meist ein paar Tropfen. Zumindest für die kleinen Kristalle."
Sie musste an die Ader kommen, sagte Julian. Cress wusste, dass es nicht reichen würde. Sie hatte vor ihren Füßen ein Loch in den Fels geschlagen, aber tief kam sie nicht. Sie war stark, aber erschöpft und Stein zu zerbrechen benötigte eine Art von Kraft, die sie nicht mehr hatte. Der Schnitt blutete ihr in den Handschuh. Frustriert stöhnte sie auf, hielt inne, kämpfte ihre aufsteigende Panik nieder, machte weiter. Eine Steinader. Sie brauchte ein Funkeln, das war alles. Sie konnte nicht tief sein, wenn das Feuer sich nicht mehr durch den Stein fraß, sondern hier angehalten hatte. Aber selbst die Klinge, die die Adligen ihr gegeben hatten, brach. Sie stand auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war so unerträglich heiß inzwischen, dass sie sich in den Regen draußen zurückwünschte.
„Ich muss es sprengen, sonst komme ich nicht an die Ader."
Julian fragte nicht, ob sie das konnte, sondern:
„Hast du Deckung?"
Cress sah sich um. Die kurze Antwort war: nein. Die lange Antwort war: sie würde lieber in die Luft fliegen, als sich von der Flamme langsam kochen zu lassen.
DU LIEST GERADE
Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Science Fiction"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
![Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]](https://img.wattpad.com/cover/365692119-64-k130980.jpg)