120 - Heiligtum

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„Coria!"

Der Name war an Cress gerichtet, aber es war der Name einer Toten. Einer weiteren Toten, wie die, über die sie immer noch gebeugt stand. Cress ließ sie kommen, eine Hand auf der noch warmen Wange der Hohen und ihre Fechtmaske wieder über dem Gesicht. Ihre Bluthunde kamen zu spät. Die alte Frau war lange fort.

Zwei paar Stiefel. Beide Schwestern. Sie hielt so lange still, bis die beiden neben ihr standen. Bis eine von ihnen zwischen Cress und dem Feuer stand. Das Pech hatte zwischen Cress und dem Feuer zu stehen. Cress spannte die Beine an, warf sich mit der Schulter gegen die weiße Schwester und diese taumelte. Stürzte. Erst versuchte sie auf die Beine zu kommen, machte ein wütendes Geräusch. Dann registrierte ihr Körper den Schmerz und sie begann zu schreien, als das weiße Feuer sich in ihre Unterschenkel und Knie brannte. Die zweite schlug nach Cress und erwischte ihre Schulter, aber dann war sie bei ihrer Schwester und zog sie aus den Flammen. Der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die Luft. Die verbrannte Frau war wimmernd zu Boden gesunken.

„Hast du den Verstand verloren?", keifte die Älteste.

„Ich habe gehört, heute Nacht werden Verräter verbrannt."

Beide starrten sie an. Das war nicht die Stimme ihrer Schwester.

„Wo ist Coria?"

„Tot."

Cress hatte immer noch nicht einmal eine Waffe gezogen.

„Ich habe sie getötet. Vor ein paar Stunden."

Die beiden identischen Gesichter waren wie versteinert.

„Lügner", knurrte die Jüngere, die aus unerfindlichen Gründen immer noch nicht ohnmächtig geworden war vor Schmerz. „Lügner!"

Die Ältere ging auf Cress los, aber diese trat ihr den regungslosen Körper der Hohen entgegen und die Gardistin stoppte, um ihn fast zärtlich wieder zurück auf die Bank zu legen. Ihre Augen waren groß geworden.

„Coria ist tot", wiederholte Cress. „Und die Hohe auch."

Dieses Mal war der Schock beiden anzusehen. Dieses Mal gab es keinen Platz für Lügen. Cress konnte ihre Angst spüren. Denn wenn die Hohe tot war, dann konnte jeder tot sein. Auch ihre Schwester. Als Cheleste dieses Mal hinter ihr her kam, rannte Cress. Sie würde in einem fairen Kampf nicht gewinnen. Nicht gegen einen noch stärkeren Drilling.

„Renn nur weg", brülte die weiße Frau, während sie hinter Cress die Wendeltreppe hinaufpreschte. „Niemand entkommt. Niemand entkommt dem Feuer!"

Sag das deiner Schwester.

Cress kletterte auf die Balken des Dachstuhls hinaus. Im Vergleich zu den Netzen waren die Balken ein Kinderspiel. Nur war Cheleste Nocturna noch nie in den Netzen gewesen. Und als Cress sie auf das Holz hinausklettern sah, wusste sie, wie die Frau sterben würde. Sie tauschten ein paar Schläge in der Hitze des Dachstuhls. Für einen Moment dachte Cress, sie selbst würde fallen, doch sie fing sich wieder. Die Nocturna Schwester klammerte sich an einen Pfeiler, als hinge ihr Leben davon ab. Was der Wahrheit entsprach. Cress kletterte noch höher in den Dachstuhl hinauf. Die weiße Frau folgte ihr. Unklug.

„Wer bist du?", brüllte Cheleste Nocturna von unten. Blut strömte aus ihrer Nase.

„Stell dich mir, du Feigling!"

Cress tat ihr den Gefallen. Sie sprang von ihrem Balken, nahm im Fallen ihre Fechtmaske ab. Und als sie vor Cheleste Nocturna landete, holte diese schon zum Schlag aus. Cress sah den Triumph in ihrem Gesicht. Die Freude über den taktischen Fehler, dass sie nicht hinter ihr gelandet war. So lange, bis sie ihr Gegenüber erkannte.

Chelestes Schlag ging ins Leere. Die lodernde Wut in ihren Augen erlosch, wie glühender Stahl in Wasser. Cress ließ ihr gerade genug Zeit, dass sie nach Luft schnappen konnte. Sie hätte sie in diesem Moment erstechen können. Die Klinge lag schon in ihrer Hand und sie hatte keine Gegenwehr zu erwarten. Doch etwas am Gesichtsaudruck der Frau ...

„Erinnerst du dich an mich?"

Ihre Stimme verhallte im Heiligtum. Die älteste Nocturna Schwester wich einen Schritt zurück. Ihr Mund war so weit offen, dass Cress ihre Zunge sehen konnte. Blanke Angst stand in ihren Augen. Noch ein Schritt rückwärts auf dem Balken.

„Du bist tot."

„Bin ich?"

Cress setzte ihr nach. Die weiße Frau begann zu beten und die Worte schienen zwischen den alten Steinmauern mehrfach widerzuhallen, als wäre sie ein ganzer Chor. Die Balken ächzten unter ihrem Gewicht, als sie die Flucht ergriff. Es mochte stimmen, dass Cheleste Nocturna eine furchteinflößende Kriegerin war. Sie war aber auch eine Gläubige. Und in ihrer Religion blieben die Toten tot. Cress ließ sie fliehen. Dann sprang sie und landete ein Stockwerk tiefer wieder direkt vor den Füßen der weißen Schwester.

„Du hast mich hinuntergestoßen. Du warst es, die mich in die Narben gestoßen hat."

Es war etwas an der Angst im Blick der Kriegerin, das Cress die Gewissheit gab. Wenn man jemanden tötete, musste man auf die ein oder andere Art Frieden machen damit. Diese Frau hatte zu ihren Göttern gebetet. Hatte die Erinnerung ins große Gedächtnis gelegt. Sie hatte Victoria Ivess-Yorda auf ihre eigene Art begraben. Nur, damit sie ihr nun wieder in die Augen sah.

„Es ist wahr, weißt du?", Cress hatte immer noch keine Klinge gezogen. „Deine Schwester ist tot. Ich habe sie geholt. Schon vor Stunden."

„Geh zurück in den Abgrund!", kreischte die Nocturna und stürmte auf sie los. Fahrig, unkoordiniert.

Cress stieg mit dem Stiefel auf eines der losen Holzbretter, sodass dieses nach oben schnappte und der Weg ihres Gegenübers plötzlich in einem Abgrund endete. Cheleste Nocturna fand ihr Gleichgewicht in letzter Sekunde wieder.

„Ich denke nicht", sagte Cress trocken. „Nicht ohne dich."

Sie grinste die weiße Gardistin an, vor der Julians ganzer Zirkel zitterte. Cheleste Nocturna wandte sich auf dem Absatz um und rannte. Cress musste nicht mehr tun, als ihr auf den Umhang zu treten, damit sie das Gleichgewicht verlor.

Cheleste Nocturna fiel schreiend in einem Wirbel aus weißem Stoff. Fünf Stockwerke auf den Marmorboden. Cress ging nicht einmal hinüber, um zu prüfen, ob sie noch lebte. Die letzte lebendige Schwester war in der Zwischenzeit auf eine der Türen zugekrochen. Auf eine der verschlossenen Türen. Sie bewegte sich so langsam, dass Cress erst noch einmal zur Hohen zurück ging.

Ihre Augen starrten starr nach oben. Kein Erinnerungskristall, keine Salbung. Keine Zeremonie für diesen leisen Tod, der die Welt erschüttern würde. Cress nahm eine der Silberketten mit, die die alte Frau trug. Schließlich war sie immer noch eine Diebin. Sie sah auch noch einen Moment auf Cheleste Nocturna hinunter, deren Arme weit ausgebreitet waren, als würde sie ihre Götter umarmen wollen. Der Rausch des Mordes ging noch einmal über sie, wie eine Welle. Erfüllte die alte Steinhalle mit Tosen. Vier Körper in der Halle. Nur noch zwei lebendig. Cress streifte die Maske wieder über ihr Gesicht und ging hinüber zur letzten Schwester.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt