Julian verschwand mitsamt seiner scheinbar endlosen Briefstapel, nachdem Cress nicht mehr mit ihm sprach. Es gab nichts mehr zu sagen, fand sie, jetzt wo sie wusste, dass die Erinnerung, die um ihren Hals hing, niemals wieder in ihren Kopf zurückkehren würde. Vielleicht sollte es sie erleichtern, dass er so ein schlechtes Gewissen hatte, dass er sie kaum ansehen konnte. Dass selbst die kältesten Adligen nicht ganz gefühllos waren. Doch das dämpfte ihre Enttäuschung kaum. Ihr Entsetzen über den Zustand ihres Körpers, obwohl die besten Ärzte der Welt sich um sie kümmerten, kam noch hinzu. Cress war es gewohnt, sich auf ihre Muskeln und ihr Körperbewusstsein verlassen zu können. Das war vorbei. Sie konnte anfangs nicht einmal alleine auf die Toilette gehen. Es waren die gleichen Ärzte, die ihr dabei halfen. Vollkommen überqualifiziert und mit Geld oder Geheimnissen zum Schweigen gebracht von den jungen Adligen. Vielleicht war es gar nicht sein schlechtes Gewissen gewesen, das Julian vertrieben hatte. Vielleicht war es die Angst gewesen, ihr helfen zu müssen oder sich der Tatsache zu stellen, wie abstoßend man jemand so gebrochenen fand. Sie sah ihn nicht wieder. Stattdessen kam Nico scheinbar zu seinem persönlichen Vergnügen vorbei und spielte mit ihr Schach. Beziehungsweise er schlug sie im Schach, nachdem er Cress anfängliche Weigerung mit ihr zu reden als Chance wahrnahm, sie vollzulabern. Cress war überzeugt, dass er es nur tat, weil sie ihn nicht schlagen konnte in ihrem Zustand. Es war auch Nico, der ihr eröffnete, dass sie mit den jungen Adligen trainieren sollte, um ihre Kondition wieder aufzubauen. Cress glaubte, sich verhört zu haben. Doch als sie mit Lachen fertig war, hatte van Garde keine Miene verzogen.
„Mit euch", sagte Cress. „Auf gar keinen Fall."
Nico grinste nur unverbindlich.
„Ich bin in die Narben gefallen. Die Liste mit den Verletzungen liegt da hinten. Noch hat mir niemand irgendetwas gesagt."
Und selbst wenn sie es nicht wäre, würde sie ungern ausgerechnet gegen dieses Grüppchen menschlicher Killermaschinen mit guten Manieren kämpfen. Er war Luftwaffengeneral, bei allen Sternen. Nico schlug genüsslich ihre Dame.
„Täubchen, wenn unsere medizinische Technologie nicht so fortgeschritten wäre, wärst du nicht mehr am Leben. Vertrau darauf. Ich gebe dir noch ... sagen wir fünf Tage, bevor wir mit leichtem Training anfangen."
„Wieso habe ich das Gefühl, dass Euer ‚leichtes Training' schlimmer wird als ein Cyb Angriff bei Starkregen."
„Siehst du", machte van Garde, beugte sich über das Brett und klopfte ihr auf die Schulter. „Wir kennen uns doch ganz gut inzwischen. Und du wolltest keine Freunde sein. Pfff."
Cress fragte sich, ob es helfen würde, wenn sie zu weinen anfing.
„Der Hundeblick bringt dir gar nichts", sagte van Garde und tätschelte ihr väterlich den Kopf. „Du bist dran."
Cress fragte sich, wann er so unvorsichtig damit geworden war, sie zu berühren. Es schien van Garde Spaß zu machen, seinen Worten mit aufmunternden Gesten zu widersprechen. Noch verwirrender war aber die Selbstverständlichkeit, mit der die Männer ihr Gesellschaft leisteten. Die Adligen schienen richtiggehend geschockt, dass sie fast gestorben wäre. Sie hatten sie gerettet und jetzt investierten sie Zeit, Mühe und (wahrscheinlich am irrelevantesten für Julians Zirkel) Geld in ihre Genesung. Cress wurde endgültig misstrauisch.
„Nico, wieso bist du nett zu mir?", fragte sie, während sie die Schachfiguren zurück in das entsprechende Etuie steckte.
„Noch", sagte er nur, was alles und nichts bedeuten konnte.
„Ich bin sicher, du hast besseres zu tun, als mit mir Schach zu spielen."
„Nun ja, man kann das kaum Spielen nennen."
„Sag mir, wieso du hier bist."
Hatte Julian ihn geschickt? Wahrscheinlich. Doch van Garde war aus eigenem Antrieb gekommen, um ihr zu sagen, dass die Erinnerung ... Cress Gedanken erlahmten. Van Garde war ehrlich zu ihr gewesen. Seitdem wusste sie, dass er sie nicht ganz so sehr hasste, wie er vorgab. Nico lehnte sich zurück und verschränkte die Hände über dem Bauch. Er lächelte sie an.
„Ich verstecke mich vor der Frau, die ich liebe", sagte er.
Cress hätte gerne ihren eigenen Gesichtsausdruck gesehen und drehte den Kopf zur Seite, damit ihr eine Sekunde sein Anblick erspart blieb. Van Garde hatte Liebeskummer?
„Ich glaube, mir wird schlecht", sagte sie.
Van Garde kicherte, nahm ihr das Etuie ab und stellte die Figuren ein weiteres Mal auf.
„Sie wird hier nicht auftauchen, das weiß ich sicher. Dein Zimmer ist einer der wenigen Orte, wo sie mich nicht finden wird."
„Ich weiß nicht, ob wir an dem Punkt angekommen sind, an dem wir über dein Gefühlsleben sprechen können, Nicolas."
Er stieß ein bellendes Lachen aus. Vielleicht, weil sie ihn Nicolas genannt hatte.
„Aktuell herrscht immerhin gleichstand, was Mordversuche angeht", gab er zu bedenken.
„Du gibst also zu, dass der Abstieg von der Plattform mörderisch war?"
Er wedelte mit der Hand. „Ich habe etwas überreagiert."
Er schwieg, während er die Figuren neu aufstellte. Cress beobachtete ihn dabei. Er war trauriger, als er zugab, wenn er sich sogar entschuldigte bei ihr. Es war taktisch klug, ihn sein Herz ausschütten zu lassen. Wobei sie bezweifelte, dass er es mehr tun würde, als er wollte. So einsam konnte er gar nicht sein. Cress seufzte tief und massierte sich einen Moment die Schläfen. Dass es taktisch klug war, sich einen emotionalen Zugang zu van Garde zu erarbeiten, hieß nicht, dass es Spaß machen würde. Denn er musste sich genug in Sicherheit wiegen, um ihr mehr zu erzählen. Und dafür musste sie selbst etwas preisgeben.
„In den Narben war ich zusammen mit einen anderen Joker", sagte Cress unvermittelt. Van Garde merkte auf, aber er unterbrach sie nicht. „Erst hat er auf mich aufgepasst und mir geholfen, indem er mir die Regeln der Gilde beigebracht hat. Er war der erste und einzige Mensch in den Narben, der mich respektiert hat. Dann wurde beschlossen, dass ich nicht mehr gebraucht wurde. Ich bin eines Tages zu ihm gekommen und er hat mir wortwörtlich einen Dolch in den Rücken gerammt. Auf Nana Rouges Anweisung."
Van Gardes Blick flackerte. Sie sah, wie sich seine Hand anspannte auf dem Schachbrett. Cress hatte nicht erwartet, dass es sie so treffen würde, darüber zu sprechen. Es war noch nicht so lange her, wie sie es gerne hätte und ihre Stimme war noch nicht fest genug. Es war eine dumme Idee gewesen. Vermutlich würde van Garde ihr gar nichts erzählen.
„Wie hast du überlebt?", fragte er.
„Ich bin geflohen. Hatte genug Freunde, um mir zu helfen. Und der Herr der Diamonds wusste, dass mein Leben ihm gehört, wenn er dafür sorgt, dass ich nicht sterbe. Mein erster Gildenwechsel. Aber ich werde nicht vergessen, was er getan hat. Er hat geweint dabei", sie sah es wieder vor sich. „Aber er hat es trotzdem getan."
Van Garde sah sie so lange an, dass es unangenehm wurde. Cress bereute ihren Ausbruch. Sie hätte es nicht erzählen sollen. Auf was hatte sie gehofft, Mitleid von ausgerechnet diesem Mann? Sie hätte am liebsten über sich selbst gelacht.
„Sie heiratet jemand anderen", sagte van Garde unvermittelt. Cress beobachtete den blonden Mann mit neuem Interesse. Es passte nicht in ihr Weltbild, dass er irgendwo einen Teil seiner Psyche hatte, der weich genug war, um in diesem Ton von einem anderen Menschen zu sprechen.
„Ihr wart verlobt?"
„Beinahe."
Sein Kiefer war angespannt, die Worte kamen gepresst heraus. Cress Gehirn ratterte. Van Garde war eine der besten Partien im Palast. Sie wusste nicht, wo er in der Thronfolge stand, aber sogar als Geist ohne irgendeine Ahnung von den Regeln, nach denen der Palast funktionierte, konnte sie sich denken, dass es nicht viele Menschen gab, die ihn verlassen würden. Eine bessere politische Heirat gab es kaum. Außer ...
„Oh", machte sie. Er lächelte nicht mehr.
Cress zog es vor, es dabei zu belassen, damit sie nicht wieder von einer Wettermacherplattform absteigen musste.
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Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Fiksi Ilmiah"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
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