125 - Suite des Generals

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„Was machst du hier?"

„Abschied nehmen."

Nico sank auf einen Stuhl am Fenster, fassungslos. Seine Jacke war voller Staub, Ruß und Blut, ihre Uniform roch wahrscheinlich nach Parfum. Er hätte ihr gerne unterstellt, dass sie den Plan in böser Absicht geschmiedet hatte, aber dafür war die Nacht zu schnell eskaliert. Das Feuer vor dem Heiligtum, die Erinnerungen aus dem Atheneum, die Explosionen ... alles nur ein Vorspiel.

„Du gehst mit ihm", sagte er dumpf. Dass sie es wagte, ihn so anzusehen. Erst heiratete sie seinen Cousin, wartete bis er sich weit genug damit abgefunden hatte, dass er nicht mehr schreien wollte, wenn er sie sah, und dann verließ sie ihn vollends. Wie Julian ihn damals verlassen hatte. Scheinbar schmerzlos, während Nico in sein Kissen weinte.

„Ich komme zurück."

„In drei Jahren oder in zehn?"

Nico würde den Palast nicht verlassen. Er konnte nicht fliehen, wie sein Cousin, wenn sie eine einigermaßen gesicherte Kontrolle über die Thronfolge haben wollten. Er musste bleiben und dem König als einziger in die Augen sehen, nachdem sie ihn bloßstellten. Offen rebellierten, wie es die Menschen in den Kolonien getan hatten, bevor Julian über sie hereingebrochen war. Er war der einzige, der nicht rennen würde und damit derjenige, den sie am wahrscheinlichsten umbringen würden.

„Ich werde dich bei mir tragen. Ich fordere nichts mehr von dir. Du musst nur wissen, dass ich gehe, obwohl ich bleiben will. Dass ich meiner Pflicht folge und nicht meinem Willen."

Nico konnte sie kaum ansehen. Er wollte sie küssen, wollte sie halten, aber er konnte sie kaum ansehen.

„Du gehörst ihm schon so lange."

„Du hast mich nicht einmal gebeten zu bleiben. Julian hat mich gebeten, zu gehen."

Nico hätte sich amüsieren können über ihren Trotz, aber die Endgültigkeit, die ihm unter die Haut gekrochen war, erstickte das Gefühl im Keim. Nur die Nacht blieb. Vor den Fenstern und in seiner Brust. Sternlos und ohne Horizonte. Er stand mit einem Mal vor ihr, so nah, dass er sehen konnte, wo die Schminkpinsel ihre Haut gestreichelt hatten. So nah, dass er diese Haut riechen konnte, die ihm wertvoller gewesen war als seine eigene. Über Jahre hatte er um ihre Aufmerksamkeit gefeilscht, hatte sich verliebt, obwohl es skandalös war. Doch Liebe hatte viele Formen und die, die mit ihm im Raum stand, war innerhalb von Stunden abgekühlt. Staub rieselte aus seinen Haaren, als er den Kopf zu ihr senkte.

„Dann geh. Nimm deine Geheimnisse mit, deine Ziele, deinen Ehrgeiz."

„Es tut mir leid."

„Du tust es trotzdem."

Kein Kampf mehr in René. Sie hatte die Schultern sinken gelassen, die Anspannung war verschwunden, als wäre sie erleichtert. Er hatte gesehen, wie angespannt sie ihm Brautkleid gewesen war, mit welcher Entschlossenheit sie ihrer Ehe entgegengetreten war, während er auf ihren schönen Rücken gestarrt hatte. Machtlos.

„Ich werde dich wieder sehen", sagte sie. Nico hatte sich abgewandt. Die Demütigung traf ihn tief. Dass er es nicht kommen gesehen hatte. Dass er sich nie die Frage gestellt hatte, ob sie sich für ihn entscheiden würde, wenn dieses extreme Szenario einträte. Dass er nicht selbst begriffen hatte, dass die Antwort nein sein würde. Er stand vor einer unfassbar schwierigen Aufgabe und sie würde nicht da sein, um ihm zu helfen.

„Eines Tages wird er dich verraten", sagte er zum Zimmer und konnte sich fast einbilden, dass es leer war. „Du bist zwar seine Braut, aber nicht sein Herz. Wenn er wählen muss, bist es nicht du, die er rettet."

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und er drehte sich wieder zu ihr um, nur um die Berührung abschütteln zu können. Augen wie Wasser, nun im kältesten Aggregatszustand, den sie erreichen konnten.

„Ich brauche keine Rettung", sagte René de Chirouelle-Avalinis. „Das hat dich schon immer gestört an mir. Dass du mich nicht retten kannst, weil ich alles meine und will, was ich tue. Damit kannst du nicht leben."

So nah, dass er sie fast schmecken konnte und gleichzeitig so weit entfernt, dass er sie kaum noch sah.

„Ich kann nicht mit jemandem leben, der sich selbst wählt, wenn er mich wählen sollte", fuhr Nico auf. „Wenn ich alle Opfer bringe und du keines. Ehrgeiz, Talent, das reicht nicht, René. Du musst mehr lieben als das, was in dir lebt."

Sie ging rückwärts. Etwas in ihrem Blick hatte sich verschlossen.

„Ich habe dich geliebt", sagte sie und es war, als würde sie ihn anspucken.

„Nicht genug", entgegnete Nico laut und in dem Moment, in dem er es aussprach, begriff er dir Wahrheit seiner Worte. „Nicht genug."

Seine Stimme erstarb, die Anklage hing in der Luft wie ein Seil, das sich um ihre beiden Hälse geschlungen hatte. Es gab keine Gewinner, wo es keine Luft gab.

„Leb wohl, Nico", sagte sie, eine Hand auf der Tapetentür.

„Geh."

Ein Ausatmen. Das gleiche Wort, das er Cress entgegen geschleudert hatte, als sie in der Nacht zu ihm gekommen war, um ihn zu verführen. Wertlos, abgehackt. Jetzt wünschte er sich, er hätte sie ausgezogen, hätte sie bei sich behalten und gespürt, wie sie unter ihm bebte. Nicht, weil er sie mochte, sondern weil er wollte, dass irgendjemand litt, wie er litt. Weil er mehr als Julians Schachfigur sein wollte, mehr als die Arme, die René auffingen. Es spielte keine Rolle, ob es wirklich so weit gekommen wäre. Allein die Vorstellung war heilsam. Nicholas van Garde schloss die Augen und schämte sich vor sich selbst.

„Bitte, geh."

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt