„Du musst dich als General nicht mehr beweisen", hatte er zu Julian gesagt. „Aber als König musst du das."
Nicholas van Garde hatte einen Eid geleistet, als er noch ein Kind war. Er hatte geschworen, seinen Cousin zu beschützen. Ihm die Treue zu halten und ihm den Rücken zu stärken. Er hatte seinen kindlichen Eid nie gebrochen und auch diese verfluchte Nacht würde Nico mit intakter Ehre verlassen. Er würde nicht brechen, er würde nicht anfangen überstürzt Pläne zu schmieden gegen seinen Fixstern, seine Familie. Gegen seinen zukünftigen König. Wenn er das tat, wenn sie jetzt begannen untereinander zu kämpfen, dann konnte nicht einmal Julian mehr die Welt retten. Diese Nacht würde er seinen Eid noch halten. Was danach kam wussten nur die Sterne.
Nico joggte gefolgt von Soldaten auf die riesigen Tore des Atheneums zu, die verlassen und verschlossen dalagen. Die königstreuen Soldaten auf den Mauern waren leicht zu überrumpeln. Nico sah zu, wie Panik ausbrach und wieder erstarb. Er zielte durch die offenen Visiere von drei Nachtwachen und tötete sie schnell und effizient. Der Wind wehte Musik von einer der immer noch ausgelassenen Feiern zu Julians und Renés Ehren vor sich her, während Nico über einen Soldaten am Boden stieg und mit blutigen Händen die weißen Tore des Atheneums aufdrückte.
Zerstöre es, hatte sein Cousin gebeten. Gib mir zehn gute Männer, hatte Nico geantwortet. Er war dabei, auf Befehl seines Cousins Amokzulaufen. Nico hatte für einen Moment die Kontrolle verloren, als er Maya Adelen und Will zusammengebrochen vor dem Heiligtum gefunden hatte. Hatte Angst bekommen, Abscheu verspürt. Schuld. Jetzt war er in dem seelenlosen Modus, den Julian brauchte. Jetzt war er in der richtigen Stimmung, Dinge niederzubrennen.
Sie stiegen hinunter, dorthin wo keine Gemälde mehr hingen und sprengten mehrere dicke Metalltüren in die Luft. Hinhocken, Kinn auf die Brust, Mund auf. Rokokoengel barsten. Der Geruch von brennendem Stoff hing in der Luft. Die roten Teppiche hinunter in den Keller waren schmutzig von den Soldatenstiefeln. Sie triggerten gut zehn stille Alarme, aber es gab niemanden, bei dem die Warnungen ankommen konnten. Der Dekan lag irgendwo betrunken auf Gabriel Walshs nackter Brust und schlief. Alle tödlichen Studenten, die dieses ehrwürdige Haus hatte, waren in ähnlichem Zustand. Der Orden fraß sich selbst und die Soldaten des Königs standen vor den Mauern des Palasts und warteten darauf, dass die Sonne aufging.
Nico pfiff seine Männer zurück, als sie die letzte Metalltür erreichten. Er brachte die Sprengsätze selbst an und dann rollte eine weitere Explosion durch den gepanzerten Untergrund des Atheneums, die jeden in Fetzen gerissen hätte, der nicht schnell genug rannte. Draußen würde man nichts davon mitbekommen. Diese Wände waren gebaut, um jeder Bombe standzuhalten. Sie beschützten etwas, das in der ganzen elenden Geschichte der Menschheit einzigartig war.
Nico presste sich einen Ärmel vor den Mund, stieg über Schutt und durch Rauch hinunter. Durch den Rahmen an geschmolzenem Metall. In den Raum, in dem sie Julian geschmiedet hatten. In dem er von einem Jungen zu einer Waffe geworden war. In dem sie ihm weh getan hatten.
Die Maschine hatte drei ausladende bewegliche Metallsphären, die auch jetzt noch sanft glühten. Das Bild brannte sich in Nicos Netzhäute ein. Technologie, so fortgeschritten, so jenseits aller Vorstellungskraft, dass man eine Religion daraus gegründet hatte. Sie schraubten die Sphären auseinander, Rissen Kabel mit brachialer Gewalt ab. Eine hell leuchtende Flüssigkeit tropfte auf den Boden und ein scharfer Geruch erfüllte den Raum. Sie schleppten alles nach oben. Das Metallrund mussten sie zu fünft tragen und rissen versehentlich einen Türstock damit ab. In der Eingangshalle sah Nico zu den Gemälden der Feldherren hinauf, zu den Stuckverzierten Decken. Er hätte Jahrzehnte weiter hier studieren können und trotzdem nie den gleichen Punkt erreicht, wie sein Cousin. Es bereitete Nico eine tiefe böse Freude, derjenige zu sein, der hier war und es zerstörte.
Er ging hinauf in das Büro des Dekans, wie damals, als er sein Examen bestanden hatte. Dorthin, wo Victorias Vater jahrelang gesessen hatte. Wo sowohl diejenigen, die seine Tochter später umbringen wollten, als auch diejenigen, die sie retten wollten, ausgebildet worden waren. Nicos Männer hatten die Tür aus den Angeln gehoben, die Wandvertäfelung heruntergerissen und den begehbaren Tresor geknackt. Jetzt standen sie mit betroffenen Gesichtern da und starrten auf das, was sich darin befand. Die Erinnerungen hingen in kleinen Metallhalterungen an einem runden Gerüst. Ausnahmslos Erinnerungen an Kriege. Jede hatte eine Nummer, einen festen Platz gehabt, bis Nico mit beiden Händen hineingriff und begann, sie lieblos in Putzeimer zu werfen. Die heiligen Steine, die uralten gestohlenen Leben, klangen wie wertlose Glasscherben.
DU LIEST GERADE
Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Ciencia Ficción"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
![Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]](https://img.wattpad.com/cover/365692119-64-k130980.jpg)