Sie hatte ihn angeschrien, hatte die Nägel in seine Arme gegraben. Ihn ins Wasser gestoßen. Er war tatsächlich gefallen, hart auf die Kiesel am Rand des Sees gestürzt. Hatte sich den Unterarm aufgeschürft dabei. Es hätte dabei bleiben können, aber sie war ihm nach gekommen. Er kannte das, hatte sie im Atheneum gegen genug Menschen kämpfen gesehen, wenn sie wütend war. Nur nie gegen ihn. Nicht so.
Beide waren sie zu Boden gegangen im flachen Wasser. Sie hatte ihm die Luft abgeschnürt und er hatte sich nach hinten fallen lassen, um sie loszuwerden. Die Kiesel und die Kälte hatten sie beide kaum gespürt. Doch als sie unter ihm im Wasser lag, nach Luft japsend knapp über der Oberfläche. Da hatte er ihren Puls unter seinen Händen gespürt. Und ihm war aufgefallen, dass sie ihm gleichen Rhythmus atmeten.
Er hatte sie dort am Boden gehalten, bis die Wut der Kälte wich und sie zu zittern begann. Sie hatte schon zweimal die Selbstbeherrschung verloren, die ihnen allen gewaltsam eingebläut worden war. Immer ihm gegenüber. Dabei hatte ihm Victoria gezeigt, wie er seine Emotionen unter Kontrolle behalten konnte in den Momenten, in denen es darauf ankam. Er konnte sich nicht vorstellen, was in den Narben mit ihr geschehen war, aber was auch immer es war, sein Sprung in die Tiefe war keine Absolution dafür. Sie atmete langsamer. Sah ihn klarer. Julian gab sich noch einen Moment, bis er sicherer war, dass sie ihm nicht wieder an die Kehle gehen würde.
Dann zog er sie zurück ans Ufer. Nass bis auf die Haut und mit blutenden Kratzern saßen sie dort. Sie zog die Knie an die Brust und schloss die Augen. Dann entschuldigte sie sich. Julian schüttelte nur den Kopf und rieb sich den Oberarm.
Seine blutenden Handlächen hatte er an der teuren Hose abgewischt, ohne mit der Wimper zu zucken. Sein Blut klebte auch an ihrem Oberteil, weil er sie zurück zum Haus gebracht hatte. Nun lagen seine Hände flach auf dem Schreibtisch. Nun sahen sie sich an, über die Dokumente hinweg, klar und fokussiert. Julians Rücken schmerzte noch von dem Training, das er gerade hinter sich gebracht hatte und ihr Gerangel im See hatte es nicht besser gemacht. Cress Unterarme lagen angespannt auf der Tischoberfläche. Die Schrammen wurden bereits violett. Alles war ruhig und gleichzeitig tobte ein Sturm hinter den Augen der beiden, der seinesgleichen suchte. Er fragte sich, ob sie ihn vielleicht irgendwann küssen würde anstatt ihn zu schlagen, aber es war nicht der richtige Moment, um den Vorschlag zu machen.
Hier würde die Entscheidung fallen. Nicht in einer der Kammern mit den Ministern, nicht im Gespräch mit seiner Schwester. Nicht vor den Füßen seines Vaters. Hier, zwischen ihnen beiden würde eine Münze fallen und Kopf oder Zahl würden über der Stadt aufgehen wie zwei alternative Sonnen.
„Wenn du mich nicht davon abhältst", sagte Julian leise wie ein Nachtgebet. „werde ich sie umbringen."
Von Konsequenzen sprach niemand mehr. Cress Erinnerung hing schimmernd an ihrem Hals. Von ihr ging das einzige Licht aus, der Rest des Raums wurde mit jeder Sekunde dunkler.
Der Joker des Kreuzbuben, der Proteger der Herzdame, der Schatten der Diamonds und Spades sah den Kronprinzen an. Kartenfarben unter ihrer Haut, blutrot wie das, was sie planten. In den Narben und im Palast beteten in diesem Moment Menschen zu der Frau, die für alles verantwortlich war, was geschehen war. Für Jahre in der Tiefe.
„Tod der Hohen", sagte Cress ebenso leise wie ihr Gegenüber gesprochen hatte. Und das Schicksal der Welt änderte seinen Verlauf mit einem Sprung.
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Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Science Fiction"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
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