91 - Haus der Künste

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Als Cress das erste Mal seit der Nacht in den Narben die Arete Insel verließ, tat sie es alleine. Die Sonne brannte vom Himmel, als wolle sie noch den letzten Winkel erhellen und jedes Geheimnis lüften. Cress trug einen blauen federleichten Mantel, der sie auf dem Wasser tarnen sollte, denn am Ufer wartete ein Boot auf sie. Außerdem trug sie eine Plasmamaske, die ihr Gesicht verfremdete. Eine Maske der gleichen Art, wie sie ihr Auftraggeber in den Narben getragen hatte. Teuer und illegal, aber beides war kein Hindernis für Julian. Zusammen mit einem Soldaten in Ziviluniform steuerte sie circa eine Stunde durch den Wasserspeicher. Gerade als Cress schlecht wurde von dem Geschaukel, erreichten sie das Ufer einer anderen, größeren Insel. Dann stieg sie eine von Rosenbögen überspannte Steintreppe hinauf in Richtung eines sonnengelb gestrichenen Hauses. Weit weg von dem, in dem sie die letzten Wochen verbracht hatte und deswegen fand Cress jedes Detail interesssant. Nico war fast aus den Latschen gekippt, als man ihm gesagt hatte, dass die Tänzer im Arete Anwesen aufgekreuzt waren.

„Wollt ihr noch ein großes Schild draußen aufhängen, auf dem ‚hier passiert was' steht?", hatte er gewettert. Deswegen war Cress jetzt hier, in einem Garten voller symmetrisch angelegter Blumenbeete, die mit Glaskugeln in allen Formen und Farben garniert waren. Dicke Bienen suchten sich ihren Weg zwischen den Blüten, um die Pollen dann zu ihrem Nest zurück zu tragen. Cress kam sich vor wie eine von ihnen. Allein irgendwo wervolle Beute sammeln für die Gruppe. Niemand fragte, ob man den Arbeiterbienen vertrauen konnte.

„Was kannst du?", fragte der aschblonde Mann, der ihr kurz darauf gegenüber saß. Er war Cress deutlich weniger sympathisch als der, der mit ihr die Kostümprobe gemacht hatte. Einen Ticken weniger groß, durchtrainiert, grimmig. Seine Augenbrauen waren steil nach oben gekämmt, was ihm das Aussehen eines Raubvogels gab. Er war vorhin so leise aus dem Halbschatten im Hof des Hauses aufgetaucht, dass sie sich zu Tode erschrocken hatte. Normalerweise bewegte sich kaum jemand so lautlos, dass sie es nicht mitbekam. Nicht einmal die Herzdame. Jetzt saßen sie sich im Garten gegenüber und er hatte ihr nicht einmal etwas zu trinken angeboten, bevor er anfing. Wäre sie nicht gerade erst aus den Narben gekrochen, wäre sie todesbeleidigt.

„Akrobatik, Trapez?"

„Von allem ein bisschen."

Er schien darüber nicht amüsiert. Im Gegensatz zu seinem Kollegen mit den weichen Händen hatte dieser Artist weder Zeit noch Lust, sie über ihr Liebesleben auszufragen. Oder sich allgemein mit ihr zu unterhalten.

„Auf einer königlichen Hochzeit reicht ein bisschen nicht."

Cress Lippen kräuselten sich unter dem skeptischen Blick des Artisten. Sie hätte ihm gerne die Korkenzieherlocken lang gezogen für die Arroganz, die er ausstrahlte. Auch wenn er vermutlich in dem Punkt recht hatte. Julians und Renés Hochzeit schien eine Menge Menschen bis an die Grenze des Wahnsinns zu bringen.

„Ich war lange verletzt", sagte sie. „Ich kann nicht auf hundert Prozent sein bis zum Termin des Aufstiegs."

Der Artist schüttelte den Kopf, als wolle er fragen: ‚Was machst du dann hier?'. Cress konnte sich denken, dass er erfahren war. Nur die besten Tänzer und Schausteller wurden überhaupt in Betracht gezogen für das Theater im Palast und sie gehörte nicht dazu. Trotzdem hatte Maline Federicy ihn geschickt, um ihr eine Rolle zu geben. So wie er aussah, überlegte er wahrscheinlich, sie als Baum verkleidet in einer Ecke zu parken.

„Wieso will Maline, dass du teilnimmst?"

Cress sah auf den Gartentisch hinunter, auf dem die Schatten der Bäume schwankten. Vermutlich hatte man auch diesem Artisten eingebläut, dass er keine Fragen zu stellen hatte. Das hatte ja gut funktioniert. Außerdem nannte er die Schaumeisterin beim Vornamen, das tat nicht einmal Oliver. Wer auch immer das war, er stand hoch in der Nahrungskette. Zumindest, was diese seltsamen Künstler anging.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt