Nachricht von der offiziellen Verlobung breitete sich aus wie ein Lauffeuer. Julian Alessandrini und René de Chirouelle-Avalinis würden sich vermählen. Während der gesamten Abwesenheit des Prinzen hatten die Spekulationen darüber, ob die Hochzeit stattfinden würde, den Adel in Atem gehalten. Es war eine Allianz, die Kontakte und Geld bringen würde und deshalb war der Orden nicht begeistert. Die Familie der Braut war respektiert, hatte aber den ein oder anderen Skandal hinter sich. Vor ein paar Jahrzehnten waren sie noch Außenseiter gewesen. Nun war Renés Vater niemand, der es noch nötig hatte, weiter aufzusteigen im Adel. Er hatte seine eigenen Arrangements mit dem König getroffen. Aus Sicht des Adels war das Hauptmanko der Allianz die schlichte Tatsache, dass René nicht Victoria Ivess-Yorda war. Sie war eine begnadete Strategin, charismatisch und klug, aber sie brachte nicht die gleiche Macht mit, die die Tochter des Atheneumsdekans verkörpert hatte. Manche fanden es gut. Sie konnten Renés Maske noch mehr potenziell mütterliche Sanftheit abgewinnen, als der Verstorbenen. Sie missverstanden Schönheit als Schwäche und die Diamanten um Renés Hals als Spiegel für Julian. Doch dieser wusste genau, dass er einen politischen Verbündeten heiratete. Dass er sie mit sich auf eine Stufe hob und ihr damit die Macht gab, ihm zu schaden. Er wusste es, während sie vor dem Schreibtisch seines Vaters saßen und mit den Anwälten die Dokumente durchgingen. Er wusste es, als er der Hohen schrieb und sie um Erlaubnis bat. Er hatte sich mit einem Team aus politischen Beratern darauf vorbereitet, in Verhandlungen mit dem Orden zu treten, doch Rya schien nicht daran interessiert, sich das alles noch einmal anzutun.
Sie sagte zu. Es war getan.
René würde Königin werden.
Julian sah ab und zu zu ihr hinüber, wie sie zwischen den Männern thronte, die mit tausend Paragraphen versuchten, ihren Einfluss einzuschränken. Seit Jahren wurde er unter Druck gesetzt wegen der Hochzeit. Es hatte nur aufgehört, als er die Rebellion niedergeschlagen hatte. Nicht, weil ihm niemand mehr geschrieben hatte, sondern weil die Briefe ihn nicht erreichten inmitten der Kämpfe.
Er sollte sich glücklich schätzen, dachte er. Er heiratete keine Fremde, sondern eine seiner besten Freundinnen. Dieses Privileg hatten nicht viele Menschen, nicht einmal die, die verliebt waren. Vor allem niemand, der einen König zum Vater hatte. Doch der Schmerz wollte nicht vergehen. Er konnte ihn betäuben, aber er kam wieder, sobald er allein war. Das Papier des Vertrags fühlte sich so dünn an unter seinen Fingern, während die königlichen Notare ihm beim Unterschreiben zusahen.
René ebenfalls.
Doch Julian beobachtete nicht die Hand seiner Braut. Er dachte an die Hohe. Dass diese der Hochzeit umgehend zugestimmt hatte, konnte viele Gründe haben. Wenn man wusste, was Julian und René wussten, dann war es verdächtig. Sie hatten darüber gesprochen, vor ein paar Tagen in seiner Palastsuite. Über die offensive Taktik, die sie fahren wollten. Darüber, wie sie die Hohe und seinen Vater gleichzeitig testen würden. Bis jetzt hatte nur einer von beiden angebissen und es war nicht der König.
Julian warf René einen vorsichtigen Blick zu und sie erwiderte ihn, ohne den Kopf zu drehen. Sie hatten etwas begonnen, in dem Moment, in dem sie den Füller angesetzt hatten. Das Gewicht des Ehevertrags war nichts im Vergleich zu dem, was an ihm hing. Eine Dynastie hin oder her, könnte man meinen, ein paar Leben in die Waage. Julian hatte heute sein eigenes hinzugefügt und fühlte, wie die Waage kippte. Denn so oft das Atheneum ihnen gesagt hatte, dass sie nichts wert waren, so oft Julians Vater die Hand gegen ihn erhoben hatte, ... er hatte es lange geahnt, aber erst vollends begriffen, als er ans andere Ende der Welt geflogen war und ihm niemand folgte. Dass all das, was sein Vater ihm antat, aus dem Umstand erwuchs, dass er seinen Sohn kontrollieren musste. Julian war jemand, der unter Kontrolle gebracht gehörte. Das hieß, er war gefährlich und noch viel gefährlicher, seit er genau das begriffen hatte.
Er sah zu, wie der Ehevertrag zwischen den runzligen Händen des Notars zum Ruhen kam. René legte ihre Hand auf seine, sodass sich der Alessandrini Ring gegen seinen Mittelfinger drückte. Als Julian zu seinem Vater hinüber sah, stand etwas wie Zufriedenheit in den Augen des Königs. Es verschwand, sobald er sich auf seinen Sohn fixierte. Wie es wohl sein musste für seinen Vater, fragte sich Julian, Hoffnung zu haben und diese dann entrissen zu bekommen. Eine Zukunft zu sehen, hell und immer heller werdend, bis sie brannte.
Der Vertrag als Brandbeschleuniger, seine Verlobte als Komplizin, eine Frau ohne Erinnerung als Streichholz. Seit er sich gesetzt hatte, standen ihm die Härchen im Nacken zu Berge und seine in den Narben ausgerenkte Schulter krampfte wieder. Der König und die Hohe waren gefürchtete Menschen. Sie ragten links und rechts des Tischs auf, wie Sphinxen. Sie waren grausame, alte Grenzen einer kleinen halbtoten Welt. Keiner von ihnen hätte in Kauf genommen, eine Flamme an die Zukunft zu halten. Keiner von ihnen hätte in Kauf genommen, sich selbst und alles, was man liebte, aufs Spiel zu setzen, damit die Waage kippte.
Julian sah zu seinem Vater hinauf und spürte, wie sich das Gewicht seiner Entscheidung auf seine Schultern senkte. Schwer, wie damals, als er nach Katania geflogen war. Kronprinzen sollten nicht frei denken und Entscheidungen treffen, sie sollten in den Fußstapfen ihrer Väter einen langen gewundenen Weg gehen. Jedes Mal, wenn man ihn verließ, wartete ein Abgrund auf einen.
Er nickte seinem Vater zu und dieser nickte zurück. Mehr Anerkennung, als er in den Jahren vor seinem Exil bekommen hatte. Der Abgrund gähnte unter dem glänzenden Parkett. Darin das Feuer, das er beschworen hatte. Es rumorte unter ihnen, während er aufstand und Renés Stuhl zurückzog, er fiel schon seit geraumer Zeit. Mit René, mit Victorias Geist, mit seinen Freunden und allen, die sich mit ihm alliiert hatten. Er bildete sich ein, die Schreie zu hören, seinen eigenen am lautesten. Doch Julian war auch dieses Mal nicht gefallen, sondern gesprungen.
Draußen zog René ihn an sich und sie standen eine Weile da. Sie zitterte, er fühlte sich taub und letztendlich begannen sie zu rauchen, draußen auf einem der Balkone, nachdem er die Dienstboten weggeschickt hatte. Einer von ihnen war gestolpert, so eilig hatte er es, davon zu kommen.
„So fängt es also an", sagte seine Verlobte, die nun auf dem Papier bereits seine Frau war. Mit einer Unterschrift, einem Ring, ohne Kuss. Was interessierte es den Staat, ob es Liebe war, das er besiegelte?
„Sh", machte Julian. „Nichts wird sich ändern."
René schnaubte und schüttelte dann so lange den Kopf, bis er wieder zu ihr hinüber sah.
„Ruh dich aus", sagte sie und küsste ihn auf die Wange. „Es wird sehr viel von diesem Nichts passieren demnächst und du kannst kaum geradeaus sehen."
Julian stieß ein kleines Lachen aus, stützte sie Hände aufs Geländer und senkte einige Momente den Kopf. Er war müder, als je zuvor, aber ab einem gewissen Punkt fühlte es sich nicht mehr wie Müdigkeit an. Mehr wie Alkohol.
„Hast du noch Schmerzen?", fragte René. Sie vermied es, seinen Rücken zu berühren. Nur seine Hände, sein Gesicht. Wahrscheinlich zu gleichen Teilen wegen Victoria und seinen Verletzungen, aber darüber sprachen sie nicht.
„Solche Schmerzen vergehen nicht so schnell, wie ich es bräuchte", murmelte Julian in einem überraschend ehrlichen Moment. René nickte.
„Sag mir, wenn ich etwas tun kann."
„Du hast schon alles getan", sagte er und sah ihr ins Gesicht.
René lächelte. Dann boxte sie ihn auf den Oberarm. Nicht fest, aber er fuhr trotzdem zusammen. Nach dem Gespräch über die Hochzeit, hatte er Angst gehabt, dass sie ihn verabscheuen könnte. Er war durch den Wind gewesen und zu verletzt, um zu sehen, dass René nicht gegen seine besten Interessen handelte, sondern dass sie ihm sein mickriges Leben rettete. Seines, Victorias ... Der König war abgelenkt, die Hohe schwelgte in ihren eigenen Plänen für ihn und seine Herrschaft und sie beide konnten mit dem nächsten Schritt ihres Plans fortfahren, sobald Finja ihren Teil getan hatte. Das Feuer griff um sich und Julian war bisher der einzige, der den Rauch roch. Sein Feuer, aber es lag in der Natur der Flamme, keinem Herren lange zu dienen.
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Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Science Fiction"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
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