104 - Türme

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Aus allen vier Himmelsrichtungen kamen die Fackelträger. Sie rannten unter dem Johlen der Menge über die Dächer, schwangen sich an kaum sichtbaren Seilen dazwischen hindurch. Silberne Wirbel von Menschen.
Die Schaumeisterin hatte die Tänzer, die ebenfalls durch die Straßen zogen, mit Beuteln voller Süßigkeiten ausgestattet, die sie mit beiden Händen in die Menge warfen. Die Fackelträger hingegen hatten nur eine Aufgabe: das weiße Feuer in ihren Händen zum Palast zu bringen.

Sie waren auf den Inseln gestartet, jeder von ihnen auf einer anderen. Erst mit Booten weitergefahren, die auf dem dunklen Wasser wie Sterne am Nachthimmel schienen. Über die Stege, unter dem Gejohle der Menschen über die öffentlichen Plätze. Hinauf auf die Dächer und über die Dachfirste unter den Augen der tanzenden, trinkenden Menge. Fechtmasken, silberne Rüstungen, weiße Kapuzenmäntel, die hinter ihnen her flogen wie die Mähnen schneller Pferde. Kostüme wie aus dem Theater, aber eine ganze Stadt als Bühne.

Vor den Palastmauern wechselten sie auf weiße Pferde. Die Fackeln loderten höher, warfen weiße Funken. Oben auf dem Turm wartete die Hohe auf das falsche Feuer. Maya sah sie am Rand stehen, zusammen mit ihrer Mutter und einigen anderen mächtigen Ordensmitgliedern. Der Orden hatte sich Schulter an Schulter auf den Turm gequetscht, unter die vier großen Kelche, die die Feuersäulen halten würden. Die Abwesenheit ihres Bruders hätte Aufmerksamkeit erregt, wenn er nicht so schlecht ausgesehen hätte, dass ihm ohne Frage abgenommen wurde, dass er krank war. Nun interessierte sich niemand mehr für ihn, nicht einmal ihre Mutter, während das Licht der Kerzen unten um den Fuß der Türme flutete.

Maya hatte nicht gedacht, dass man die Menschen so weit oben noch hören würde. Dass sie die Musik hören würden, die unten vor dem Palast gespielt wurde und den Lärm der Menge. Wenn man hier lebte, hatte man so viel damit zu tun die Intrigen zu navigieren, dass man vergaß, dass es eine Welt außerhalb dieser Wände gab. Sie hatte sich versammelt heute Nacht und Maya fühlte sich verwundbar in ihrem neu geschneiderten Kleid. Die Hohe stand nur einen Meter von ihr entfernt, während die Menschen um die Türme strömten. Auf jedem Platz in der Stadt standen ihre Priester und überall brannten ihre Feuer unter den Menschen. Die blanken Feuersäulen warfen schon jetzt das normale Licht tausendfach zurück, während Maya die Flamme noch unter Verschluss hielt. Wenn sie sie entzündete, würde man sie bis in die Wüste hinaus sehen. Bis zum Himmel hinauf.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt