98 - Arete Insel, Am Wasser

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Das Wasser lief in winzigen Wellen auf den Kiesstrand und benetzte Cress Füße. Sie rechnete immer noch mit Schmerz, mit Brandblasen, aber es kam und ging friedlich. Sie war barfuß von der Villa den steilen Pfad heruntergelaufen, der auch zur Landeplattform führte. Dann war sie davon abgewichen und durch die Heide hinunter zum Wasser gegangen. Cress fragte sich, wie viele Kilometer es von hier bis zum Palast waren. Sehen konnte sie die Türme nicht, nur die Stadtmauer in der verblauenden Ferne zwischen weiteren Inseln. Zwischen einzelnen blauen Fetzen war der Himmel grau und unruhig.

Als Julian kam, sah er nicht aus wie ein Mann, der sich auf seine Hochzeit vorbereitet, sondern wie jemand, der gerade dem Gefängnis entronnen war. Cress hatte viele Mörder gesehen in ihrem Leben, viele verschiedene Reaktionen auf die eigenen Verbrechen. Manche schrien sich heiser, andere verloren ihre Stimme und wieder andere aßen unbekümmert zu Abend und gingen schlafen, ohne zu träumen. Julian sah erschüttert aus, aber ein wenig friedlicher als er gegangen war. Sie konnte nicht sagen, welche Art Mörder er war.

„Hast du ihn getötet?", fragte sie. Julian sah über das Wasser. Dann schüttelte er zu ihrer Überraschung ganz leicht den Kopf.

„Er muss seine Mitverschwörer warnen. So sehr ich den Mann hasse, er ist es nicht, den wir brauchen. Er muss sie alle aufscheuchen, damit ich sie sehe."

„Er wird versuchen zu fliehen."

„Wohin will er fliehen?", fragte Julian flach. „In die Narben, in die Wüste, nach Katania? Aday Adelen hat keinen Ort mehr, an dem er sich verstecken kann. Für den Rest seines Lebens existiert er unter meiner Wache."

Wie lang dieses Leben dauern würde, ließ Julian offen.

„Seine Familie hat nur Macht in den Türmen und dort wird er nicht mehr willkommen sein, wenn er der Hohen seine Karten zeigt. Falls er es tut, um sie zu retten."

Cress setzte sich in Bewegung. Sie ertrug das Stillstehen nicht mehr, während um sie her Bomben in Form von Sätzen einschlugen.

„Du kannst ihn morgen umbringen lassen, in zehn Jahren oder gar nicht.", sagte Cress.

„Das ist nicht meine Entscheidung."

Seine Stimme wehte mit dem kühlen Wind zu ihr herüber.

„Sein Verbrechen richtet sich gegen uns beide. Gegen Victorias ganze Familie, aber trotz deiner gestohlenen Erinnerungen an erster Stelle gegen dich."

Er hielt sie zurück. Fünf Finger und eine Handfläche auf ihren Armmuskeln. Zu Beginn hatten die Adligen es vermieden, sie zu berühren. Nur Julian nicht, als wäre es unnatürlicher für ihn, es zu vermeiden, als es zu tun.

„Ein Wort", sagte er. „Ein Wort und ich bringe ihn dir."

Cress war froh, dass sie seine Augen sehen konnte. Anders als im Atheneum, wo sie so weit entfernt gewesen war, dass sie nur seinen Umriss gesehen hatte im Licht der Kerzen. Sie hatte beobachtet, wie Aday Adelen die Stufen im Rund der Sitzreihen herunterkam. Ein Verurteilter, der durch eine unsichtbare Menge schritt, um seinem Henker gegenüberzutreten. Einem Henker, der nicht sofort ein Beil in der Hand hatte, aber genauso wenig einer Maske bedurfte.

„Du hast gesagt, die Hohe wird ihn verstoßen, wenn er ein Geständnis ablegt. Wieso sollte er das tun?"

Julian atmete lange aus.

„Ich war mir so sicher, dass mein Vater dich entführt hat."

Cress sah hinaus auf das Wasser, die kleinen Wellen und den blauen Himmel des Vormittags.

„All die Jahre gab es für mich keine andere Erklärung. Drei Jahre im Exil, weil ich dachte, mein Vater hätte dich umgebracht."

Er sagte es nicht aus Selbstmitleid. Julian kalkulierte mit sich selbst wie er mit den Emotionen und Talenten seiner Freunde kalkulierte.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt