83 - Auf den Klippen

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Sie rannten auf den Klippen dahin, über ihnen ein stahlgrauer Himmel. Nicholas van Garde hatte sich die Haare kurz geschnitten, sodass die kalte Luft direkt über seinen Kopf fuhr. Militärhaarschnitt, angemessen an ihre Machenschaften. Außerdem konnte die Welt sich jetzt wieder an Julians Locken erfreuen und er musste nicht mehr jeden Tag als Abbild engelsgleicher Jungenhaftigkeit im Palast sitzen. Das hier war ihm lieber. Nicht, dass ihn je jemand gefragt hätte. Genauso wenig, wie ihn je jemand gefragt hatte, ob er den Geist wieder aufpeppeln wollte, indem er ihren Bodyguard und Trainer zugleich spielte.

Die Frau war nicht nur ein großes Ärgernis, sondern auch zäher als ein alter Stiefel. Nur deshalb konnte sie wieder gehen, inzwischen wieder laufen. Deshalb, und weil Julian ein halbes Vermögen ausgegeben hatte, um ihre Knochen wieder kitten zu lassen. Nico hatte einmal seinen Oberschenkel so ramponiert, dass man einen der Ärzte zu ihm geschickt hatte, die an Cress gearbeitet hatten. Er hatte monatelang Albträume gehabt von den Schmerzen, die sich durch die Narkose gefressen hatten. Es grenzte an Magie, aber es war keine. Nur Wissenschaft, unromantisch und präzise, bis Nico wieder in den Trainingsring stieg und Julians kleiner Geist wieder stehen konnte. Wieder lief. Kleine Runden, aber mit jedem Mal größer.
Nico glaubte nicht, dass er den Schmerz so weggesteckt hätte. Dass er mit jemandem zusammen arbeiten könnte, der verantwortlich war für so viel seiner Qual. Er sah sie von der Seite aus an, während sie zum Halt kam. Kaum außer Atem, aber mit schmerzverzerrtem Gesicht und gebleckten Zähnen. Sie bat ihn nie darum, dass sie aufhörten. Am Anfang hatte er es darauf angesetzt, mit dem Ergebnis, dass sie beinahe wieder zusammengebrochen war.

„Das wird funktionieren", keuchte sie. „Es geht."

Sie ließ sich auf eine der niedrigen Ziermauern fallen, die den hinteren Weg zum Anwesen einrahmten. Nico beobachtete sie mit gerunzelter Stirn. Soldatin, durch und durch. Nicht die große Klappe oder die chronische Abneigung gegen Befehle, sondern der Kampfgeist.

„Sieh mich nicht so an", knurrte Cress. „Als wäre ich halbtot."

Nicht mehr halbtot, nein, aber beschädigt. Sie waren es beide, dachte Nico, und man sah es ihnen noch nicht so lange an, wie sie es waren. Cress mit den Folgen ihres brutalen Kampfs die Hierachie der Narben hinauf. Julian mit seinen Kriegstraumata aus dem Regentenzyklus und dann Katania. Beide physisch schwer verletzt durch den Sturz in die Narben. Wobei es nur für sie ein unkontrollierter Sturz gewesen war. Nico sah sie an und das schlechte Gewissen machte sich wieder in ihm breit. Sie wusste inzwischen mehr, aber bei Weitem nicht alles. Trotzdem war sie wieder dabei, sich als Dame in Julians Schachspiel aufstellen zu lassen.

„Ein wenig Angeschlagenheit hat Charakter."

Sie wandte den Kopf und er fühlte sich, als würde sie durch seine Augen und sein Gehirn direkt auf die Innenseite seines Schädels starren.

„Ich reiße dir die Zunge ab, wenn du sowas noch einmal sagst."

Nico ließ sich auf die Mauer neben sie sinken. Er hätte darüber gelacht, wenn es nicht genau das gleiche gewesen wäre, was Julian vor dem Gemälde im ersten Stock zu ihm gesagt hatte. Etwas eleganter formuliert. Wenn du mir einen großen Gefallen tun möchtest, dann ließ mehr Poesie, damit du nicht so einen Schwachsinn erzählst. Ihre Worte bedeuteten im Kern genau das Gleiche. Die ganze Zeit, dachte Nico, die ganze Zeit passierte soetwas. Sie waren sich so schmerzhaft ähnlich im Charakter, dass es kein Wunder war, dass sie sich hassten. Gehasst hatten. Wieder hassten. Er kam nicht mehr mit.

„Noch kannst du ablehnen", versuchte es Nico noch einmal, um ihrer aller Willen. „Der Palast ist kein Ort, an dem du dich aufhalten willst. Vor allem nicht, während alles, was Rang, Namen und Augen im Kopf hat, auf den Beinen ist."

Julian zu überzeugen hatte er bereits versucht. Er hatte die mieseste Karte ausgespielt, die er sich denken konnte, und es hatte trotzdem nicht funktioniert. Sein Cousin würde so lange an dem Plan festhalten, wie sie es tat. Aus einem Echo von Liebe vielleicht, aber vor allem aus dem Bedürfnis heraus, wieder die Oberhand zu gewinnen. Über wen, wussten sie nicht. Also versuchte er sein Glück bei ihr – und sie nahm es als Zweifel an ihren Fähigkeiten auf.

„Ich dachte über den Punkt sind wir hinaus."

Sie nahm Schmerzmittel. Große Tabletten, an denen man halb erstickte, wenn man sie ohne Wasser schluckte, wie sie es gerade tat.

„Bringt mich rein und ich finde den Schuldigen. Ich werde nicht kämpfen, ich muss mich nur umsehen. Du benimmst dich, als würde ich in die Schlacht ziehen und alles, was ich tue, ist Menschen beobachten."

Nico stritt sich gerne mit ihr, aber sie drehten sich so sehr im Kreis, dass es ihm keinen Spaß mehr machte. Er war ehrlich verzweifelt inzwischen. Vor Katania hatte Julian mehr auf ihn gehört. Vor ihrer Rückkehr hatte Julian mehr auf ihn gehört. Jetzt hatte der Prinz zusammen mit jemandem, der den Adel verabscheute, einen Plan ausgeheckt. Cress war keine von ihnen. Was sie tun würde, sobald sie im Palast war, konnte niemand sagen. Nico traute ihr nicht und er fand es absurd, dass Julian es tat. Zumindest mehr, als er sollte.

„Was denkst du?", fragte sie. „Es kann nichts Schönes sein bei dem Gesicht." Über ihnen hatte ein Vogel zu singen begonnen und Nico wäre gerne aufgesprungen, um dem kleinen Tier den Hals umzudrehen. Seine Anspannung ließ die Muskeln in seinem Arm zucken.

„Falls dich jemand erkennt", sagte er. „Werden wir uns wünschen, du wärst nie aus den Narben gestiegen. Du selbst am allermeisten."

Sie schwieg, stieß ihre Hände ineinander, als würde sie eine technische Boxübung machen.

„Ich habe keinen Zweifel daran, dass du soetwas in den Narben überleben würdest, doch du kennst den Palast nicht", nicht mehr zumindest. „Rohe Gewalt gibt es nicht im Offenen dort. Wenn es an den Punkt kommt, fallen Königreiche. Wenn vor dem Thron Menschen sterben. Doch das Schicksal von Katania wurde dort über einem Reißbrett entschieden. Das der Narben ebenso. Wahre Gewalt hat ihren Ursprung in unserer zivilen Politik. In Kartenräumen, in Verhandlungen. Macht ist am stärksten, solange sie subtil ist. Man braucht Jahre um diese gehobene Gesellschaft zu navigieren und du hast keine Jahre. Wenn dich eine Person als Fremdkörper erkennt, bist du tot."

Und wir haben eine reelle Chance, mit dir zu sterben, dachte er. Nur Julian nicht. Er würde irgendeine neue Form der väterlichen Folter ertragen müssen. Nico wusste nicht, was besser war.

„Ich lerne schnell. Ich werde gehen", sagte sie nur. „Aber ich verstehe, dass du Bedenken hast."

Der herablassende Ton brachte ihn beinahe zum Lachen.

„Cress Cye, ein gut gemeinter Rat: Erinnere dich daran, dass du hier keine Befehle zu geben hast. Diese Entscheidungen sind nicht die deinen. Du bist nicht unter deines Gleichen."

Julian hätte ihm vermutlich ins Koma geschickt für den Satz, doch Cress zuckte nur die Schultern.

„Ich vielleicht nicht", sagte sie nur und warf sich das Handtuch über die Schulter.

Nico hielt inne. Sie lächelte ihn an, als versuche sie unschuldig zu wirken. Victorias Gesicht hatte das noch nie gut gestanden. Er kam auf sie zu und weil sie nicht zurückwich konnte er den Schweiß auf ihrer Haut riechen. Metallisch, sauber. Ihr Körper war eine Kriegsmaschine, die es zu reparieren galt.

„Du spielst meinen Cousin aus, wie eine Karte. Wiederholt."

Cress hob die Augenbrauen.

„Ist dir das unangenehm?"

Nico schüttelte den Kopf und sah kurz hinüber zum Wasser, als müsse er den Horizont um Geduld anflehen.

„Du hast sein Vertrauen gewonnen in den Narben, aber du bist schwächer als wir alle. Wenn du hochmütig wirst, endet diese Allianz bevor sie anfängt. Reiß dich zusammen, verdammt."

Er hätte ihr eine Vorlesung halten können darüber, wie viele Menschen versucht hatten, Julian für ihre Ziele zu missbrauchen. Wer, wann, wieso. Victoria war eine davon gewesen und ihre Geist, oder was auch immer Cress Cye war, hatte begriffen, dass sie eine der wenigen war, die wusste, wo die Achillesferse des Prinzen lag. Dass sie selbst die Schwachstelle war. Nico würde sie an den Haaren von ihm wegziehen, wenn sie versuchte, ihm zu schaden. Denn am Ende des Tages war sie nicht Victoria, wie er sich immer wieder sagen musste.

Sie war jemand anderes, jemand dunkleres, komplizierteres. Sie war faktisch gefährlich, egal ob Julian das einsah oder nicht. Nico beobachtete, wie sie davon ging, wie sie sich am Türrahmen abstützte, bevor sie zurück in die Villa trat. Angeschlagen, aber nicht mehr halbtot. Er glaubte nicht, dass sie ihnen verziehen hatte, dass sie in die Narben gefallen war. Er glaubte nicht, dass sie an den Fingernägeln von der Schwelle des Todes weggekrochen war, um sich in Julians Dienst zu stellen. Das durchtriebene Miststück hatte etwas vor und es war sicher nichts, das sein Leben einfacher machen würde.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt