96 - Türme und Atheneum

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Aday hatte den Brief verbrannt, den sie ihm geschickt hatte. Sie hatten sich schon mehrmals getroffen und waren dabei bisher nicht erwischt worden. Im Pavillon, in den Dienstbotengängen, ... Es war wie ein Spiel geworden, auch wenn er die neuste Wendung ein wenig zu abenteuerlustig fand. Er hatte geduscht und sich rasiert, hatte einen der Düfte aufgesprüht, den ihm seine Mutter geschenkt hatte. Er hielt sich nicht für emotional, aber die Sehnsucht machte ihn fahrig. Er ließ den Kamm fallen, lächelte sich im Spiegel unsicher zu, fand sich dabei lächerlich. Sein Herz klopfte den gesamten Weg zum Atheneum, als wäre er wieder fünfzehn. Das machte sie mit ihm, sie verdrehte ihm den Kopf, wie sonst niemand. Sodass er sich mitten in der Nacht an den Ort schlich, den er am meisten hasste, nur um sie abzuholen. Nur um mit ihr zusammen zu sein. Seine Schritte kamen ihm laut vor auf dem Marmorboden der Eingangshalle und alle Augen der Portraits schienen ihm zu folgen. Aday beeilte sich zu den riesigen Türen zu kommen, die auf Höhe des ersten Stocks thronten.

Als die Tür zum Auditorium Maximum des Atheneums aufschwang, war es aber mehr als eine Person, die ihn erwartete. Er war geradeso über die Schwelle getreten, als er den Mann zwischen den Hörsaalreihen aus dunklem Holz sah.
William Belcane trat einen Schritt zurück, um ihn durchzulassen. Sein dunkler Mantel verschmolz mit den nummerierten Bänken. Jemand hatte eines der hohen Fenster geöffnet und kalte Nachtluft strich von draußen herein. Sie kam Aday vor wie ein Sturm, während Belcane die Hand ausstreckte und ins Zentrum des Hörsaals hinunter wies. Als er umdrehen wollte, stellte sich ihm der große aschblonde Mann in den Weg. Er war nicht van Garde, hatte nicht die engelsgleichen Züge der Königsfamilie geerbt. Er war lösungsorientiert, effektiv und so sah er auch aus. Aday hätte ihm niemals die Genugtuung gegeben, seine Angst zu zeigen. Belcane hatte im gleichen Jahr wie er das Atheneum abgeschlossen. Sie waren bei einer der Prüfungen zusammen eingeschlossen worden und hatten zusammen ein Verbrechen begangen, über das niemand im Militär je ein Wort verloren hatte. Sie hatten getötet und waren gegenseitig die einzigen Zeugen. Das band ihn an diesen Adligen. Es war der Grund, wieso er hier war. Eine Drohung in Menschenform, Manipulation, Verunsicherung. Aday konnte sich denken, was er im Zentrum des Raums sehen würde, wenn er sich umdrehte. Wer mit übereinander geschlagenen Beinen, lässig zurückgelehnt und vermutlich rauchend dort auf dem Sessel saß, der den Generälen und Professoren vorbehalten war.

„Lasst mich gehen."

„Ihr habt eure Wahl vor Jahren getroffen", sagte Belcane. Es schwang kein Mitleid in seiner Stimme mit und für einen Moment gab sich Aday der Illusion hin, dass es nicht so schlimm werden würde, wie er dachte. Sein ehemaliger Atheneumskollege beugte sich vor und sah ihm hart in die Augen.

„Seid ein Mann", sagte er. „Lügt wie einer. Dann sterbt ihr vielleicht wie einer. Ich habe mich für euch ausgesprochen. Nicht weil ich euch mag, Adelen, sondern weil Bosheit mehr als eine Mutter hat."

„Lasst mich durch."

„Hört auf zu flehen, das ist entwürdigend."

Er wollte sich an ihm vorbei schieben, doch auch wenn Belcane zivilisiert tat, war er wütend. Er reagierte so heftig, dass Adays Gesicht gegen die Sitzreihe schlug. Ein Griff, den er auch kannte, aber er kämpfte nicht gegen ihn an. Nicht, wenn sie beobachtet wurden.

„Werdet ihr laufen", fragte Belcane. „Oder muss ich euch hinunterschleifen?"

Aday riss sich los und trat eine Stufe nach unten, was ihn kleiner machte als Belcane. Erst als er sich umwandte und die Reihen nach unten ging, hörte er, wie dieser in die andere Richtung hinaufstieg. Er hatte gewusst, dass es passieren konnte. Er hatte versucht, sich vorzubereiten auf die Möglichkeit. Sobald er erfahren hatte, dass der Prinz gelandet war, hatte er sein Testament geschrieben. Es lag in seinem Sekretärschreibtisch gut verborgen in einer abgeschlossenen Schublade, sodass niemand auf die Idee kommen könnte, er würde sich Sorgen machen. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen oder zumindest hatte er sich das gesagt. Doch es war etwas anderes, es nicht kommen zu sehen. Zu einer Verabredung zu gehen und nicht seine Geliebte, sondern ...

Er würde es nicht selbst tun, sagte sich Aday, während er weiter langsam die Treppen hinunterstieg. Er würde ihm drohen und dann würde er ihn laufen lassen, damit ein Assassine es zu Ende bringen konnte, wenn er irgendwann einen Fehler machte. Oder er würde ihn zwingen, etwas für ihn zu tun. Ihn erpressen mit dem Wissen. Ein so hoher Kontakt im Orden war wertvoll. Wenn er so darüber nachdachte, dann hatte er vermutlich überreagiert. Er war zu wertvoll für den Prinzen. Er ballte die Hände zu Fäusten in der Stille des Hörsaals. Die Frage war: Wie viel wusste Julian Alessandrini?

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt