„Was hast du getan?"
Eine blonde Frau im Blau der Königsdynastie, die kühlen Augen auf sie gerichtet und voller Tränen. Nicht das schöne, mädchenhafte Weinen, das den ganzen Hof entzücken konnte, sondern das ehrliche, hässliche, von dem man nicht wollte, dass es jemand sah. Das schlimmste war nicht der Ton, das schlimmste war die Gewissheit, dass niemand anders als sie für diesen Schmerz verantwortlich war. Sie hatte ihn in Kauf genommen. Sie würde mit ihrem Leben bezahlen dafür, wie lang es auch dauern würde.
Erinnerungen waren launisch. Rya fühlte den Nebel in ihrem Kopf, während sie unter dem offenen Himmel auf das Brautpaar warteten. Hörte die Stimme immer wieder den gleichen Satz wiederholen und versuchte sie abzuschütteln, wie eine der Motten, die faul um die Laternen kreisten. Die Hohe sah hinauf zum Himmel, doch man konnte die Sterne kaum noch erkennen so nah an den Türmen. Während um sie her die funkelnde Gesellschaft wartete, suchte sie trotzdem nach den Sternen. Sie spürte den Blick des Königs auf sich, den der Königin. Den der halb sichtbaren Sterne. In der Nacht hatte die Hohe tief geschlafen, hatte geträumt von ihrer eigenen Hochzeit. Wieso kamen die Albträume nun, während sie wach war?
„Was hast du getan? Du hast es mir versprochen!"
Rya presste die Augen einen Moment zu und dachte so fest sie konnte an den guten Traum, den sie gehabt hatte. Jedes Mal, wenn sie ein Paar traute, träumte sie ihn. Auch der missratene Königssohn und seine Braut schienen keine Ausnahme zu bilden. Von Blumenkränzen in den Haaren junger Mädchen und von Musik in einer Nacht, die genauso mit Lichtern behangen war wie diese, träumte sie. In ihrem Traum gab es keine Gesellschaft, die sie anstarrte und kein Land, das darauf wartete, dass sie einen Segen über seinem nächsten Herrscher sprach. Die Sterne waren die gleichen und die Stimme in ihrem Kopf auch. Nur, dass sie nicht wie im Traum lachte, sondern vor Verzweiflung und Wut brach.
„Du hattest kein Recht. Meine Familie. Kein Recht meiner Familie leid zu tun."
Der Nachtwind, der von Westen durch die Gärten der Königin und über die Wiese bis zu ihnen herüber wehte, war trocken und mild. Kein König, der etwas auf sich hielt, würde zulassen, dass es regnete auf der Hochzeit seines Sohnes. Rya sah zu ihm hinüber. Dass nur Männer Könige werden konnten hatte wohl den praktischen Grund, dass es ein sehr breites Genick brauchte, um nicht unter dieser Krone zu brechen. Die Zacken ragten schmal und scharf wie Dolche gen Himmel, was ihn noch größer machte als er es ohnehin war. Das Los war für König und Königin auf Blau gefallen, doch sie hatten das nicht als Anlass genommen sich weniger prächtig zu kleiden. Schließlich hielt der Nachthimmel alle Sterne und der Bräutigam wäre nichts ohne seine Eltern.
„Wenn alles vorbei ist, wirst du irgendwo liegen zwischen Fremden und wenn du nach mir rufst, Rya, dann werde ich so weit weg sein, dass ich dich nicht höre. Du wirst die sein, die verschwindet."
Nur für einen Moment schweifte Ryas Blick weiter. Als sie noch als Anwärterin gedient hatte, war es ihr manchmal passiert, dass sie dabei erwischt wurde, wie sie Florence ansah. Auch heute Nacht hatte die Königin bereits ihre Augen auf die Hohe gelegt, lange bevor diese es wagte.
Dein Sohn, dachte Rya vorwurfsvoll und ihr war, als würde Florence wütend antworten: Mein Sohn.
Sie trug ebenfalls ihre Krone, aber Rya wusste genau, dass sie lieber Apfelblüten im Haar getragen hätte. Im Schatten des Königs wirkte sie unscheinbar, aber wenn man es eimal wagte sie richtig anzusehen, konnte man den Blick kaum mehr abwenden. Die Schönheit der Alessandrini Kinder kam nicht vom Vater. Sie hatte sich über die Familie der Mutter in die alte verbitterte Blutlinie eingeschlichen, die mehr gnadenlose Herrscher produziert hatte als die meisten anderen Häuser.
„Ich hoffe die Götter haben zugesehen. Wenn sie nicht blind sind wie du. Kalt wie du."
In Ryas Augen hatte der Prinz wegen seiner Mutter so eine fatale Wirkung auf Menschen. Wie in diesem Moment, in dem er hinter der Menge auftauchte. Wie sie sich umwandten nach ihm, wie sie innehielten vor Staunen. Rya sah weiter zu seiner Mutter.
Dein Sohn, der dir wichtiger war als dein eigenes Leben.
Mein Sohn, der ein besserer Mann wird als sein Vater. Ein besserer König.
Dein Sohn, der vollkommen außer Kontrolle geraten ist.
Der König war nun ebenfalls auf die Hohe aufmerksam geworden. Immer langsamer als seine Frau, auch wenn er es nie zugegeben hätte. Sie kannte ihn noch als jungen Mann, der mit blutiger Nase von einem Streit mit einem Nebenbuhler zurückkam. Auf den Marmor des Atheneums blutete, wie ein Barbar. Die Hohe hatte keinen Respekt vor rücksichtslosen Männern, deshalb war sie eine der wenigen, die nicht scharf die Luft einsog, als sie den Prinzen ansah.
„Mein Sohn, Rya. Er ist mein Sohn. Du hast die Hand gegen mein Kind erhoben."
Strahlend wie ein Stern hatte der Junge nicht blau gezogen wie seine Eltern, als er nun vor der Hohen den jungen Kopf neigte. Wer auch immer sich die Illusion gemacht hatte, dass es hier um die Braut ging, musste doch spätestens bei diesem Anblick einsehen, dass Alessandrinis sich selten unterordneten. Und wenn sie es taten, dann nur aus zweierlei Gründen: aus an Torheit grenzender Liebe oder einem geduldig lauernden Hass.
DU LIEST GERADE
Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Fiksi Ilmiah"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
![Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]](https://img.wattpad.com/cover/365692119-64-k130980.jpg)