100 - Wälder, Haus der Bernadottes

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Es war noch früh für Tee und Morddrohungen, aber van Garde reichte ihr trotzdem eine Porzellantasse. Als Maya losgezogen war, um van Garde zu suchen, war sie fest entschlossen gewesen, alle Informationen aus ihm herauszubekommen, die sie haben wollte. Jetzt, unter den Blicken beider Königskinder, bereute sie es. Sie war nichts davon gewachsen und ihre Hände zitterten so stark, dass das Porzellan klapperte. Maya fand die Anwesenheit der älteren Schwester des Prinzen besonders seltsam. Sie hatte nicht den Eindruck gehabt, dass sich die beiden besonders mochten. Maya hatte das Gefühl ein angespanntes Gespräch unterbrochen zu haben und Nico sah sie an, als würde er irgendetwas erwarten. Doch keiner der beiden Männer, die mit dem König verwandt waren, ergriff das Wort. Stattdessen machte Finja Arete einen Schritt in den Raum und sprach direkt zu Julian Alessandrini, ohne Maya eines weiteren Blickes zu würdigen.

„Aday Adelen ist eine Zeitbombe, wie ihr sehen könnt", sie deutet mit dem Kopf auf Maya.

„Er wird mit niemandem sprechen. Er ist zu seiner Schwester gegangen, aber alles andere würde ihm schaden. Die Mutter vielleicht, aber die wäre vermutlich auch klug genug, um nicht mit der Hohen zu sprechen."

Maya wandte sich zu Nico um, der über ihre Familie sprach, als wäre es selbstverständlich, das zu tun. Nico zwinkerte ihr zu, aber es lag kein Humor in der Geste. Maya bekam das ungute Gefühl, dass was auch immer Aday getan hatte, der Grund für dieses Treffen war.

„Worum geht es hier?", fragte sie. „Um welchen Mord?"

„Ihr meint: um wen geht es", korrigierte van Garde.

Sie konnte gerade noch eine Verwünschung zurückhalten, aber ihr Blick sagte alles und blieb dabei nicht unbemerkt. Finja Arete schnaubte.

„Sh", machte Julian und unterbrach damit sowohl Finjas Reaktion als auch Nico, der wieder zum Sprechen ansetzte. Der Prinz kam hinter seinem Cousin hervor und stand nun direkt vor Maya. Sie hatte das Bedürfnis aufzustehen, das Bedürfnis van Garde wieder vor sich zu ziehen, obwohl sie ihn verabscheute. Doch Julian Alessandrinis Blick blieb gnadenlos.

„Vor drei Jahren wurde Euer Bruder von der Hohen beauftragt, eine Adlige zu töten. Wir haben mehr als einen Beweis, der das belegt."

Mayas Herz schlug gegen ihre Rippen. Sie bildete sich nicht ein, dass jeder versuchte Mord es in diese Runde schaffte. Es musste jemand bedeutendes gewesen sein. Den König würde niemand anfassen, aber vielleicht ein anderer Verwandter? Nein, er hatte ‚eine Adlige' gesagt. Eine Frau. Sie saßen wegen einer Frau hier.

„Juli", sagte die Kronrichterin. „Wir haben nicht die Zeit."

Doch er hob die Hand und Finja Arete schwieg. Juli. Die Vertrautheit verursachte bei Maya Übelkeit. Dass dieser Mann Spitznamen hatte, passte nicht in ihr Weltbild.

„Maya Adelen", sagte Julian Alessandrini. „Ihr kennt die Hohe besser, als ich. Mein Eindruck ist, dass sie bis an die Grenzen ihrer Macht geht, um den Orden sicher zu halten. Ist dem nicht so?"

Maya nickte nicht, würgte nur ein Geräusch hervor, das Bestätigung sein sollte.

„Wenn also eine Hochzeit zwischen mir und der Tochter des Mannes stattfinden sollte, der seit Jahren für eine Öffnung des großen Gedächtnisses plädiert", fuhr er fort. „Was wäre ihre Reaktion darauf?"

Maya brauchte einen Moment, um es zu verstehen. Denn ihr erster Gedanke tanzte in Richtung der Frau, die in ein paar Tagen den Mann heiraten würde, der vor ihr stand. Doch René de Chirouelle-Avalinis kam aus einer konservativen reichen Politikerfamilie, die keine solch radikalen Forderungen an den Orden stellte. Die es besser wusste. Eine Öffnung des großen Gedächtnisses für den Adel, vielleicht für die Öffentlichkeit, war der Albtraum des Ordens. Die Forderung war ein Trend gewesen, der zum Glück wieder abgeflaut war. Maya hatte es nie hinterfragt. Solche Forderungen entstanden und verliefen häufig wieder im Sand. Doch nun stand der Kronprinz vor ihr und sprach von einem Mord. Einem Mord, den ihr Bruder begehen sollte und der auf irgendeine Weise Einfluss auf die Befürworter einer Öffnung des großen Gedächtnisses gehabt hatte. Maya sah von Alessandrini zu Van Garde und wieder zurück. Mit einem Mal war Nicholas ihr der Vertrauteste im Raum.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt