114 - Vor dem Heiligtum

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William Belcane wusste, dass er nicht gegen Cheleste Nocturna kämpfen wollte. Er wusste auch, dass jeder Mann, den er mit auf den Hügel nahm, es wahrscheinlicher machte, dass er wegen Hochverrat geköpft wurde. Er hatte Julians Siegel und die Abwesenheit der dritten Nocturna Schwester als Vorwand, aber trotzdem stellten sich ihm alle Nackenhaare auf. Vor allem, als er Maya zusammengesunken am Heiligtum sitzen und die Knochenschwester über ihr aufragen sah. Sie hatte ihm zwei Rippen gebrochen im Atheneum und die Stelle schmerzte bis heute bei Wetterumschwüngen.

„Guten Abend."

Will trat in das Licht der Laternen und deutete auf den rauchenden Baum über ihnen.

„Alles in Ordnung hier oben?"

Wäre Cheleste Nocturna nicht augenblicklich zu ihm herumgefahren wie eine Schlange, hätte die Erleichterung auf Mayas Gesicht alles verraten.

„Belcane, Ihr steht auf heiligem Boden."

„Die ganze Stadt ist doch heilig in dieser Nacht und ich mag meine Spaziergänge."

Cheleste Nocturna ließ Maya links liegen und stampfte auf Will zu, der im Gegensatz zu Nico und Julian nicht so tun musste, als wäre er betrunken. Schließlich war er wie Cheleste Teil derjenigen, die alle anderen in ihrem Rausch beschützten. Als sie noch sieben Schritte entfernt war, griff er nach seiner Waffe und zielte zwischen ihre Augen. Sie waren nicht im Atheneum. Er musste sie nicht mit Fäusten schlagen und er musste auch nicht tolerieren, wenn sie ihm an den Kragen ging.

„Wo sind Eure Schwestern?"

Der starre Ausdruck auf dem Gesicht der weißen Gardistin hatte sich nicht verändert. Sie hob langsam die Hände und Will entsicherte hörbar seine Waffe. Er hatte zu viel mit dieser Frau trainiert, war zu lange von ihr unterrichtet worden, um die Geste als unbedrohlich anzusehen. Cheleste Nocturna legte den Kopf schief und ihr langer Zopf folgte der Bewegung. Sie konnte sich denken, dass er nicht ohne Grund die Regeln brach. Er war Captain, er hatte nicht Nicos Narrenfreiheit.

„Vorsichtig, Belcane", warnte Cheleste Nocturna. „Ganz vorsichtig."

„Beantwortet die Frage."

Cheleste hob das Kinn.

„Wenn ihr Eure Waffe nicht wegsteckt, werde ich Euch persönlich die Haut abziehen."

Will nickte, als wäre das Berufsrisiko.

„Wenn Ihr mir nicht antwortet, wird hier gleich nicht mehr gefeiert. Der König liebt seine Feste und die Hohe ist nicht begeistert von plumpen Drohungen, wurde mir gesagt."

Maya stützte sich hinter der Knochenschwester in die Höhe. Will hoffte, dass sie genug Verstand hatte, um nicht wegzulaufen und seinem Schauspiel freie Bahn zu lassen.

„Ich bin Euch keine Rechenschaft schuldig."

„Ihr seid dem König Rechenschaft schuldig, wenn Eure Schwestern abtrünnig werden. Ich wurde auf der Suche nach einer losgeschickt, aber wie es aussieht seid ihr allein und zwei fehlen. Was hat das zu bedeuten?"

Cheleste antwortete nicht.

„Geht, Belcane. Kümmert Euch um etwas anderes."

„Ich habe meine Befehle und es würde mich brennend interessieren, welche Befehle Eure Schwestern von ihren Posten weggezogen haben. Das schon den halben Abend."

Will wusste, wo Alcha Nocturna war. Hatte es gehört über das Funkgerät, von Nico, und kaum glauben können. Dass es in dieser Nacht schon einen Mord gegeben hatte, der den Orden erschüttern würde. Vielleicht so sehr, dass das Heiligtum stürzte. Wenn Cheleste wüsste, wer es war. Wenn die Hohe wüsste, wer gekommen war und die Klauen in ihre Bluthunde geschlagen hatte. Nicht fest genug. Denn Cheleste Nocturna sah Will in die Augen und sagte:

„Einer eurer Freunde hat die Protektorin bedroht. Niemand wird fragen zu meinen Schwestern stellen, wenn ich einen Mordversuch zu Protokoll gebe."

Will versuchte den Sinn hinter ihren Worten zu verstehen. Ein Mordversuch an Maya? Er sah hinüber zu ihr, wie sie auf den weißen Marmorstufen kauerte, fahl in ihrem weißen Kleid und mit großen angsterfüllten Augen. Sie sah so unschuldig aus, dass Belcane eine Sekunde zu lang brauchte, um es zu verstehen. Er hatte Jahre an Militärerfahrung und eine entsicherte Waffe auf Cheleste Nocturna gerichtet, aber ihr Schlag holte ihn trotzdem von den Füßen. Ein Schuss.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt