61 - Arete Villa, vor dem Gemälde

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Wäre es nicht Nico gewesen, hätte er wahrscheinlich etwas getan, das er bereuen würde. Sein Cousin hatte einfach nicht nachgedacht darüber, ihr zumindest zehn Minuten zu geben zwischen einem Schmerz und dem nächsten. Sie war gerade aufgewacht, sie wusste noch nicht einmal, was passiert war und Nico hatte nichts Besseres zu tun, als ihr die letzte Hoffnung zu nehmen, dass es alles einen Sinn gehabt hatte.

„Wenn du noch einmal dieses Zimmer betrittst, stehen wir beide wieder im Ring."

Es war eine Drohung, die tiefe Wurzeln hatte. Sie hatten oft gegeneinander gekämpft, aber nie wieder so hässlich, wie sie es als Teenager im Militär getan hatten. Nico hatte Julians Mutter vorgeworfen, seinen Vater nicht genug zu kontrollieren und davon waren sie tiefer und tiefer in Streit abgesunken. Sie hatten Jahre gewartet, um sich an die Kehle gehen zu können. Immer schon in Konkurrenz, immer schon gegeneinander aufgestachelt, bis sie sich dagegen entschieden, so weiterzumachen.

„Du wirst persönlich dafür sorgen, dass sie wieder auf die Beine kommt. Du trainierst mit ihr, sobald wir das okay haben."

Er selbst wäre eine schlechte Wahl, das wusste er jetzt schon. Er wäre zu sanft mit ihr und wie er es heimlich tun sollte, wusste er nicht. Auch Nico hatte viel zu tun, zu koordinieren. Sein Vater hatte einen neuen politischen Schachzug gemacht und würde seine Hilfe brauchen. Er hatte genauso wenig Zeit wie Julian, wenn nicht weniger. Julian hatte inzwischen Nicos Kinn gepackt und Nico wusste es besser, als sich ihm zu entziehen.

„Du hast genug versucht, sie zu beschützen", grollte Nico. Er hatte die Hände neben dem Körper zu Fäusten geballt. „Es gibt eine Wahrheit, vor der du nicht davonlaufen kannst, Juli: sie wird es alles erfahren. Nicht heute, nicht morgen. Aber bald."

Davonlaufen. Der Vorwurf brauchte nur ein einziges Wort.

„Willst du, dass sie verrückt wird?", fragte er. Das war seine größte Sorge. Dass all das Trauma selbst für sie zu viel wurde. Dass sie ihn verlassen würde, obwohl ihr Körper in diesem Haus blieb.

„So wie du?"

Julian verstärkte den Druck seiner Finger. Man konnte jemandem das Genick brechen aus dieser Position. Er stritt es nicht ab. Seine Argumente für seine eigene Rationalität waren fadenscheinig, wenn er gerade erst hinter einer Frau, die ihn nicht einmal kannte, in die Tiefe gesprungen war. Er ließ Nico los.

„Ich versuche, den Schaden zu kontrollieren."

Nico schüttelte den Kopf und rieb sich das schmerzende Kinn.

„Das geht nicht mehr. Alles was du versuchst, führt dazu, dass es aussieht, als wäre es deine Schuld. Du hast sie benutzt, um an ihre Erinnerung zu kommen. Und dann hast du festgestellt, dass du sie ihr nicht zurückgeben kannst."

Julian spürte den Boden unter sich schwanken. Er war sich nicht sicher, ob es psychisch oder physisch verursacht war.

„Es ist vorbei, Juli", sagte Nico leise. „Sobald sie wach ist, redest du mit ihr."

Ein Imperativ, der nicht von ihm kam, sondern ihm auferlegt wurde. Julian schloss die Augen.

„Versuche keinen Schaden mehr anzurichten."

„Ja", stimmte Nico zu und wandte sich zum Gehen. „Gleichfalls."

Julian ließ sich langsam zu Boden sinken. An der Wand gegenüber hing ein großes Landschaftsgemälde. Finjas Vater hatte sie ihm ganzen Haus verteilt. Dieses zeigte ein smaragdgründes Meer mit weißen Schaumkronen, das auf einen Sandstrand lief. In der Ferne erhoben sich Gebirge. Keine Menschen waren zu sehen. Julian zwang sich, zu atmen. Sein Rücken schmerzte so sehr, dass er sich vermutlich Sorgen machen sollte. Er starrte auf das Meer aus Ölfarbe, lehnte den Kopf an die Wand hinter sich und presste die Augen so fest zu, wie er konnte. Als Nico zurückkam, um sich zu entschuldigen, fand er ihn immer noch dort sitzen. Nico kam zu ihm auf den Boden, obwohl er darüber die Nase rümpfte.

„Ich wollte dich nicht verletzen."

Julian sah weiter geradeaus und schüttelte langsam den Kopf.

„Nach Victoria, meinem Vater und den Narben ist nicht mehr viel übrig, was man verletzen kann."

„Das menschliche Herz ist wie Unkraut", sagte Nico. „Es wächst immer wieder nach."

Julian wandte ihm den Kopf zu. Sein Cousin hatte hellere Augen als er, beinahe schon Grau.

„Wenn du mir einen wirklich großen Gefallen tun willst, van Garde, dann ließ mehr Poesie, damit du nicht so einen Schwachsinn erzählst."

Nico gackerte los. Julian fand, dass er wirklich ein bisschen klang wie ein Huhn, wenn er ehrlich lachte. Ihm war nicht klar gewesen, wie sehr er es vermisst hatte in Katania. Er würde niemals vergessen, dass sein Cousin ihm in die Narben hinterher geflogen war. Bei allem, was noch über sie hereinbrechen würde, bei allem, was da noch kam.

„Das menschliche Herz ist wie Unkraut", wiederholte er. „Sterne."

Etwas von dem Licht in den Augen seines Cousins erlosch.

„Hättest mich nicht so lange alleine lassen dürfen."

„Ich weiß", sagte Julian leise. „Ich weiß, ich weiß."

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt