111 - Vor dem Heiligtum

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Die Menschen hatten so viele Arten gefunden, sich gegenseitig umzubringen. Am Ende schickte ein Mann mit einer Armee eine Frau mit Gift hinter seinen Feinden her. Maya stand neben zwei der Knochenschwestern vor dem Heiligtum im Schein der drei weißen Flammen. Sie war verantwortlich dafür, dass die Hohe bei ihrer Nachtwache keinen unerfüllten Wunsch hatte. Zur vollen Stunde würde sie nach ihr sehen. Zur vollen Stunde würde die Hohe sterben.

„Wo ist Coria?"

„Noch nicht zurück von den Dächern."

Cheleste schien nicht beunruhigt. Maya hatte die Pläne für die Nacht gesehen und eigentlich sollten sich alle drei hier einfinden, um ihre Herrin zu bewachen. Es war ungewöhnlich, sie getrennt zu sehen, aber es gab viel Unruhe in der Nacht. Vermutlich hatte sie eine andere Aufgabe zugewiesen bekommen. Oder sie sah aus den Schatten zu.

„Du wirkst nervös", sagte Cheleste zu ihr. „Hast du Sorgen?"

„Diese Adligen machen mich verrückt. Ich sehe die ganze Zeit über die Schulter." Das war beides nicht gelogen.

„Inzwischen sind sie betrunken", sagte Alcha. Wie zur Bestätigung hörte man in der Ferne einen Mann johlen. Alcha sah verächtlich hinunter in Richtung des Lärms, des Lichts und der Musik.

„Der König hat den ganzen Abend nicht getrunken."

Chelestes Stimme war leise und tiefer als die der anderen Drillinge. Wenn Maya die Schwestern hätte staffeln müssen, dann war ihr Coria, die abwesend war, am sympathischsten. Danach kam Alcha und ganz am Ende der Liste dann Cheleste. Die Frau hatte in etwa die gleiche Statur wie der Kronprinz und Maya hatte noch nie gesehen, dass sich ihr Gesicht geregt hätte.

Maya sah hinunter auf die Feierlichkeiten und bemühte sich, normal zu atmen. Der Tisch mit den Getränken und Früchten stand links von ihr, aber sie würde es nicht schaffen unter dem Blick der beiden den Inhalt des Rings in ein Glas zu leeren. Die Speisen der Hohen wurden immer unter vier Augen zubereitet, um Gift auszuschließen. Sie brauchte eine Ablenkung.

„Habt ihr nachgesehen, ob der Westeingang verschlossen ist?"

Alcha hob die Augenbrauen. Cheleste sah die paranoide Bemerkung nicht einmal als bedeutend genug an, um Maya ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Der Westeingang war immer verschlossen, außer Maya kam mit der Flamme hindurch.

„Ich gehe nachsehen."

Die Drillinge zuckten die Schultern. Maya wandte sich um und lief einmal um das Heiligtum herum, wo ihr Bruder wartete. Adays Blick war starr und er bewegte sich wie jemand, der schlafwandelte.

„Ohne dich geht es nicht", flüsterte sie. „Reiß dich zusammen."

Sie nahm ihren älteren Bruder bei den Schultern. Er kam genug zur Besinnung, um zu nicken. Sie hatten keine Wahl. Bis der Kronprinz sie vor die Entscheidung gestellt hatte, hätte Maya geglaubt, dass sie ehrenhafter wäre. Dass sie das größere Wohl über ihres stellen würde. Jetzt hatte sie die Wahl zwischen dem Leben ihrer Familie und dem Leben der Hohen und es war wenig übrig geblieben von ihrer Treue. Nur Angst.

Aday verschwand stumm in die Nacht und Maya stieg zurück durch die Büsche. Hätte sie den Westeingang überprüft, wäre ihr aufgefallen, dass dieser tatsächlich unverschlossen war.

Als das Feuerwerk losging, das der Orden gestiftet hatte, standen bunte Funken über der ganzen Stadt. Die Raketen wurden von den Türmen abgeschossen, von den Brücken über den Narben. Die Funken spritzten in alle Richtungen und regneten dann wieder auf sie nieder. Eine Rakete fing sich in einem nahegelegenen Baum und explodierte. Die beiden Kriegerinnen fuhren zusammen, als bunte Funken aus dem Geäst regneten.

„Die ist aber weit geflogen", sagte Maya, während sich Alcha bereits in Bewegung setzte.

„Die kam nicht von vorne."

Alcha hatte sofort bemerkt, dass etwas an der Bahn der Rakete nicht stimmte. Mayas Herz klopfte bis zum Hals, während sie der Leibgardistin nachsah und zur Flamme betete, dass ihr Bruder schnell genug rannte. Während über ihr immer noch Funken explodierten. Maya war vor Schreck gegen den Tisch mit den Krügen gestolpert. Ein Apfel war zu Boden gefallen und hinüber vor Chelestes Stiefel gekugelt. Sie hob ihn auf, kam herüber und legte ihn zurück in die Schale. Maya verharrte mit dem Ring im Ärmel und klopfendem Herzen.

In dem Moment öffnete sich die Tür zum Heiligtum.

„Was ist das für ein Lärm?"

Rya. Maya rutschte die Hand aus und der Ring klapperte gegen einen der Krüge. Cheleste sah sich nach dem Tisch um, griff nach Mayas Hand und sah sie stirnrunzelnd an.

„Was hast du da?"

Maya tat ihr bestes, um unschuldig zu wirken.

„Mein Ring, Cheleste."

Cheleste ließ sie nicht los, bis sie ihre Hand umdrehte. Die Hand war leer.

„Was soll denn das?", knurrte Maya.

Über Chelestes Schulter traf sie den Blick der Hohen. Während der Nachtwache sollte sie das Heiligtum nicht verlassen. Deshalb stand sie oben im Tor und kam nicht die Stufen zu ihnen hinunter. Cheleste und Maya neigten die Köpfe. Der Baum rauchte immer noch.

„Wein", sagte die Hohe zu Maya, als würde die Gardistin nicht existieren. „Und keine weiteren Störungen."

Als Maya sich umwandte, um den Wein einzugießen, beobachtet Cheleste jeden Handgriff. Als sie den Kelch über ihrem Kopf zum Heiligtum hinauftrug, spürte sie den Blick der ältesten Drillingsschwester auf sich. Sie konnte das Gefäß kaum halten, weil sie so zitterte. Rya schloss beide Hände darum, wandte sich ab und verschwand zurück ins Heiligtum. Als Maya die Stufen zurück nach unten kam, musste sie dem Drang widerstehen, ihre Röcke zu raffen und zu rennen. Cheleste wartete mit verschränkten Armen auf sie. Das Gift lauerte immer noch im Ring. Maya hatte den Verschluss nicht aufbekommen, aber sie war sich sicher, dass Cheleste es schaffen würde.

„Maya", sprach Cheleste sie mit ihrer ungewöhnlichen Stimme an. „von wem hast du den Ring?"

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt