Julian nahm die Imperator Bänder ab. Er hatte sie während der Zeremonie getragen. Hatte sie unter seinem Hemd gespürt, kalt wie die Fesseln eines Gefangenen. Denn das war es, zu was sie einem machten. Es waren vier Stück, jeweils ein Paar für Ober- und Unterarme. Breite schwere Metallbänder, die man auf den ersten Blick für Gold halten könnte, die aber keines waren.
„Es muss nicht hübsch sein", sagte sie zu ihm, als er ihre Uniform an den Armnähten auftrennte. An seiner konnte man die Ärmel abnehmen, weil die Bänder eingeplant gewesen waren. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass René sie tragen würde. Julian riss mit einem Übelkeit erregenden Geräusch ihren linken Ärmel ab. Dann den rechten. Das Metall der Bänder schimmerte im Licht.
„Tief einatmen", empfahl Julian, als er das erste ihren Arm hinaufschob. René zuckte trotzdem zusammen, als sich das Band um ihren Arm schloss. Schmerz zuckte ihre Nervenbahnen hinauf, bis in die Wirbelsäule. Das zweite Armband war genauso schlimm. Als das dritte um ihren linken Unterarm einrastete wimmerte sie auf.
„Es dauert nicht lange", murmelte Julian. Er hatte schon angekündigt, dass sie keine Zeit hatten, die Bänder anpassen zu lassen. Sie waren auf ihn eingestellt, auf seine Statur, auf sein Nervensystem. Als Nico sein Schiff unter der Kuppel durchschießen gesehen hatte, hatten diese vier Bänder um seine Arme gelegen. Der Reisende, der zurück in die Heimat kehrte.
René sah ihn im Spiegel an, während er ihr die höchsten Militärwürden umlegte. Etwas, das er eigentlich nur tun konnte, wenn er auf dem Schlachtfeld schwer verwundet war. Nur der König konnte Imperatoren krönen. Zumindest war das so gewesen, bis der Reisende heimgekehrt war. Nun würde eine neue Reisende aufbrechen. René würde nicht mit ihm nach Katania fliegen. Sie würde an seiner Stelle fliegen.
Julian trat hinter sie und schloss den Mantel um ihren Hals. Er hob den Lorbeerkranz aus einer Truhe. Golden wie die Bänder, schwer wie sie. Er setzte ihn vorsichtig auf ihre Hochzeitsfrisur und die Blätter bewegten sich. René durchlief ein Schauer, als der Durchmesser des Kranzes schrumpfte. Die unteren Enden der goldenen Blätter gruben sich spitz durch ihr Haar, bis sie an ihrer Kopfhaut anlagen. Der Kranz schien mit jedem Moment schwerer zu werden. Ihr Bild im Spiegel war nicht mehr das einer Braut. Nicht mehr das einer Königin. Das Gewicht, der Schmerz, René genoss alles daran. Sie sah ihn im Spiegel an. Dachte daran, dass Nico sie niemals frei gelassen hätte. Niemals diesen Posten für sie aufgegeben hätte. René spürte, wie tief die Früchte ihrer Arbeit hingen. Fühlte sie in ihrem Mund brechen, wie reife Trauben. Sie hatte immer befürchtet eine Fußnote in der Geschichte eines mächtigen Mannes zu werden. Diese Zeit war vorbei.
„Ich habe dir gesagt, dass du mir ein Königreich schuldest."
„Schaff dein eigenes."
René warf ihm einen Blick zu, der irgendwo zwischen Schlange und Katze zuhause war.
„Ich vertraue dir mehr, als mir selbst. Deine Hand ist meine Hand. Vergießt du Blut, vergieße ich es mit dir. Ich habe keine Zweifel und ich habe keine Angst."
Julian wiederholte die Worte, die sie sich vor dem Altar gesagt hatten, als diese Nacht angebrochen war. Jetzt, an ihrem Ende, waren sie wahrer als am Anfang. So viele Geheimnisse, so viele Pläne, die sich jetzt entfalten mussten wie blutrote Blumen.
„Deine Hand ist meine Hand", René flocht ihre Finger ineinander. Sie fragte sich, wieso die Freundschaft das war, was ihr geblieben war. Die Freundschaft zu diesem Mann, der so stetig war in seinem Vertrauen in seine Freunde. Das war es, was sie tiefer berührte, als die Liebe, für die sie nicht genug gewesen war. Die Liebe, die sie in einem anderen Zimmer dieses Palasts zurückgelassen hatte. Julian drückte ihre Hand so fest, dass sie es in den Knochen spürte. Ein letzter Blick zum Spiegel.
„Du bist der Beweis dafür, dass mein Vater auch nach Victoria nicht gelernt hat, dass er sterblich ist. Ein Narr ist er dafür, dass er die einfachste Regel der Welt, die er geschaffen hat, immer noch nicht versteht: Schönheit ist ein Metzger."
Die Worte, mit denen Julian Nico vor ihr gewarnt hatte. Sie versetzten ihr einen Stich. Vor einer halben Ewigkeit war das gewesen, aber Julian war niemand, der soetwas schnell vergaß. René ließ ihn los, Schmerz und Stolz kämpften in ihr, bis über beides eine kühle Glocke aus Gewissheit gestülpt wurde. Sie war, wo sie sein sollte. Nicht im königlichen Ehebett, nicht auf der Tanzfläche, sondern am Kopf einer Armee. René sah Julian ein letztes Mal an, bevor sich ihre Wege auf unabsehbare Zeit trennen würden.
René spürte die Bänder, die Lorbeeren, die Uniform und Julians Hand wieder in ihrer. Dieses Mal ein formeller Handschlag zwischen zwei Gleichgesinnten. René lächelte nicht mehr. Der Druck der letzten Stunden hatte sie gezwungen, sich zu verändern. Metamporphose bis an den Punkt des Brechens für Nico, für die Protektorin, für Julian. Für sie selbst. Nico hatte nicht Recht damit, dass sie Julian gehörte. Sie gehörten einander. Nicht Braut und Bräutigam, sondern etwas Hässliches, für das es kein passendes Konzept gab, bis René sagte:
„Jeder Prinz braucht seinen Metzger."
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Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Science Fiction"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
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