129 - Narben, Unkartografierte Schlucht

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Die Nacht sickerte aus den Straßen. Die einzige Dunkelheit, die blieb, hatte die Form eines wild gezackten, zerklüfteten Sterns in der alten Erde. Als die letzten Schiffe über die Narben zogen und die Brücken passierten, scherte eines aus, als wolle es auf der fünften Brücke landen. Stattdessen senkte es sich Meter um Meter tiefer. Vorbei an den Fenstern, an den Stahlbögen, hinunter in die unbewegliche Schwärze, als würde es vor dem anbrechenden Tag fliehen. Es war keine elegante Karavelle, wie die, in der Nico gerne durch die Gegend raste und es hatte wenig zu tun mit dem gigantischen Flagschiff, das René hinaus in die Wüste flog. Unbedrohlich, bis auf die Passagiere. Cress hatte den Kopf in die Hand gestützt und hielt den Blick auf den Himmel geheftet, so lange sie konnte. Als sie unter der Kuppel durch getaucht waren, hatte sie Tränen in den Augen gehabt, aber weinen hatte ihr noch nie geholfen. Sie hatte immer gewusst, dass es geliehene Zeit war, die sie in der Sonne verbrachte. Jetzt gähnte die Schwärze wieder unter ihr, die lange das Einzige gewesen war, was sie kannte. So lange, bis sie versucht hatte, Nicholas van Garde umzubringen. So lange, bis sie den Himmel in all seiner Glorie über sich aufragen gesehen hatte. So lange, bis sie in Finja Aretes Villa spaziert war.

„Die Narben oder Katania?", hatte Julian gefragt.

Ihr Magen hob sich in dem raschen Sinkflug. Sie senkte den Kopf und krallte sich in ihren Sitz. Zwischen ihnen und dem Abgrund stand ein bisschen Metall und zwei Flügel. Von allem, was heute Nacht geschehen war, war das die eine Sache, die sie nicht ertragen konnte. Julian war schweigsam neben ihr, eine Hand um das Steuerhorn des Schiffs. Man könnte meinen, er wäre ruhig, aber auch seine Fingerknöchel traten weiß hervor. Cress hatte ihn noch nie fliegen gesehen, nur Nico. Doch Nico war nicht mehr da, genauso wenig wie Finja, Maya oder René. Alle hatten vor Sonnenaufgang neue Wege eingeschlagen, die sie in alle Himmelsrichtungen verstreuten. Nur sie beide waren übrig. Mehr auf sich gestellt als damals, als sie in die Tiefe gestiegen waren. Das Ende von etwas. Der Anfang von etwas.

„Wohin würdest du gehen, Cress Cye, falls alles zusammenbricht?"

Sie flogen im Schutz der Felswände in eine der Schluchten hinaus, die wie die Zacken eines zerfetzten Sterns in die Wüste hinausliefen. Lebensfeindliches Territorium, das Cress nur entfernt kannte. Keine Soldaten, keine Geister, nur Stille. Das war der Grund, wieso sie hier waren. Niemand würde sie hier vermuten, niemand würde ihnen folgen. Es gab nicht einmal Karten dieser Gegend. Vielleicht würde er eine zeichnen, wenn ihm langweilig wurde. Sie warf ihm einen Seitenblick zu.
„Bereit?"
Sie sanken tiefer, in das offene Maul der Erde. Es hatte niemand ihre Koordinaten und es ging auch kein letzter Funkspruch hinauf in die Welt. Nico hatte sie beide wahnsinnig genannt. Cress fing an zu glauben, dass er Recht hatte. Das Adrenalin des Mords und das Adrenalin des Flugs rauschten durch ihre Adern, in ihren Ohren, brüllte unter ihrer Haut.

Dieses Mal würde ihnen niemand zu Hilfe kommen, wenn etwas schief ging. Keine Soldaten, keiner von Julians vielen Freunden. Wenn Cress dieses Mal in den Abgrund stürzte, würde sie dort bleiben. Wenn er hinterher sprang, würde er sterben wie jeder andere. Julian ließ seine Soldaten, seine Freunde, seine Familie unter der Kuppel zurück und damit alles, was ihn unsterblich machte. Sie dachte an die Narben auf seiner Haut.

„Du warst schon einmal dort, hast du gesagt."
Cress hatte den einzigen Ort gewählt, von dem sie wusste, dass ein Schiff sicher landen konnte, aber gute Erinnerungen hatte sie nicht daran.
„Wir fliegen zum Westplateau. Die Hearts haben ihren Friedhof dort. Natürlich nicht die Körper, aber die Dolche ihrer Toten."
Cress zögerte. Dann sah sie die Tage und Wochen vor sich, die sie mit ihrem neuen Reisegefährten verbringen würde. Sie hatte so viele Geheimnisse. Dieses konnte er haben.

„Ich sollte dort sterben."
Julian wandte den Kopf zu ihr. Sein Profil war scharf geschnitten, aber seine Augen waren von einer anderen Welt.
„Dice Nuia."
Cress hielt inne. Kälte sickerte in ihre Eingeweide. Sie war sich sicher, dass sie ihm das nicht erzählt hatte. Dass sie ihm von allen Leuten nie gesagt hatte, wer sie niedergestochen hatte auf diesem Plateau. Nicht ihm, aber ... seinem Cousin. Cress ballte die Faust. Ein Moment, in dem sie ehrlich gewesen war und sie zahlte nicht nur einmal dafür. Die fünfte Marke zog an ihnen vorbei.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt