Der König ließ nur Hochverräter hängen, der Rest wanderte in die Schluchten. Wenn die Welt sehen sollte, dass eine Gefahr neutralisiert wurde, versammelten sie sich hier oben auf den Mauern und um die Galgen. Es war Tradition, die Hinrichtung um diese Uhrzeit zu vollziehen, wenn gerade die Sterne über der Stadt verblassten. Als der Morgen graute, stand René immer noch leicht angetrunken neben Dominique. Sie konnte sich keine weniger unterhaltsame Gesellschaft vorstellen. Die Tochter des Königs hatte Anwesenheitspflicht bei jedem dieser unerfreulichen Schauspiele, seit ihr Bruder die Hauptstadt verlassen hatte. Normalerweise war das Prozedere für die Prinzessinnen vorbei, sobald sie heirateten. Doch nicht für Dominique, als einziges Kind des Königs in der Hauptstadt. Sie trug das Blau ihrer Dynastie und wirkte auf René immer ein wenig, als wisse sie für jeden Menschen in ihrem Blickfeld einen scharfen Tadel. Dominiques Schwangerschaft war zweifelsohne sehr gelegen gekommen, um vom Verschwinden des Kronprinzen abzulenken. Nichts liebte das Volk mehr als Babies und Hochzeiten. Nicht einmal Skandale. Wie den, dass René in diesem Moment nicht auch wie Dominique neben ihrem Ehemann stand. Dass man sie überhaupt auf der Mauer wollte, zeigte wie herb den König der Verlust seines Sohnes getroffen hatte. Wenn ihm sogar Julians unfreiwillige Verlobte recht war, die dieser noch nicht einmal geheiratet hatte. Sie wussten nicht einmal, ob die Nachricht bis in die Kolonien vorgedrungen war.
Wenn man im Palast lebte und zu jeder Zeit beobachtet aufwuchs wie René, entwickelte man ein Gespür dafür, wenn Augen auf einem lasteten. Sie sah aus dem Augenwinkel, die weiße Schemen in den Durchgang zur Mauer traten. Sie waren zu dritt und die Protektorin war unter Ihnen. Ihr Name war Maya Adelen. Sie sah immer ein wenig geduckt und rastlos aus. Julian hatte zeitweise erwogen, die junge Protektorin in sein Netzwerk aufzunehmen, war aber an ihrer aufrichtigen Frömmigkeit gescheitert. Nun wirkte die junge Frau, die der Hohepriesterin sonst nicht eine Sekunde von der Seite wich, wenig amüsiert.
René wandte den Kopf und sah, dass der König die hohen Damen in ihren Kutten ebenfalls bemerkt hatte. Er trank Wein aus einem bauchigen Glas und schien zufrieden, wie eine dicke Katze auf einem vollen Banketttisch. René hob die Augenbrauen. Eine Hinrichtung ohne die Einwilligung oder Anwesenheit des Ordens? Der König und der Orden, Staat und Religion, lagen sich schon immer in den Haaren und konkurrierten in vielerlei Hinsicht um Macht. Doch so eine offensichtliche Missachtung der alten Konventionen hatte René schon lange nicht mehr gesehen. Das würde ein Nachspiel haben. Sie musste sich mit den anderen absprechen, sobald die Machtdemonstration vorbei war und Nico von der Patrouille zurückkam. Die hohen Damen verschwanden ohne ein Wort, nachdem der König die Nerven hatte, ihnen zuzuprosten. Barbarisch, bei einer Hinrichtung zu trinken und zu essen. Renés Blick schweifte zum Servierwagen und weiter zu Dominique. Ein Soldat in blauer Uniform war zu ihr gekommen und flüsterte ihr etwas zu. Das Gesicht der Königstochter fiel ein. Sie mied Renés Blick, stellte ihren eigenen Kelch zurück auf den Wagen. Die Prinzessin eilte mit wehendem Umhang davon, sobald es das Protokoll erlaubte. René runzelte die Stirn. Wenn sichtbar war, dass die Alessandrinis etwas aus der Fassung brachte, dann handelte es sich nicht um eine Kleinigkeit.
„Fang mir den Lakaien ab, der bei der Prinzessin war."
Sie musste sich nicht umdrehen, um zu überprüfen, ob ihr Leibgardist verschwunden war.
Doch sie brauchte nicht auf seine Rückkehr zu warten, denn ihr Freund Oliver Bernadotte war schneller. Er war sichtlich aufgewühlt. Sein ansonsten immer tadelloses weißes Hemd hatte leichte Schweißflecken.
„René", er nahm sie zur Seite, sobald sie nach drinnen kam und die Treppe zurück nach unten hinabstieg. „Nico sagt, dass ein Außenposten ein Schiff gemeldet hat."
Das war an sich nichts Ungewöhnliches. Nico war als Luftwaffengeneral sehr gut informiert über alles, was an den Schleusen vor sich ging. Ungewöhnlich war aber, dass Oliver ihr hinterherrannte, um ihr das mitzuteilen.
„Wer ist es?"
Ein Grinsen spannte sich über das Gesicht ihres blauäugigen Freunds.
„Es kommt aus den Kolonien. Aus Katania."
René riss die Augen auf.
„Wie bitte?!", sagte sie viel zu laut. Alle Menschen in Hörweite hatten sich zu ihr umgedreht. Kopfschüttelnd wandte sie sich ab, nahm zwei Stufen und drehte sich dann noch einmal zu Oliver um. Es hatte ihr die Sprache verschlagen. Er zuckte etwas verloren die Schultern. René murmelte so leise es ihr Temperament zuließ Verwünschungen auf dem Weg zurück, doch sie wirkte wohl aufgewühlt genug, dass die Dienstboten ihr aus dem Weg sprangen. Es gab nur eine Person in Katania, die sie kannte. Nico hatte heute morgen noch einen Witz darüber gerissen, weil es so absurd schien. Nun tat geschah es wirklich und es passte ihr überhaupt nicht in die Pläne, die sie geschmiedet hatte.
DU LIEST GERADE
Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Science Fiction"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
![Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]](https://img.wattpad.com/cover/365692119-64-k130980.jpg)