Als Julian zum Rollfeld kam, graute der Morgen. Er stapfte mitten durch den Tau, nur eine Tasche über der Schulter. Sein Schiff wartete dunkel und einsam auf ihn. Erst, als er schon beinahe dort war, sah er die Silhouette, kaum sichtbar in der Dämmerung. Er zog seine Waffe, verlangsamte sein Tempo aber nicht. Verpasste er den Wachwechsel auf den Brücken, würde er nicht mehr aus der Stadt können, ohne Gefahr zu laufen, dass sie ihn abschossen. Wenn ihn jetzt noch jemand aufhalten wollte, würde er abdrücken.
„Icarus."
Es war ein stiller Moment nach dem Lärm der letzten Stunden, in dem alles an ihm gerissen hatte, alles zusammengebrochen war. Sie lehnte am Metallrahmen der Luke und der Morgenwind trieb ihr die Haare aus dem Gesicht. Julian ließ die Waffe sinken. Er hatte sie schon einmal fast erschossen und die Erinnerung ließ ihn trocken schlucken. Die Betroffenheit, die er gefühlt hatte, als sie in der Nacht blutend aufgetaucht war und die Sorge, die ihn davon abgehalten hatten, sie sofort wieder loszuschicken waren nicht harmlos. Bei allem, was er für Victoria empfunden hatte, dieser Frau konnte er nicht vertrauen. Nur hoffen, dass sie nicht beschloss, ihn zu zerstören. Sie standen sich gegenüber wie Duellanten.
„Ich habe dir nicht befohlen, die Schwestern zu töten."
„Nein, aber du wolltest, dass ich die Hohe töte. Das war anders nicht möglich."
„Ich erkenne Rache, wenn sie mir in die Augen schaut."
Ihre Lippen zuckten, aber es lag keine Freude darin.
„Ich befolge deine Befehle nicht. Dein Titel bedeutet mir nichts. Alles, was ich für dich getan habe, habe ich trotz deines Titels getan, nicht deswegen."
Er hatte es falsch begonnen. Hatte wieder zu Victoria gesprochen, nicht zu Cress Cye. Julian hob das Kinn.
„Du hast dich mir unterstellt, wenn auch nur um deine Rache zu bekommen."
„Habe ich das? Oder habe ich dir geholfen, weil du mir geholfen hast?"
Stille. Er wollte ihr sagen, dass sie ihn benutzt hatte, aber dafür war sie zu sehr Geist. Er war nicht der Unterlegene in dieser Geschichte.
„Was willst du?"
Julian verschränkte die Arme vor der Brust. Sie kam die Rampe des Schiffs herunter in dunklen Cargo Hosen und schweren Stiefeln, nicht mehr im schillernden Fackelträgerkostüm. Auf ihrer Wange bildete sich ein großer blau-grüner Fleck und in ihrem linken Auge waren Äderchen geborsten.
„Du bist ein armer Mann", sagte Cress, als sich Julian an ihr vorbeischob. „Ein armer, arroganter Mann, der nicht mehr weiterweiß."
Es lag etwas Böses in ihrer Stimme, aber was erwartete er schon von einer knapp über Zwanzigjährigen, die in der Nacht mühelos drei Menschen ermordet hatte. Jeden seiner Generäle hätte er in ein Verlies geworfen dafür. Jeder wäre von seinem Vater oder der neuen Hohen exekutiert worden. Nur sie nicht und diese fehlenden Konsequenzen würden jedem zu Kopf steigen. Deshalb bestrafte man Soldaten. Deshalb hatte man sie im Atheneum bestraft. Julian musterte sie von Kopf bis Fuß und sie kam noch einen Schritt auf ihn zu. Er konnte sie nicht bestrafen. Er brauchte sie.
„Wenn du mich wieder hintergehst, dann werde ich dich an den nächstbesten Kartellfürsten ausliefern."
„Abgemacht", sagte er unbeeindruckt. „Kann ich mir einen aussuchen, oder machst du das?"
Cress nahm ihn am Kinn. Zwei Finger, aber jeder Muskel in Julians Körper spannte sich an.
„Du magst König sein hier, aber gleich bist du ein nichts. Wenn das nicht in deinen Kopf hinein geht, dann können wir uns gleich hier ein Grab ausheben. Dann spare ich mir die Mühe."
„Du hast Angst."
Ihr Griff wurde noch fester. Er würde diese Frau nicht fürchten, egal welche Verwüstung sie hinter sich herzog. Er kannte sie besser und länger, als sie sich selbst kannte. Unter der Kälte lebte das treuste, stärkste Wesen, das er kannte und es sprach wieder mit ihm.
„Du solltest Angst haben", sagte sie. „Du hast nicht den leisesten Schimmer, wohin du auf dem Weg bist. Was dort auf dich wartet. Du denkst, du kennst Elend? Warte, bis du die siehst, die dein Vater ausgestoßen hat. Sein Vater vor ihm. Warte, bis du erfährst, wie sehr diese Menschen dir die Haut vom Körper reißen wollen. Und dass sie Recht damit haben."
Julian zögerte kurz. Dann beugte er sich vor und küsste sie auf die heiße Stirn. Sie ließ ihn überrascht los, wich aber nicht zurück. Hielt den Atem an.
„Ich kann kaum erwarten, es herauszufinden", er stieg in das Schiff und rieb sich das Kinn. „Bis jetzt habe ich sie alle überlebt. Sogar dich."
Er sah zu ihr zurück, wie sie mit verschränkten Armen dastand.
„Kommst du?", fragte er, als hinge von der Antwort nicht ab, wie hoch seine Überlebenschance war. Ob er doch noch nach Katania fliegen musste. Wo er die nächsten Monate, vielleicht Jahre verbringen würde.
Sie hatte die Zähne gefletscht und biss sich sichtbar auf die Zunge.
„Du freust dich."
Er lehnte sich gegen zwei der Kisten, die sie mitnehmen würden.
„Ein bisschen", gab er zu. „Politik ist ermüdend."
Er freute sich natürlich nicht, dass er in nächster Zeit fern der Zivilisation auf einer dünnen Isomatte schlafen und nicht um sein Leben verhandeln, sondern mit Zähnen und Kugeln darum kämpfen würde. Dass er neue Allianzen schmieden musste, wenn er seiner Familie entkommen oder sich ihr stellen wollte. Doch er würde ja nicht allein sein dabei. Und darüber freute sich ein uralter Teil seines Gehirns sehr wohl.
„Hör auf zu grinsen."
Julian zog seine Mundwinkel wieder gerade, aber es war zu spät. Sie hatte ihn überführt.
„Letzte Chance, auszusteigen."
„Die Narben haben viele dunkle Ecken, in denen Prinzen spurlos verschwinden können."
„Ich will sie alle sehen, Cress Cye."
Sie stieg ein und boxte ihn im Vorbeigehen auf die Schulter. Seine Vergangenheit und seine Zukunft hatten sich für einen Moment genug ausgesöhnt, um ihm die Hand zu reichen. Beziehungsweise ihm eine reinzuhauen. Er würde sich daran gewöhnen müssen.
Julian wandte sich noch ein letztes Mal um in die Richtung, aus der er gekommen war. Sah hinter dem Rollfeld die Türme des Palasts schimmern. Er dachte an die Räume, in denen sie alle zusammengesessen waren. An die Teetassen, die im Arete Anwesen noch vor dem Feuer standen. Er hatte Nico angelogen. Er hatte diese Stadt sehr wohl vermisst, als er das letzte Mal fort gewesen war. Die alten Gebäude, die Bibliotheken und Gärten. Die Türme, die er im Atheneum hinaufgerannt war, um sein Herz und seine Beine zu trainieren. Dann begannen in eben diesen Türmen Glocken zu läuten und alle Freude, die er über Cress Anwesenheit empfunden hatte, verschwand. Eine Schwere schien mit dem Geräusch über die Landschaft zu rollen, wie die Aschewalze bei einem Vulkanausbruch. Jetzt würden selbst die, die es letzte Nacht zu weit getrieben hatten, aufwachen und Fragen stellen. Julian wusste, was die Glocken zu bedeuten hatten, die die Stadt weckten. Seine Zeit war abgelaufen. Seine Schwester erhob Anspruch auf den Posten der Hohen.
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Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Science Fiction"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
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