3 - Narben, Hauptquartier der Clubs

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Als sie zurückkehrte an den Ort, wo sie den Jungen gelassen hatte, war er fort. Ob Kieran oder eine der anderen Gilden ihn mitgenommen hatte, konnte Cress nicht wissen. Der Abend war noch jung, als sie den Heimweg durch die Netze antrat. Tiefer dieses Mal, weiter weg von den Brücken. Der Plasmastrahl, der sie beinahe getroffen hatte, blitzte erneut vor ihrem inneren Auge auf. Kieran hatte Recht gehabt und das würde sie sicher noch einmal zu hören bekommen später. Vor allem, wenn sie ohne das Kind zurück ins Hauptquartier kamen.

Cress hatte die Zacke verlassen, in der sie die Kinder ausgesetzt hatten und machte sich auf den Heimweg durch die aufkommende Düsternis. Die Schluchten gingen als lange Risse von der Hauptstadt ab, liefen unter der schützenden Kuppel hervor und bis hinaus in die Wüste. Sie mussten von oben aussehen wie ein Stern, aber natürlich hatte das niemand von ihnen je gesehen. Das war der Grund, wieso der Regen hier die Haut verätzte: der fehlende Schutz der Kuppel, in deren Umarmung die Hauptstadt lag. Hier in den Narben gab es nur wenig Schutz vor der Welt, die die Menschheit so zielstrebig zu Grunde gerichtet hatte. Es gab keine Wettermacher, nur die Soldaten auf den Brücken und die Geister, die sie bewachten.

„Du bist spät", grüßte Malcom, als sie neben ihm auf das Dach sprang. Cress war an einer langen schwankenden Strickleiter, die man extra für sie angebracht hatte, bis auf das Dach des RedLipRoulettes heruntergeklettert. Sie mochte die Strecke nicht und nahm sie nur in Ausnahmefällen, obwohl es lustig war, die Wachposten zu erschrecken. Zumindest, wenn Malcom nicht Dienst hatte, bei ihm funktionierte das nämlich nicht.

„Ist er da?", fragte sie den mittelalten Mann, der am Geländer rauchte. Was war nicht ganz klar, es roch wie brennendes Plastik.

„Vor einer halben Stunde weg."

Cress nickte. Wenn der Kreuzbube nicht hier war, dann hatte sie etwas Zeit, sich eine Ausrede zu überlegen, falls Kieran nicht den Tag gerettet und den Jungen eingesammelt hatte. Und dann noch etwas mehr Zeit, um sich einzureden, dass es funktionieren würde, sich herauszureden.

„Du siehst aus, als wärst du gegen den Himmel gerannt, Mädchen."

Cress schnaubte.

„Immerhin besser als du nach deiner Schicht aussehen wirst."

„Wahr, Elster. Sehr wahr."

Es gab noch einen Grund, wieso sie alle wachsam wurden, wenn der Regen über sie kam.

„Wie wird die Nacht?", fragte sie. „Hast du welche gesehen?"

Jenseits des Lichts, das das Feuer in der Tonne neben ihnen spendete, war es dunkel. Nur die anderen Wachposten mit ihren jeweiligen Feuern entlang des Club Gebiets waren zu erkennen. Dazwischen schwankten Hängebrücken, Flaschenzüge und Stromkabel über dem Abgrund.

„Sehr still", antwortete Malcom und wiegte dabei den Kopf hin und her. „Ist mir nicht ganz geheuer. Bei den Mengen müssten sie uns eigentlich schon vor die Tür geschwemmt werden."

Cress nickte.

„Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Ich brauch nur erst was zu trinken."

Sie wandte sich ab und hätte beinahe Chiby Wales umgelaufen, einen fünfzehnjährigen Jungen mit pickligem Gesicht und Dauergrinsen, umgerannt. Er hatte Angst vor Cress, war gleichzeitig aber wahnsinnig verliebt in sie.

„Aus dem Weg", befahl sie und er sprang zur Seite, wie ein aufgeschrecktes Kätzchen. Sie stieg über eine Luke im Flachdach eine wackelige Treppe hinunter. Im Wachquartier saßen mehrere Clubs beisammen und redeten leise. Cress war zu schnell an ihnen vorbei, um ihre Gesichter zu sehen, doch sie hörte, wie man auf die Füße sprang, als sie schon wieder den Raum verlassen hatte. Der Komplex war groß für einen Bau, der sich an die Wand der Schlucht klammerte. Sie lief durch einen schmalen Verbindungsgang, dessen eine Wand der Fels der Narben war, hinüber zum Schankraum. Sie stieg an Schnapsfässern und Weinflaschen vorbei die Treppe des Lagers hinauf, stieß eine Tür auf und trat durch den Vorhang, auf dem das blaue Kartenkreuz prankte, direkt hinter die Bar. Mike stand mit dem Rücken zu ihr und reichte gerade jemandem ein schmutziges Glas über die Theke. Der Raum war zum Bersten voll mit Menschen, die bei dem Wetter nichts besseres zu tun hatten, als sich hier die Zeit zu vertreiben. Dabei tranken in so einer Nacht nicht einmal die größten Alkoholiker. Denn nach wie vor hämmerte Regen gegen die Kuppel des Schankraums und immer wieder flogen bange Blicke nach oben oder in Richtung Tür. Cress lehnte sich neben Mike an die Bar, der vertuschen wollte, dass er zusammenfuhr, aber beinahe das Glas zerbrach, das er in der Hand hielt.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt