127 - Fünfte Brücke

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Thomas überfiel die fünfte Brücke mit äußerster Vorsicht. Sie waren Soldaten, sie kannten sich untereinander. Er hatte mit einigen dieser Männern auf engstem Raum geschlafen, trainiert, gegessen. Sie kamen aus bürgerlichen Familien, aus armen Familien, keiner von ihnen war adlig geboren. Niemand hätte ihnen böse Absichten unterstellt, als sie in der Hochzeitsnacht des Prinzen gutgelaunt ihre Kollegen auf den Brücken besuchten. Sie waren nicht mit dem Kronprinzen in Katania gewesen, sondern brav geblieben und hatten unter Nicholas van Garde gedient. Heute kamen sie aber ohne ihren General, mit Alkohol und Spielkarten in den Taschen. Niemand vermutete etwas, bis sie eine Schlägerei anzettelten.
Der Kampf war hässlich, aber sie hatten die Überraschung auf ihrer Seite. Es war nicht der wahnwitzigste Auftrag des Generals, den Thomas je ausgeführt hatte, schließlich war er auch schon mit einem Geist von einer Wettermacherplattform abgestiegen, aber diese Männer niederzuschlagen war niederträchtig. Sie vertrauten ihm. Er kannte sie. Doch Thomas wusste, dass er in etwas verstrickt war, dass viel größer war als sein Unbehagen. Nicholas van Garde war ein guter Mann mit klarem Blick auf die Welt. Er würde soetwas nicht ohne Grund von ihm verlangen.

Thomas faltete die Hände hinter dem Rücken und wartete im Büro des Kommandanten, bis drüben auf der vierten Brücke das Licht im Büro an und ausging. Sie morsten das vereinbarte Signal. Er wandte den Kopf in die entgegengesetzte Richtung und wartete auf die sechste Brücke. Kein Signal. Thomas hob sein Funkgerät, wollte nachfragen, was passiert war. Keine Antwort. Noch fünf Minuten würde er ihnen geben, bevor er ... was tun würde? Seine Männer hinüber schicken? Wenn seine Leute drüben abgefangen worden waren, würde es noch hässlicher werden. Wenn die Brückenwache Lunte gerochen hatte. Dann musste er schnell sein. Wenn die königstreuen Soldaten die Brücke abriegelten, bekam er da niemanden mehr hinein. Jede der Bauten war eine Festung und es würde nur Minuten dauern, bis der Palast genau wusste, dass hier etwas vorging. Thomas stand unentschlossen mit der Hand um sein Funkgerät da und sah hinüber zur sechsten Brücke. Immer noch kein Signal. Er sah hinauf zum Himmel, sah auf die Uhr und hob das Funkgerät. Dann flackerte das Licht an. Aus. Wieder an. Die sechste Brücke gehörte auch ihnen. Es war soweit. Er suchte auf seinem Funkgerät nach der Kennziffer des Mannes, der in den letzten paar Stunden eine Armee auf Betriebstemperatur hochgefahren hatte.

„Portal ist offen", funkte er an General Lukrez. „Auf Position."

„Ach schön", erwiderte eine weibliche Stimme, die sich nicht im entferntesten an das Militärjargon hielt, das ihm jahrelang eingeprügelt worden war. Thomas sah irritiert auf sein Funkgerät hinunter. Der ranghöchste Militär gab den letzten Funkspruch an die Basis. Entweder halluzinierte er, oder da ignorierte jemand das Protokoll. Er kannte diese Stimme, aber die Dame zu der sie gehörte, gehörte nicht an das andere Ende dieses Funkspruchs. Rau und gleichgültig schallte ihre Stimme schon wieder aus seinem Funkgerät.

„Na dann, halten wir die Sache kurz", sagte sie. „Du weißt wie sehr ich Abschiede hasse, also vergib mir, wenn ich nicht weine. Innerlich weine ich. Sehr viel."

Thomas drückte seinen Verbindungsknopf so fest, dass die Taste fast steckenblieb. Er kannte die Stimme. Er kannte den Ausdruck, der über das Gesicht seines Generals ging, wenn man sie hörte. Die Dame sollte im Bett des Kronprinzen liegen und nicht ... er wusste nicht, was er mit sich anfange sollte.

„Hoheit?"

Er hörte sich an, wie ein verschreckter Schuljunge.

„Bitte nicht", sagte René de Chirouelle-Avalinis. „Der Titel wird mir in absehbarer Zeit aberkannt, also gewöhnen wir uns nicht zu sehr daran. Nicht, dass Verwirrung entsteht."

Die Frau seufzte theatralisch. Thomas stürzte zum Fenster, presste die Handflächen dagegen und starrte nicht nach unten, wo die Narben gähnten, sondern nach oben in den Himmel. Das Flagschiff des Kronprinzen war ein Koloss, das Mond und Sterne verschwinden ließ. Es zog über ihn hinweg, wie ein fliegender Berg. Und an Bord waren nicht nur Generäle und Soldaten, sondern auch eine Adlige. Die frisch gebackene Ehefrau des Kronprinzen verließ in ihrer Hochzeitsnacht die Stadt, um in die Kolonien zu segeln.

„Sterne", flüsterte der Veteran.

„Tommy, alles Gute", kam es aus seinem Funkgerät. „Grüß die Familie und pass auf sie auf. Wir sehen uns wieder."

Thomas hatte den Himmel noch nie so verschwinden gesehen. Mehr Schiffe. Kleine, große, unbeleuchtet, aber mit blau glühenden Triebwerken. Sie zogen über die Narben hinweg und hinaus in die Einöde. Es war ein Schauspiel, von dem er seinen Enkeln erzählen würde. Er fragte sich, ob im Palast immer noch gefeiert wurde und wann die ersten Jäger des Königs die Verfolgung aufnehmen würden. Er fragte sich, wer alles wusste, dass diese Frau die Gunst der Stunde nutzte, um aus der Stadt zu fliehen. Er fragte sich, ob der König wusste, hinter wem er seine Männer herschickte.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt