110 - Im Heiligtum

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„Lasst mich allein."

Man hörte die Musik bis ins Heiligtum, aber die Stimmen konnten die dicken Mauern abfangen. Über ihnen wölbte sich die frisch geputzte Glaskuppel in den Nachthimmel. Darunter brannte die Flamme. Rya zog ihre funkelnde Stola fester um die Schultern und trat in das Halbdunkel, wo sie ihre Nachtwache für das Paar halten würde.

„Hohe", sagte Maya hinter ihr. „Es sind viele Menschen im Palast. Nicht alle wollen Euch Gutes. Lasst mich bleiben."

Rya musterte ihre treue Protektorin, die ihr den Großteil des Abends nicht von der Seite gewichen war. Sie kannte Maya seit sie ein Kind war und etwas an ihrer nervösen Art brachte sie regelmäßig zur Weißglut. Vor allem heute Nacht war das Mädchen noch unruhiger und anhänglicher als sonst. Lästig, wenn man Dinge zu tun hatte.

„Ich lasse dich rufen, wenn ich dich brauche."

Adelen bewegte sich nicht sofort. Sie sah aus, als wolle sie noch etwas sagen, aber dann neigte sie den Kopf und ging nach draußen. Ungewöhnlich, so viel Widerstand. Gefährlich für das junge Mädchen, ihre Pflicht zu vergessen. Ihren Platz.

„Ihr auch."

Die beiden Drillinge, die bei ihr waren, trugen noch die Kostüme der Fackelträger und hatten ihre Gesichter verborgen. Die Dritte würde in Kürze dazu kommen. Die Hohe sah trotzdem dorthin, wo die Augen sitzen mussten. Noch mehr Widerspruch und sie würde Strafen verteilen. Sie hatte keine Nerven dafür heute Nacht. Nicht, wenn sie auf etwas bestimmtes warten musste. Nicht nach den Träumen.

„Geht."

Als sie endlich allein war im Heiligtum, setzte sich die Hohe an die Flamme. Normalerweise laß sie hier oder betete, doch heute Nacht saß sie nur still da. Der Prinz würde keinen weiteren Segen von ihr bekommen. Sie hatte ihre Arbeit getan. Hatte die Krone, die sie verachtetete, einmal mehr legitimiert. Als Schritte über den Steinboden näher kamen, dachte sie Maya wäre zurückgekommen. Ärgerlich erhob Rya sich.

„Ich habe dir gesagt ..."

Es war nicht Maya. Die Gestalt kam aus der anderen Richtung und nahm ihre Kapuze nicht ab, bis sie auf der anderen Seite des Feuers stand. Verwirrung machte sich in Rya breit. Es war streng verboten, ihre Wache zu unterbrechen. Darauf standen körperliche Strafen. Der Neuankömmling war hereingekommen, als wäre das abgeschottete Heiligtum ihr Wohnzimmer. Rya ließ den Blick über ihren Mantel schweifen. Dann erkannte sie die Frau an ihren Händen.

„Mein Sohn kommt dich heute Nacht holen", sagte Florence leise. Die Stimme war leise, aber sie jagte einen elektrischen Schock durch die Hohe. Rya zog die Stola noch enger um ihre Schultern. Die Ränder bissen in ihre Haut. Wieder der Junge. Zum ersten Mal seit sie sich kannten, konnte Florence ihr nicht in die Augen sehen. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen. Rya hatte trotzdem gehofft, dass sie älter sein würde.

„Du sprichst wieder mit mir."

Florence würdigte sie noch immer keines Blickes. So war sie normalerweise nur zu ihrem Ehemann.

„Julian weiß es", sagte sie leise. „Ich weiß nicht woher, aber er hat seine Schwester gewarnt. Und seine Verbündeten im Adel. Die Hochzeit stützt seinen Anspruch. Es ist so weit."

Rya wandte den Blick nicht ab. Die Sterne und ihr Spiegelbild waren in den Hintergrund gerückt. Die Flamme, die zwischen ihnen brannte. Der gähnende Himmel über ihnen.

„Du lässt ihn gewähren."

Florence setzte sich auf eine der steinernen Bänke am Flammenbecken. Maya hatte Decken und Kissen darauf verteilt gegen die Kälte.

„Ich warne dich in diesem Moment, Rya."

Sie wussten beide, dass die Hohe eine Armee hatte, um sich zu verteidigen. Eine Armee, die in dieser Sekunde aber durch die ganze Stadt verteilt war. Es lag nicht in der Natur der Frau, zu fliehen.

„Du bist zu weit gegangen."

In Rya wurde es still. Sie hatte ihre Schuld vor ihre Götter getragen und abgelegt. Florence Worte hatten keine Widerhaken mehr. Es lag nur an dieser Nacht, dass sie selbst überhaupt etwas fühlte. Sie war schon lange nicht mehr die Frau, die den Namen trug, mit dem sie Florence ansprach. Sie war die Hohe und all ihre Namen waren göttlich. Dieses Gespräch würde der letzte Schritt in die Vergangenheit sein, den sie machte. Danach würde sie ihre Erinnerungen ablegen.

„Ich konnte nicht zulassen, dass sie das Gedächtnis öffnen. Es ist ein heiliger Ort."

Die Gefahr, dass die Erinnerungen in die Hände der falschen Menschen gerieten, war jede Tat wert gewesen. Tausende, Millionen, Abermillionen Erinnerungen. Dass Erinnerungen verloren gingen und Menschenleben im Nichts verschwanden, war das größte Verbrechen dieses Lebens. Sie bereute nichts. Auch wenn Florence sie auf diese Weise ansah.

„Ich hatte gehofft", die Königin sah direkt ins Feuer, obwohl es blendete. „Ich hatte gehofft, dass du es einsiehst. Deshalb bin ich gekommen."

Für eine Entschuldigung. Rya hätte lügen können, doch welchen Sinn hätte es gehabt. Sie hatten sich lieber jahrelang angeschwiegen, als sich anzulügen.

„Ein Handel ist ein Handel", sagte Rya ruhig. „Du entscheidest, wann du deinen Teil einforderst."

Rya vibrierte vor Nervosität. Seit Jahren hing die unsichtbare Hand der Königin über ihr und nun hatte sie sich gesenkt. Ein Leben für ein Leben. Florence löste ihren Blick vom Feuer und obwohl sie vermutlich nichts sah in diesem Moment, zitterte Rya unter ihrem Blick. Sie hatten alle die gleichen Augen. Königsblau und gnadenlos. Der Sohn, die Tochter, die Mutter. Rya hatte von Beginn an gewusst, dass sie eines Tages in diesem Blau ertrinken würde.

„Du verletzt mein Kind nicht noch einmal."

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt