118 - Heiligtum

84 16 1
                                        

Cress saß im Gebälk des Heiligtums. Sie war ohne ein Wort durch die Blockade der Ordenswachen gelassen worden, man hatte sich sogar vor ihr verneigt. Der Vorplatz des Heiligtums war verwaist und als hinter ihr ein Helikopter abhob, wusste Cress dass sie allein war. Sie hielt das obere Ende der kunstvoll geschmiedeten erloschenen Fackel in eines der weißen Feuer vor dem Heiligtum, die nun unbewacht waren. Die unerträgliche Hitze des Feuers war die Gleiche wie die des Ablegers, den sie in den Flammen gedämpft hatte. Nur erträglicher, weil sie unter freiem Himmel brannte. Cress hielt das Feuer an das Schloss der Doppeltür des Heiligtums. Flüssiges Metall rann an der Tür zu Boden. Alle anderen Eingänge waren ohnehin verschlossen wegen der Wache der Hohen.

Cress legte die Fackel zurück in das mittlere Flammenbecken und sah an dem Gebäude hinauf. An den Bögen und Wasserspeiern, von denen die meisten Vögel mit weit ausgebreiteten Schwingen waren. Seitlich an der Mauer begann sie zu klettern. Die Säulen waren das schlimmste. Sobald sie einen der Bögen erreichen würde, konnte sie sich besser festhalten. Ihre Schultern schmerzten höllisch, aber sie funktionierten noch und solange ihr Körper funktionierte, war sie lebendig genug, um zu jagen. Cress zog sich über den alten Marmor hinauf. Zweimal strauchelte sie, weil die steinernen Ornamente unter ihren Füßen bröckelten. Einmal glitt ihre Hand ab und sie riss sich die Handfläche wieder auf. Das Funkgerät blinkte wild an ihrem Gürtel, aber sie hatte es stummgestellt. Jedes Geräusch konnte sie verraten bei dem, was sie jetzt vorhatte. Es fühlte sich vertraut an, auf sich gestellt zu sein.

Die beiden Nocturna Schwestern warteten in einem Vorraum auf die Hohe und stritten dabei. Cress hatte sie von außen durch eines der Buntglasfenster gesehen. Anscheinend war nicht einmal der Verrat ihrer Protektorin Grund genug, die Wache zu unterbrechen, die die Hohe für Julian und René hielt. Oder die weißen Frauen waren nicht besonders scharf darauf herauszufinden, was die Hohe zum Zustand ihrer Protektorin zu sagen hatte.

Cress zog sich auf das Dach des Heiligtums hinauf und blieb einen Moment sitzen, um wieder zu Atem zu kommen. Am Fuß des Hügels konnte sie die Zelte, Pavillons und die Menschen sehen, die immer noch die Hochzeit feierten. Feierten, während hier oben gekämpft wurde. Cress suchte sich einen Weg über das moosbewachsene Dach des alten Gebäudes. Sie kletterte über ein Fenster in einen der Türme und lief eine Wendeltreppe hinunter ins Innere. Sobald sie die Holztür zum Turm aufschob, hörte sie den Gesang. Der Geruch von Weihrauch und kaltem Stein umwehte sie, als sie ins Hauptschiff des Heiligtums hinabsah. Vor ihr streckten sich die alten Eichenbalken des Dachstuhls über den schwach erleuchteten Hauptraum. Unten saß nicht eine Frau an der Flamme, sondern drei. Cress ging in die Hocke und beobachtete die Szene. Eine Frau lag mit geschlossenen Augen im Schoß der Zweiten. Die Dritte stand daneben, als hielte sie Wache. Zweimal weiß, einmal blau, wobei das nichts heißen musste. Eine von ihnen sang.

Wo die alte Sonne bricht
Heben Vögel ihre Schwingen
Tragen was gebracht zurück
Geben Ruhe allen Dingen
Löschen auch das letzte Licht.

Die Frau hatte eine schöne Stimme und das Lied kam Cress wage bekannt vor. Ein Abschiedslied. Die sitzende Frau beugte sich über die Liegende. Cress kniff die Augen zusammen. Etwas funkelte in ihrer Hand.

„Wir müssen gehen. Die Tür ist verschlossen, aber sie werden kommen, um nach ihr zu sehen."

Keine Antwort. Cress wischte sich den Schweiß von der Stirn. Im Dachstuhl musste es mindestens dreißig Grad haben. Die Hitze kam von dem Flammenbecken in der Mitte des Raums. Cress könnte direkt hineinfallen, wenn sie ausrutschte und stürzte.

„Mutter."

Ein schmerzerfüllter Schrei zuckte durch den Raum. Cress fuhr selbst oben im Gebälk zusammen. Die stehende Frau zog die Sitzende auf die Beine und stützte sie. Die Dritte blieb regungslos neben dem weißen Feuer liegen. Cress Herz hämmerte in ihrer Brust. So sehr, dass sie auf einer weiteren schmalen Wendeltreppe in den Hauptraum ihr Fungerät hervozog. René wollte eine Beschreibung der beiden Frauen hören und war dann lange still, während Cress die Stockwerke zum Altarraum hinunter stieg.

„Ich kann falsch liegen, aber ... "

Cress hatte sie noch nie einen unvollständigen Satz bilden gehört.

„Ich gebe es weiter. Sei vorsichtig."

Cress schaltete das Gerät wieder stumm. Vorsichtig drückte sie eine weitere Eichenholztür auf. Vor ihr erstreckte sich das riesige Mittelschiff des Heiligtums. Die Gemälde entlang der Wände zeigten wichtige Szenen aus den heiligen Schriften des Ordens. Eine himmelhohe weiß leuchtende Gestalt, die über einer Stadt in der Luft schwebte. Eine Frau ohne Pupillen und Iriden, die in einer Hand die Sonne und in der anderen den Mond hielt. Jeder von Cress vorsichtigen Schritten hallte scheinbar meilenweit durch das Halbdunkel. Unter dem Blick der gemalten Götter ging sie vorsichtig in die Mitte des Raumes, wo in einem zweieinhalb Meter breiten Becken aus Kristall die weiße Flamme brannte. Gegen dieses Monstrum war der Ableger, den Cress in den Narben gedämpft hatte, kaum ein Streichholz. Mochte der Raum noch so groß und der Stein noch so kalt sein, das Feuer erfüllte alles mit Wärme, als würde eine grausame Sommersonne auf sie herabbrennen. Im Vergleich zu der Flamme sah die Frau daneben klein und zerbrechlich aus. Cress erkannte sie sofort. Julian hatte ihr ein Bild gezeigt von dem Tag, an dem sie in ihr Amt eingewiesen worden war. Rya. Die Hohe. Die Frau, die dafür gesorgt hatte, dass Victoria Ivess-Yorda zu Cress Cye wurde. Die mächtigste Frau der Welt.

Sie sah bemittleidenswert aus. Alt.

Für einen Moment dachte Cress, die weiße Frau wäre tot. Doch dann sah sie, wie sich ihre schmächtige Brust hob und senkte und mit der Hitze des Feuers und der Regungslosigkeit der Frau, kam die Wut zurück.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt