„Du bringst alle zusammen", stellte Cress fest, sobald sie mit Julian allein war. „Du tust es."
Der Prinz wirkte müde. Seinen Bewegungen fehlte die Kraft, aber er nickte.
„Es ist ein guter Plan, die Hochzeit zu nutzen. Wir stellen uns auf."
Seine und Renés Hochzeit. Auch einer der Gründe möglicherweise, wieso René so ambivalent auf Cress zu sprechen war. Jedes adlige Mädchen wurde vermutlich auf ihren Hochzeitstag hin gedrillt, seit sie laufen konnte und Cress war hier aufgetaucht und hatte diesen einen Tag gekapert. Mit Unterstützung des Bräutigams.
„Wir beginnen heute."
Strahlend weißes Hemd, saubere Hände und doch haftete an dieser Ankündigung etwas Verruchtes. Allein, dass es ihre Idee gewesen war, gefiel den anderen nicht. Denn Cress und René hatten beide Recht. Cress war zugleich gefährlich und in Gefahr. Sie war wie Schrödingers Katze lebendig und tot, bis jemand die Box öffnete und nachsah. Bis der Adel sie in den Palast schickte und alles darauf setzte, dass sie sich an den Plan hielt.
Cress sagte ihm nicht: du tust das richtige. Du kannst mir vertrauen. Mach dir keine Sorgen. Es wäre alles in dem Moment unwahr geworden, in dem sie es aussprach. Sie hatte ein Gentlemens' Agreement mit Julian geschlossen. Zu sehr auf Augenhöhe, um ihre Vergangenheit zu verleugnen. Sie selbst in einer zu starken Position, die ihr Victorias Augen erkauften.
„Hat dein Vater keine Angst vor dir?", fragte Cress. Julian sah sie gerade an. Es war eine scheinbar aus dem Kontext gerissene Frage, aber nicht, wenn man wusste, was sie hier planten.
„Nein", sagte er schlicht. „Er kennt mich."
Dann ging jedoch ein nachdenklicher Ausdruck über sein Gesicht. Cress stellte sich vor, dass er an Katania dachte, an die Kämpfe. Dann schüttelte er es ab.
„Das Atheneum war anders für mich. Mein Vater und ich sind die einzigen, die die Rekonstruktionen kennen. Wir haben beide... genug Krieg gesehen."
„Was heißt das?"
Krieg. Es hatte keinen Krieg mehr gegeben bis auf die Revolution in Katania. Selbst dieser Krieg war so weit weg gewesen, dass er diese Stadt nicht direkt berührt hatte. Doch als Julian zum weitersprechen ansetzen wollte, hörten sie das langsame tiefe Läuten der Glocke. Vor der Tür stand ein Mann.
„Es ist keine Geschichte für jetzt."
Julian ging, um zu öffnen und Cress hatte noch mehr Informationsschnipsel, die sie an anderer Stelle zusammensetzen musste. Sie würde später Nico fragen, der inzwischen seinen Mantel ablegte. Mit ihm war der stille Will gekommen, den Cress schon länger nicht gesehen hatte.
„Du trägst ihn", sagte Julian zu ihr, während die anderen ihre Mäntel ablegten. „Den Ring."
Wie hatte er das so schnell bemerkt?
„Sollte ich nicht?"
Es versetzte ihr einen Stich, dass er nicht antwortete. Nico war eine Sache. Julian ... einer andere. Auch die Stimmen, die sie im Garten gehört hatten, waren jetzt im Flur angekommen. Julian und Cress wandten sich beide der Tür zu und sofort darauf kamen Oliver und René herein. Renés Lächeln war verschwunden und Nico wirkte auch nicht gerade glücklich, aber das war häufig der Fall, wenn er Cress gegenüber stand.
„Gratulation", sagte Nico zu Julian. „Im Übrigen."
Julian richtete sich etwas mehr auf und Cress entschied für sich, dass die Angelegenheit unterhaltsamer werden würde, als sie gedacht hatte. Nur Finja fehlte, sonst war der innere Zirkel des Prinzen komplett.
DU LIEST GERADE
Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Science Fiction"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
![Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]](https://img.wattpad.com/cover/365692119-64-k130980.jpg)