108 - Pavillon

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Finja fand ihn im schlechtmöglichsten Moment. Nico saß in einem der Pavillons im Schein bunter Laternen und fütterte eine gerade achtzehnähirgen Hofdame mit Trauben. Das Mädchen erschreckte sich zu Tode, als die Kronrichterin auftauchte und sprang auf die Füße, sodass sie gegen den Tisch knallte, bevor sie die Flucht ergriff. Nico fing eine wegrollende Traube in der hohlen Hand auf. Finja warf Nico einen abschätzigen Blick zu und er antwortete mit einer fliegenden Traube. Sie wich nicht aus.

„Du hurst dich durch die Nacht, wie ich sehe."

„Frau Vorsitzende, darf ich Sie einladen mitzumachen?"

Finja setzte sich neben ihn. Sie hatte das Weiß der Sterne gezogen, aber ihre Robe war schlicht wie die eines Arztes. Nur der kunstvoll geflochtene Ledergürtel und die Brosche mit dem Familienwappen an ihrer Brust stachen hervor. Arete. Der im Netz gefangene Singvogel.

„Hast du Spaß?", fragte Nico, während die Musikanten im Zentrum des Pavillions einen schnelleren Tanz anspielten. Geige, Flöte und Gesang. Nico hatte das durchgesetzt. Er hatte nicht viel für Synphonieorchester übrig. Doch auch der Gig und die Leute, die über die Tische sprangen, um ausgelassen dazu zu tanzen, heiterten die Kronrichterin nicht auf. Im Gegenteil. Finja sah sich nach allen Seiten um.

„Die Männer meines Vaters sind nervös."

Finja drehte die Kordell an Nicos Schulter um ihren Finger und Nico wurde eiskalt. Wenn etwas durchgesickert war, hatte er Glück, wenn er seinen Kopf behielt. Und falls etwas durchgesickert war, dann wusste es Finjas Vater wahrscheinlich zuerst. Oder einer seiner gut informierten Lakaien.

„Wer genau?"

„Bora", sie warf noch einen schnellen Blick über seine Schulter, wie um sicherzustellen, dass der grimmige Minister sie nicht hörte. Dabei war er nicht einmal in Sichtweite.

„Ich glaube nicht, dass wir der Grund sind", fuhr Finja fort. „Sonst hätte man mit mir gesprochen. Aber ..."

Nico trank einen großen Schluck Wein. Er hatte Julian versprochen nüchtern zu bleiben, aber bei den Sternen, es erwies sich als schwierig.

„Dann sehe ich kein Problem."

„Nico, Bora schwitzt schon den ganzen Abend. Wenn wir nicht der Grund sind, dann ist irgendetwas anderes faul. Ich habe das halbe Gericht und die bekannten meines Vaters ausgehorcht, aber niemand anderes hat etwas auffälliges gesagt."

Finja Arete hasste es, wenn sie keine Antworten bekam, wenn und wann sie sie wollte. Sie sah Nico nicht an, stattdessen benutzte sie ihn als Schild, um über seine Schulter den Tisch hinunter zu blicken. Nico wusste genauso gut wie sie, wer dort saß. Der Herzog, mit dem Julians Schwester verheiratet war. Neben Dominique Alessandrini, die vor sich hin starrte.

Nico trank noch einen Schluck Wein auf Kosten des Königs. Der Lippenstift des Mädchens haftete noch am Kelch.

„Ist Bora noch zuständig für die Finanzen des Herzogs?", fragte er beiläufig.

Finja schüttelte den Kopf.

„Schon länger nicht mehr. Aber das muss nichts heißen. Der Mann ist ein Fähnchen im Wind."

Wieder sah Finja von seinem Gesicht über seine Schulter. Nico spürte die Anwesenheit des Adligen in seinem Rücken, unangenehm wie die eines verwesenden Tierkörpers. Der Herzog war niemand, den man zum Feind haben wollte, aber wenn man sich blöderweise einen moralischen Kompass zugelegt hatte, dann gab es wenig andere Optionen. Dass der König seine Tochter an ihn verschachert hatte, verstanden große Teile des Adels bis heute nicht. Die Antipathie zwischen Julian und dem Herzog war ein offenes Geheimnis.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt