109 - Vor dem Heiligtum

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Maya zitterte so stark, dass sie den Becher abstellen musste. Sie sah sich noch einmal zu ihrer Mutter um, die lachend an einem der himmelshohen Feuer stand und Punsch trank. Das selbstgenähte Kleid und das breite Lachen stand ihr so gut, dass sie zehn Jahre jünger aussah. Wann hatte Maya ihre Mutter das letzte Mal so lachen gehört? Es musste Jahre her sein. Oben am Heiligtum brannten nach wie vor ungestört drei weiße Flammen. Maya konnte von hier aus nur die Ableger der Mutterflamme sehen, die sie heute Morgen in die Kelche vor dem Heiligtum gesetzt hatte, aber sie wusste, dass hinter jedem der Flammenkelche eine der Drillinge Wache hielt. Alcha, Coria und Cheleste würden neben der Hohen die einzigen Menschen auf dem Hügel des Heiligtums sein. Neben Maya, wenn ihre Schicht als Protektorin begann. Drei Flammen, wie die kleinen Abbilder der Feuersäulen, die in diesem Moment hoch oben auf dem Turm brannten. Alle entzündet von der Hohen – und von Maya. Die Stadtmesse war der einzige Anlass, zu dem Ableger der Flamme geschaffen wurden. Vielleicht war es ein Omen gewesen, dass in den Narben ein solcher Ableger aufgetaucht war. Sie wusste immer noch nicht, wer das Feuer gespalten und entführt hatte. Nur, dass Maya bei einer öffentlichen Untersuchung ganz oben auf der Liste der Verdächtigen stehen würde.

Links von ihr verlangte jemand nach mehr Wein. Weiß gekleidete Soldaten schoben noch mehr Holzscheite ins rauschende rote Freudenfeuer. Die Hitze war so stark, dass sie sich kaum auf zwei Meter nähern konnten, aber als Maya den Lichtkreis verließ, wurde ihr schlagartig kalt.

Als der Mann hinter ihr auftauchte, fuhr sie zusammen. Van Garde war aus der Menge getreten wie ein Phantom. Seine blaue Uniform hob sich kaum von der Dunkelheit jenseits der Laternen ab, während sie sprachen.

„Mir wurde gesagt, du hast eine Abmachung mit meinem Cousin."

Mayas Magen sackte in die Tiefe, als säße sie wieder neben ihm in einem Schiff und er würde wieder zutr Landung ansetzen.

„Unglücklicherweise, muss er den Gefallen einfordern, den du ihm zugesichert hast."

Maya wurde so übel, dass sie sich schon nach einem Busch umsah, hinter dem sie sich übergeben konnte. Van Gardes Hand senkte sich auf ihre Schulter.

„Ruhig."

„Fasst mich nicht an."

Die Hand verschwand sofort. Nur ein paar Sätze mehr, ein verräterischer Handschlag, bei dem er ihr den Ring gab. Sie kannte den Ring, sie wusste, was er enthielt. Gift, das fremd war auf diesem Teil der Erde und das kein Arzt als solches erkennen würde. Man musste nur das Metall aufdrehen, damit es herausfiel. Für einen Moment stand Maya wieder im Landhaus der Bernadottes, wo der Kronprinz mit dem Schürhaken die Glut im Kamin zusammenschob. Alle anderen waren verschwunden, nur er und sie standen noch in der pechschwarzen Nacht in der Küche, damit sie ihre Familie bei ihm freikaufen konnte.

„In Katania verwenden die geachteten Alten verschiedene Mittel, um ihren Geist zu öffnen. Ich habe drei mitgebracht und ich biete dir an, eines zu wählen."

Julian Alessandrini hatte drei Ringe auf den Kamin gesetzt.

„Die Schamanen nennen sie Jungfrau, Ehefrau und Witwe."

Jeder Ring hatte eine flache Metallfläche, wo ein Stein hätte sitzen können. Sie wusste nicht, wie er sie auseinanderhielt. Nur, dass jeder Ring mit einen winzigen Verschluss hatte, den man mit dem Nagel aufdrehen konnte. Dieser Mann hatte in der Ferne keine Vergebung für die gefunden, die ihm geschadet hatten. Er hatte eine fein sortierte Auswahl an Tod mitgebracht für denjenigen, der ihm seine Verlobte genommen hatte. Maya sah ihn an und war sich mit einem Mal sicher, dass er diese Gifte in der vollen Bereitschaft mitgebracht hatte, seinen eigenen Vater damit zu ermorden. Er erwiderte ihren Blick ruhig und deutete auf den ersten Ring. Dann auf den zweiten. Den dritten.

„Die Jungfrau singt ihren Geliebten in den Schlaf. Die Ehefrau raubt einem die Luft mit ihrem Kuss. Die Witwe bedeckt einen mit ihrem Schleier."

Maya konnte ihren Blick nicht von den drei Ringen lösen. Todesangst krallte sich um ihre Wirbelsäule, während der Prinz sie beobachtete.

„Keine Frau auf der Erde hat jemals diese Mittel verwendet. Sie sind nur den weisen Männern von Katania vorbehalten. In geringen Mengen, um ihre Götter zu sehen. In höheren Mengen, um am Ende eines Lebens einen selbstgewählten Tod zu sterben."

„Ihr könnt das nicht von mir verlangen."

Die Augen des Prinzen waren wie ein Nachthimmel, in den man stürzte.

„Wenn Ihr nicht wählt, wähle ich. Es wird kein schneller Tod sein, aber auch nicht der grausamste. Diese Gifte sind nur Gifte in hohen Dosen und sie werden sie stark genug betäuben, dass sie ihren Körper nicht mehr spürt. Ich weiß es selbst, ich habe sie alle drei genommen."

Maya starrte ihn an. Julian Alessandrini lächelte. Maya stellte sich vor, wie er irgendwo in der Wüste in einer Höhle lag, umgeben von fremden Schamanen, die Augen so weit verdreht, dass man nur noch das Weiße darin sah.

„Ich habe kein Interesse daran, sie leiden zu lassen", sagte er. „Das bringt mir keine Genugtuung. Ich werde schließlich nicht zusehen, wie sie stirbt. Doch sie muss sterben. Das ist meine einzige Bedingung."

Maya befeuchtete ihre Lippen.

„Ihr schwört, dass es quallos ist?"

„Ich schwöre, dass sie genauso viel leiden wird, wie sie will."

„Was soll das heißen?"

„Ich kann nicht voraussagen, wie eine Hohe auf eine der drei Damen anspricht. Doch wer seinen Geist öffnet, entkommt sich selbst nicht."

Maya schluckte. Die Ringe auf dem Kaminsims schienen mit jedem seiner Worte schwerer zu werden. Jetzt, wo Nicholas van Garde einen davon in ihre Handfläche drückte, schien er ihren ganzen Körepr zu Boden zu ziehen. Der Ring war kalt gegen ihre Hand. Van Garde hielt ihre Finger einen Moment länger als nötig.

„Hör zu", hatte Nicholas gesagt. „Zögere es hinaus soweit du kannst. Wenn sich keine Gelegenheit bietet heute Nacht, schlafen wir alle besser."

Sie spürte den Druck seiner Finger immer noch auf ihrer Hand, auf ihrer Schulter.

„Wird es schnell gehen?"

Van Gardes Blick wurde abgeschlagen. Er ließ sie los und nickte.

„Maya."

Sie wandte sich noch einmal zu ihm um. Er sah betrunken aus, abgekämpft, auch wenn seine Augen klar gewesen waren. Van Garde sah sie an, als würden sie sich besser kennen, als sie es taten.

„Pass auf."

Sie erwiderte nichts und ließ ihn stehen. Julian Alessandrini wollte einen Hohenwechsel und die Adelen Geschwister würden ihm helfen, um ihre eigene Familie zu retten. Dass van Garde mit einem Mal ein Gewissen zur Schau stellte, änderte nichts. Maya fühlte die Sterne auf sich herabbrennen auf ihrem Weg den Hügel hinauf. Rechnete damit, dass ein Blitz aus den Höhen niederfuhr und sie an Ort und Stelle verbrannte. Jetzt, wo ihr Gespräch mit dem Kronprinzen im Landhaus seines Freundes zu etwas realem, bösen wurde. Eine Reihe Ordensgardisten nickte ihr zu auf ihrem Weg. Sie dienten mit ihrem Bruder. Unter ihm. Man sah sie. Man wusste, wer sie war. Man zollte ihr Respekt. Alles baute darauf, dass niemand Mayas Loyalität anzweifelte. Der Familienname, um den sie so besorgt gewesen war, für den sie gekämpft hatte, für den sie sich selbst aufgegeben hatte – sie hielt ihn über das Feuer.

Die drei weißen Feuer und ihre Wächterinnen kamen mit jedem Schritt näher. Der hohe Torbogen. Die von innen erleuchteten Glasfenster. Die alte Frau, die heute Nacht sterben würde, stand vor den Toren und sprach mit einer ihrer Beraterinnen, die sich in Kürze verabschieden würde. Maya hatte ihr vorhin erst die Predigt zurechtgelegt, hatte ihr ein weißes Haar vom Kragen gezupft und sie zu ihrem Stuhl begleitet. Mit einem Mal hatte die Hohe, die so viele Kinder gesegnet und Alte gesalbt hatte, die die Erinnerungen einer Nation unter ihrer Hand hatte, nicht mehr viel Zeit übrig. Genauso wenig wie ihre verräterische, hinterlistige Protektorin.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt