Nico blieb nicht zum Frühstück. Er ergriff die Flucht, sobald er konnte und knöpfte sich erst unten am Wasser neben dem Flügel seines Fliegers das Hemd soweit zu, dass es als akzeptabel durchging. Er hatte böse Dinge geträumt und hatte in der Villa erst seinen Kopf unter eiskaltes Wasser gehalten, um sich wieder ein wenig menschlicher zu fühlen. Womit verdiente es Julian, dass sämtliche Frauen sich auf seine Seite schlugen? Es konnte doch nicht sein, dass er der Einzige war, der die ganze Angelegenheit grotesk fand.
Mit René konnte er auch nicht darüber sprechen. Mit Julian? Sterne. Nico blieb nur die Option mitzumachen und so gut wie möglich den Schaden einzugrenzen.
Er flog die Generäle ab, bei denen er genug Einfluss hatte, damit ihre Zustimmung realistisch war. Nico verpackte es in ein hypothetisches Szenario, in nicht existente Allianzen und klopfte nacheinander die halbe militärische Elite auf ihre Loyalitäten ab. Er sorgte auch dafür, dass sie dachten, er wolle gegen Julian putschen. Er nannte ihn regierungsuntauglich, zerstört, verrückt, einen Krüppel und schlimmeres in kleinen Nebensätzen, die den Kronprinzen in den Gedanken seiner Gesprächspartner fern von alldem halten sollten, was er mit ihnen besprach. Es fiel ihm nicht schwer, seinen Cousin zu beleidigen. Er wusste nur zum Teil, was die anderen taten. Dass Julian mit den Generälen sprach, die niemals auf Nico hören würden. Dass Finjas Vater und Dominiques Ehemann gegen ihn arbeiteten, sobald sie Lunte rochen. Es war ein gefährliches Spiel, das er spielte, auch wenn er momentan nur ein Stimmungsbild sammelte und noch nicht aktiv Einfluss darauf nahm. Es ging nicht um einen Krieg. Nur darum, was geschehen würde, falls einer ausbräche. Das waren verschiedene Dinge, versicherte Nico, ganz verschiedene Dinge.
~
Oliver Bernadotte hatte eine der Schaumeisterinnen um den Finger gewickelt. Es war nicht leicht gewesen, sie nachhaltig als Ressource zu akquirieren, weil das, was er von ihr wollte, über eine kleine Gefälligkeit hinausging. Es war von Vorteil, dass sie ihn mochte und auch, dass seine Eltern ihr vor zwei Jahren große Summen an Geld gespendet hatten. Oliver erinnerte sich an die Hochzeit seiner Cousine, zu der die Schaumeisterin in die Wälder auf ihr Anwesen gekommen war. An die Magie, die die Nacht erfüllt hatte und die selbst die Augen seiner Eltern in kindliches Strahlen versetzte. Er erinnerte sich an schwankende Lampions, Gelächter und Musik unter freiem Himmel, weit weg von all den Intrigen. Maline hieß die Schaumeisterin und wurde in ihren Kreisen mit größtem Respekt behandelt. Er empfing sie, wie er eine Fürstin empfangen hätte. Freundlich, mit Canapés und einem verhältnismäßig ausgedehnten Termin in seinem Kalender. „Ein Nein ist keine Option", hatte Julian ihm gesagt. Julian, der diesen waghalsigen Plan ausgebrütet hatte. Zusammen mit seinem Geist, hatte Nico ihm gesagt. Nico hatte außerdem klar gemacht, dass er kein Teil dieses Unterfangens sein wollte. Bis jetzt sah es so aus, als hätte Julian das respektiert. Oliver trank also Tee mit der Schaumeisterin und schwelgte mit ihr in Erinnerungen an die lange vergangene Hochzeit seiner Cousine. Dann irgendwann, nach Stunden, in denen sie zusammengesessen und getrunken hatten, nach Stunden, in denen er hemmungslos mit ihr geflirtet hatte und eine Hand auf ihrem Oberschenkel ruhte, kam er zum Geschäftlichen. Maline Federicy rümpfte die Nase, aber sie stellte keine Fragen mehr, als er ihr das Geld in Aussicht stellte. Nicht genug, um sie misstrauisch zu machen, aber genug, um sie ihm wohlgesonnen zu stimmen. Von einer Überraschung für den Kronprinzen, sprach Oliver, für seinen Kindheitsfreund. Maline beugte sich vornüber und lachte so schrill, dass ihm die Ohren klingelten, als er einen weiteren Witz riss. Sie gab nach, Finja gab nach und am Abend des Falls kamen die Tänzerinnen in das Arete Anwesen.
„Ich frage mich manchmal, wie du von deinem Hinterwäldler Landgut aus so viele Beziehungen aufgebaut hast", sagte Finja im Vorbeigehen zu ihm. Oliver grinste. Er fand, dass seine feinstofflichen Talente viel zu selten zum Einsatz kamen in letzter Zeit. Der Abstieg in die Narben war nicht seine Stärke gewesen, aber das hier? Er war nicht nur gut darin, er hatte Spaß.
DU LIEST GERADE
Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Science-Fiction"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
![Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]](https://img.wattpad.com/cover/365692119-64-k130980.jpg)