94 - Arete Vila

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Nicos Tag war enttäuschend gewesen. Er hatte sein Rudertraining gegen einen Spaziergang mit seinem Vater tauschen müssen, hatte beim Maßnehmen für seine neue Uniform anlässlich der Hochzeit festgestellt, dass er Gewicht verloren hatte und er hatte es auch heute nicht geschafft, mit René zu sprechen. Seine ehemalige Verlobte, die nun kurz davor stand die Frau seines Cousins zu werden, ging ihm aus dem Weg. Geschickt genug, dass er sie kaum noch zu Gesicht bekam. So war Nico zurück in die Arete Villa geflogen, in der Hoffnung, dass er sie dort abfangen konnte. Sie war allerdings noch nicht aufgetaucht und deswegen tat er nun das beste, um sich die Zeit zu vertreiben. Er studierte den Entwurf des Sitzplans für die Hochzeit, den Oliver von Maline gestohlen hatte und verzog das Gesicht, als er den Herzog von Eredia auf einem Ehrenplatz entdeckte, der für seinen Geschmack deutlich zu nah an seinem eigenen war.

„Wildschwein", murmelte Nico und stellte das Bierglas, die er in der Hand hielt, auf dem Namen von Dominiques Ehemann ab. Julian und er hatten den Herzog mit seinem Hang zum Machiavellismus nie gemocht.

Als jemand die Fronttür öffnete rechnete Nico mit René. Stattdessen trat ein zitternder Oliver ein, nass bis auf die Haut. Nico ließ den Sitzplan sinken.

„Für ein spontanes Vollmondbad zieht man sich eigentlich aus", sagte er trocken.

Oliver kam herübergelaufen, ohne etwas zu erwidern. Nico runzelte die Stirn und stellte sein Glas ab. Irgendetwas stimmte nicht.

„Wo warst du?"

Sein Freund setzte sich in seiner nassen Kleidung auf das Sofa, anstatt nach oben zu gehen und sich umzuziehen. Er fuhr sich über das Gesicht. Der Ausdruck darauf war hellwach trotz der späten Stunde.

„Nico, ich brauche deinen Rat."

Nico bekam ein ungutes Gefühl, denn jetzt im Feuerschein sah er wie verstört sein Freund aussah. Außerdem fragte ihn jemand nach seiner Meinung – da musste wirklich etwas gewaltiges schief gegangen sein.

„Ich habe etwas gefunden."

„Bezüglich welcher unserer Baustellen?"

Oliver warf ihm einen Blick zu, der so unheilsschwer war, dass es nur eines bedeuten konnte.

„Julian weiß es noch nicht und ich möchte dich fragen, ob ich es ihm sagen kann. Ob du denkst, dass ich es verantworten kann."

Nico spürte, wie sein Gesicht erlahmte. Sein Cousin war ein beherrschter Mensch. Wenn Oliver Angst hatte, ihm etwas mitzuteilen, musste es Cress betreffen. Victoria.

„Was hast du gefunden?", fragte er leise.

„Aday Adelen war im Haus der Künste."

Nico verzog das Gesicht. Ein weiterer Name, der nicht unbedingt die Sympathien ihres Kreises trug.

„Bei welcher Gelegenheit?"

„Vor circa einer Stunde. Er war dort, um mit der Schaumeisterin zu sprechen."

„Statt seiner Schwester? Warst du mit ihm im Mondlicht schwimmen?"

Nico gluckste. Oliver sprang auf die Füße, fassungslos über die unangemessene Reaktion.

„Cress kennt Aday Adelen", sagte er und Nicos Verächtlichkeit blieb ihm im Hals stecken. Oliver, der sonst immer ausgeglichen war, sagte mit blitzenden Augen: „Ihn suchen wir. Er hat sie beauftragt, dich umzubringen."

Nico kam ebenfalls auf die Beine. In seinem Kopf rasten die Gedanken und das nicht nur, weil er das Opfer des Anschlags gewesen war. Das war das geringste seiner Probleme.

„Ist sie sich sicher?", fragte er.

„Todsicher", bestätigte Oliver. Sein Adamsapfel hüpfte, als er trocken schluckte. Nico nahm ihn bei beiden Schultern. Dass sie sich ihren Einbruch vielleicht sparen konnten, dass Julian einen neuen Plan brauchte, all das war im Moment hinfällig. Wichtig war nur eines.

„Wo ist sie? Cress, wo ist sie?"

„Noch dort. Sie hat sich geweigert zu gehen."

Nico ließ ihn los, schon auf halbem Weg zur Tür. Jeden anderen hätte er als Vollidiot beschimpft, aber Oliver war ohnehin schon eingeschüchtert und überfordert. Er hatte nur die Aufgabe bekommen ein Gespräch zu führen und war in etwas viel größeres hineingerutscht.

„Ich brauche Will", rief er über die Schulter. „Und weck Finja auf."

„Nico was zur Hölle? Was ist mit Julian?", rief ihm Oliver hinterher.

„Sag ihm nichts. Nicht, bevor wir sie da nicht herausgeholt haben."

Nico fügte leiser hinzu:

„Ein Amoklauf seiner Hoheit hat mir gerade noch gefehlt."

Zweifelsohne würde Julian aus der Haut fahren, wenn er es erfuhr. Wenn er endlich ein Ziel hatte, auf das er seine Wut richten konnte. Wenn er endlich einen Menschen hatte, den er zermalmen konnte für all das, was in den letzten drei Jahren geschehen war. Dummerweise handelte es sich um einen einflussreichen Ordensmann in der Gunst der Hohen. Um den Bruder der Protektorin. Außerdem hatte Nico schlicht keine Zeit zu verlieren, wenn er verhindern wollte, dass Aday Adelen bald genauso gut wusste wie er, was hier vorging. Er konnte nur beten, dass Cress umsichtig genug war, um sich weit genug fernzuhalten.

Nico schnürte seine Schuhe zu und verfluchte sich dafür, dass er nicht seine Stiefel getragen hatte. Eigentlich wollte er nur ein klärendes Gespräch mit René führen und keine nächtliche Rettungsaktion starten. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

„In einer Stunde holst du Julian aus dem Palast. Er muss persönlich kommen. Bis dahin habe ich sie hoffentlich eingefangen."

„Du bringst alles durcheinander. Wenn sie einfach aus dem Haus der Künste verschwindet, war alles umsonst."

Oliver war neben ihm aufgetaucht und Nico richtete sich noch einmal auf, um ihm in die Augen zu sehen. Wie konnte ein Mann so intelligent sein und gleichzeitig so wenig verstehen?

„Wenn Aday Adelen Cress sieht", grollte Nico. „Wird keine Plasmamaske ihn davon abhalten, sie zu erkennen. Er ist Gardist der Hohen. Sie muss da weg. Ganz davon abgesehen, dass es keinen Plan mehr zu verteidigen gibt. Wir wissen alles, was wir brauchen. Vergiss die Hochzeit."

Nicos Atem stockte, dann streifte er umso energischer seinen Kragen nach unten.

„Sie ist zurück in ihr Zimmer gegangen", sagte Oliver beruhigend. „Adelen wird sie nicht sehen."

Nico warf ihm einen langen Blick zu.

„Oli", machte er. „Deine Gutmütigkeit in allen Ehren, aber es gibt keine Welt, in der diese Frau nicht gerade ein Gespräch belauscht, das sie den Kopf kosten kann. Zum zweiten Mal heute."

Er duckte sich hinaus in die Nacht und ließ Oliver sprachlos zurück.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt