115 - Vor dem Heiligtum

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Das blau glühende Projektil aus der Waffe schlug links von ihr in die Wand ein. Es hatte sich geräuschlos aus Belcanes Waffe gelöst, aber der Einschlag war laut. Perfekter Marmor splitterte unter der Wucht. Sie riss die Arme nach oben, um ihr Gesicht zu schützen. Das nächste, was sie bewusst wahr nahm, war der riesige William Belcane. Sein ganzer Körper schlug der Länge nach gegen die Wand des Heiligtums, als wäre er ein Kind oder ein Kätzchen, das man herumwerfen konnte.

Maya sah die weiße Schwester auf Belcane zukommen und alles in ihr schrie sie an, zu rennen. Dabei war sie nicht das Ziel der Frau. Nicht der Grund, wieso ihre Augen funkelten vor Mordlust. Der junge Adlige war zu Boden geglitten und Cheleste gab ihm die Zeit, wieder auf die Beine zu kommen. Belcane wusste nicht, was er getan hatte, als er die Waffe auf die Gardistin gerichtet hatte. Er hatte eine Regel gebrochen, die nicht dazu gemacht gewesen war, die Knochenschwestern zu schützen – sondern den Adel vor diesen. Er hatte die Drillinge von der Leine gelassen.

„Ihr habt die Wache der Hohen gestört."

Cheleste blieb zwei Meter von Belcane entfernt stehen, der sich ächzend an die Mauer lehnte. Der Blick der Gardistin ging zur dem Einschlag des Projektils in der Wand.

„Seht Euch an, was Ihr angerichtet habt."

Hinter ihr tauchte aus der Dunkelheit ein zweiter Fackelträger auf. Alcha, die zurückkam. Zum Glück ohne Mayas Bruder.

„Sieh an", sagte Belcane zu Alchas Auftauchen. Nun hatte er gar keine Chance mehr, sich gegen die beiden durchzusetzen. Das war die Kulisse für ein Blutbad. Alles, was zwischen Belcane und dem Tod stand, war sein Status und sein Familienname.

„Belcane, wir haben Zeit. Redet."

Cheleste machte noch einen Schritt auf ihn zu.

„Genug."

Die Knochenschwester hielt inne, neigte den Kopf zu Maya. Ihre Stimme sollte streng klingen, aber sie zitterte.

„Das reicht. Beherrscht euch."

Für einen Moment funktionierte es. Dann schnaubte Cheleste Nocturna. Ihr Stolz war verletzt, weil Belcane für eine kurze Zeit die Oberhand gehabt hatte. Mayas Wort würde ihn nicht retten.

„Später, Protektorin."

William Belcane hob die Fäuste, aber Maya sah voller Angst zu, wie Cheleste Nocturna ihn auf sich zu kommen lies. Ihre Schwester regte keinen Muskel. Es war so brutal und schnell, dass Maya sich bei dem Anblick ins Gras übergab. Belcane kroch über die Wiese. Er blutete aus Nase und Mund. Maya hatte noch nie einen Mann gesehen, der in einer Sekunde mit fein gemachten Haaren aufrecht stand und in der nächsten blutend und regungslos am Boden lag. Vor allem keinen wie Belcane. Keinen angsteinflößenden blauen Adligen. Belcane lag auf den Stufen des Heiligtums und jeder Atemzug, den er tat, war hörbar. Maya wusste, dass es sie in Gefahr brachte, aber sie lief trotzdem hinüber, kniete sich neben ihn. Sterne, sie mussten ihm alle Rippen gebrochen haben. Als Cheleste auf sie zu kam, hob Maya die Hand.

„Ihr seid wahnsinnig", sagte sie zu den beiden. „Das ist William Belcane. Was denkst du, tust du?"

Dann zu Coria:

„Hol gefälligst Hilfe."

Cheleste musterte sie.

„Willst du, dass er hier stirbt?", fragte Maya die um einiges größere und schwerere Frau heftig und deutete nach oben, zugleich auf das Heiligtum und die Sterne. „Hier?!"

Maya atmete schwer. Sie hatte eine Hand auf Belcanes Brust liegen, damit sie merkte, falls er zu atmen aufhörte. Schlimm genug sah er aus dafür, aber Maya hatte keine Erfahrung mit soetwas. Sie konnte sich kaum noch aufrecht halten.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt