Der Auftrag des Kronprinzen war nicht kompliziert, aber er kratzte an den Grenzen der Unmöglichkeit. Allerdings hatte Cress Tage gebraucht, um bis zu dem verlassenen Außenposten in die Narben abzusteigen und die Adligen hatten es innerhalb weniger Stunden geschafft. Sie nahm an, dass Nicholas van Garde mit diversen Equipement Tests zurückkommen würde und sie hatte Recht. Man wies sie in verschiedenste Technik ein, schnallte sie in einen Anzug und seilte sie von der Galerie des Hauses ab. Cress landete vor van Garde, vollkommen unbeeindruckt.
„Was waren das, drei Meter?"
Sie hätte es besser wissen müssen, als einen General zu provozieren. Dass er zur Luftwaffe gehörte, wurde klar, als sein Schiff landete und man ihr eröffnete, dass niemand hinterfragen würde, wenn er abhob. Cress wurde in ihrem neuen militärischen Aufzug in einen Sitz geschnallt und ihr ganzer Körper erbebte, während sie abhoben. Sie starrte aus dem Fenster, während das Herrenhaus unter ihnen kleiner wurde und sie Richtung Kuppel flogen. Das Wasser des Sees und die Kuppel bildeten die perfekte Illusion von unendlicher Weite, während sie aufstiegen. Cress bekam Druck auf den Ohren und schluckte reflexartig. Sie war noch nie geflogen, zumindest nicht auf diese Weise. Sie zogen über das Wasser und sie konnte kaum den Blick abwenden.
„Wir seilen dich von der südlichen Wettermacherplattform ab", eröffnete ihr van Garde, als würde er ihr das Teerezept seines Cousins verraten. „Wird das ein Problem sein?"
Cress drehte sich zu ihm um und hoffte inständig, dass das ein Scherz war. Er grinste sie an.
Die Plattform berührte den Himmel. Sie stand so hoch über der Stadt, dass sie über einen dünnen Mast die Kuppel berühren konnte. Drei Soldaten und van Garde selbst waren mit nach oben geflogen. In dieser Höhe rauschte das Geräusch der Triebwerke und kalter Wind über sie hinweg. Unter ihnen schimmerte der Wasserspeicher mit seinen Inseln, die Häfen und die Stadt, die den Palast auf seinem Berg trug wie eine Krone.
„Drei Kilometer Abstieg können wir bieten", sagte van Garde, während er die Karabiner an ihrem Gürtel prüfte. Drei Kilometer war nicht ganz die Strecke, die sie in den Narben absteigen würde, aber – Cress sah über den Rand der Plattform in die Tiefe – dafür gab es andere Faktoren, die die wenigen hundert Meter mehr oder weniger zu ihrem kleinsten Problem machten. Sie hatte kein Wort mehr zu van Garde gesagt, seit ihrem Fehler in Aretes Haus. Cress hatte sich geschworen, nie wieder den Mund aufzumachen in seiner Gegenwart.
„Was ist das?", fragte er laut, „Das ist dir zu leicht? Da kann ich dich erleichtern, ich habe hier noch zwanzig Kilo Gepäck, die mit dir nach unten müssen."
Er hob einen Rucksack aus dem Schiff und sicherte ihn ebenfalls.
„Das ist übertrieben, das schafft nicht einmal Ihr", brach Cress ihr Gelübde.
„Aw, danke für die Herausforderung, aber dieses Hemd ist frisch. Der gute Sergeant Thomas hier", er nahm einen seiner Männer an der Schulter, „Wird mit Euch absteigen. Einen Kilometer, keinen Schritt mehr. Dann seid Ihr allein."
Der Mann, der die Statur eines Bären hatte, sah aus, als würde er gleich aus den Socken kippen. Der General hatte es wohl nicht für nötig gehalten, ihn vorzuwarnen. Dass kein Widerspruch kam, zeigte Cress, welche Art Anführer der Blonde war. Nicht die Art, die sie brauchen konnte.
„Vier Kilometer bringen mich zur Seeoberfläche. Wollt Ihr, dass ich zurückschwimme?", fragte sie hochironisch, um das Zittern in ihrer Stimme zu überspielen.
Van Garde hob einen Finger.
„Wir wollen keinen Triathlon daraus machen. Wir warten unten auf euch, aber keine Sekunde länger als Vierzehn Uhr. Nur wenn ihr bis dahin nicht zurück seid, tja ... dann werden all Eure Wünsche war. Dann schwimmt Ihr. Und vergesst den Rucksack bloß nicht."
Cress sah noch einmal über die Plattform in die Tiefe.
„Seid Ihr zuständig für die Rekruten?", fragte sie.
„Nein."
„Und ich dachte, ich hätte gerade den Grund gefunden, wieso Eure Soldaten immer so mies gelaunt sind."
Cress hob den Rucksack an und schob ihn ihrer Begleitung zu. Immerhin regnete es nicht, dachte sie, während van Garde sich abwandte. Sie hielt dem Soldaten die Hand hin, was gegen all Ihre Prinzipien ging, aber der einzige Weg war, von dieser Plattform herunterzukommen.
„Cress Cye", stellte sie sich vor. „Ist mir eine Freude."
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Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]
Science Fiction"Ich habe dich geliebt, wie Zerstörung Königreiche liebt." In den Narben, tiefen Schluchten am Rande der Hauptstadt des Imperiums, ist Cress Cye gefürchtet. Die alten Monster, die dort in den Tiefen leben, kennt sie gut. Als eines davon so viel Scha...
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