72 - Erinnerung des Kronprinzen, Arete Villa

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In dem Moment, in dem er Victoria das erste Mal seit ihrem Verschwinden gesehen hatte, hatte Julian für einen Moment geglaubt, es gäbe einen Grund für alles. Er war aufgebrochen, hatte das Arete Anwesen verlassen, hatte sich von ihr entfernt, taub und stumm. Und als er sich das erste Mal erlaubte, darüber nachzudenken, nachdem er das Abendessen mit seinem Vater überlebt hatte, hatte er aufgehört an die Sterne zu glauben. An den hohen Orden, um spezifischer zu werden. Er hatte zum Himmel gefleht. Dann hatte er damit aufgehört, als er alleine vor seinem Kamin saß und darauf wartete, dass man ihn zu dem Empfang eskortierte, den seine Mutter für ihn gab. Für Julian war es keine Frage gewesen, wer Vic umgebracht hatte. Deswegen war er geflohen.
Gegen Himmel, Erde, Feuer und die Tiefe der Narben hatte er mehr in der Hand, als gegen seinen Vater. Der König hatte Victorias Familie schon untergraben lassen, als sie noch verlobt waren. Er hatte sich mit dem Dekan des Atheneums eine subtile Feindschaft geleistet und das über Jahre. Er hatte Vic abgegriffen, um Julian zu foltern, aber auch um eine Ausrede zu haben, wenn er die Ivess-Yorda vernichtete. Oder das war es, was Julian geglaubt hatte. Doch in dem Moment, in dem Cress Cye aus den Narben auftauchte und keine Ahnung hatte, wer sie vor der Verbannung gewesen war, wusste Julian drei Dinge mit absoluter Sicherheit. Erstens: alle Entscheidungen, die er unter der absoluten Sicherheit getroffen hatte, dass sein Vater Vic ermordet hatte, waren unter zumindest teilweise falschen Annahmen getroffen worden. Zweitens: ein Ordensmitglied hatte Victoria die Erinnerung genommen. Drittens: diese beiden Fakten bargen das Potenzial, die Weltordnung zu zerstören, wenn sie diesen Raum verließen.

Julian starrte in die Flammen seines Kamins, während vor seinem Fenster die Lichter der Stadt funkelten. Er hatte einen unbestimmten Schmerz links in der Brust, der kam und ging. Sein Körper reagierte als erstes. Dann der Verstand. Dann, ganz langsam und bedacht, kam die Trauer, die Wut. Alle Türen waren verschlossen. Selbst Nico oder René wollte er nicht sehen. Nicht, wenn sie sich gerade alle wieder zusammengefunden hatten und jede soziale Beziehung, die er in der Hauptstadt hatte, noch belastet war. Julian presste die Hände vor dem Gesicht zusammen, wie zum Gebet und schloss die Augen.

Vic hatte gelebt. Die ganze Zeit war sie in den Narben am Leben gewesen.
Und er – er war ans andere Ende der Welt geflogen, weil er sie aufgegeben hatte. Julians Schock war so schlimm, dass seine Hände zitterten, wie die eines alten Mannes. Er konnte sich nicht mehr bewegen, nicht mehr sprechen. Victoria war nie tot gewesen. Sie lebte. Sie war zu ihm gekommen, Tage nachdem er aus dem Exil zurückkam. Julian sah hinunter auf den Ring an seinem kleinen Finger. Im Gegensatz zum Siegelring seines Hauses wirkte er klein und bescheiden. Doch das dünne Band aus Platin und Gold, das sie gefunden hatten, das sie ihm zurückgebracht hatten ... er hatte es nie abgenommen, obwohl er ihm zu klein war. Der Verlobungsring, den er Vic geschenkt hatte. Er hatte ihn getragen.

Er dachte an die Frauen, mit denen er in Katania geschlafen hatte. Daran, dass er untreu gewesen war, ohne es überhaupt zu wissen. Wie er auf die Kuppel geklettert war und halb gehofft hatte, abzustürzen. Alles zog an ihm vorbei, als läge er auf seinem Sterbebett. Die Welt um Julian herum schien sich nur noch in Zeitlupe zu bewegen, so sehr rasten seine Gedanken.

Er war über Katania hereingebrochen, weil die Wut auf seinen Vater mit der Wut seiner Trauerphasen kollidierte. Er war zu einem Monster geworden, weil die einzige Person, für die er es vermieden hatte, ermordet worden war. Von seinem Vater, wie er dachte. Oder eben nicht.

Sie erinnerte sich nicht an ihn. Vielleicht war das eine Gnade. Vic, dachte er, Vic es tut mir leid.

Er flog noch an diesem Abend zurück auf die Arete Insel, obwohl es ein unnötiges Risiko war. Er war zu geschockt, um zu weinen, bis er am Abend im Bett lag. Bis sie ihn alle in Ruhe ließen und selbst sein Vater schlief. Die Nacht verzieh viel. Tränen, Schreie, Geheimnisse. Vielleicht verzieh sie ihm nun auch Wochen später, dass er neben ihr auf dem Bett lag und mit der Fingerkuppe über ihren Handrücken strich.

Skythief - Gestohlene Sterne [neue Version]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt