49. Kapitel

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Seit Tagen konnte ich nicht richtig schlafen

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Seit Tagen konnte ich nicht richtig schlafen. Es war unmöglich, die Lider zu schließen und nicht die Szenen der Verlobung vor meinem inneren Auge abspielen zu sehen. Jedes Mal, wenn ich versuchte zur Ruhe zu kommen, schreckte mich der Gedanke an Narbengesicht schon wenig später wieder auf. Schäfchen zählen, heiße Milch, selbst Schlaftabletten. Nichts wollte helfen.

Die Augenringe versteckten meinen Schlafmangel nicht besonders erfolgreich und mittlerweile kaschierte auch das Make-Up die dunklen Schatten nicht mehr so, wie es sollte. Mit der blassen, fast durchscheinenden Haut sah ich schlichtweg krank aus.

Beth sorgte sich deswegen so sehr, dass sie sogar die anstehenden Hochzeitsvorbereitungen vergaß. Wenigstens kurzzeitig.

»Komm doch zu mir. Die Wohnung ist noch nicht komplett eingerichtet, ja, aber im Gästezimmer steht schon ein Bett. Wir könnten zusammen drin schlafen und uns abends Pizza bestellen. Außerdem wurde letzte Woche der Fernseher geliefert, also können wir uns alle Bridgerton-Staffeln in HD ansehen«, schlug Beth knapp eine Woche nach den Ereignissen im Four Seasons vor. Strahlendes Sonnenlicht fiel hinter ihr durch die bodentiefe Glasfassade. Sie lehnte an der Kücheninsel, ein Glas Wasser vor ihr und ein nachdenklicher Ausdruck auf ihrem Gesicht.

»Verlockend. Du weißt, dass ich Jonathan Baileys Bauchmuskeln nichts entgegensetzen kann.« Ich grinste.

Der kleine Küchenbereich im Penthouse war von uns so gut wie nie genutzt worden und eigentlich total überflüssig, da sich nur wenige Schritte entfernt eine voll ausgestatte Küche befand, bei dessen Anblick selbst Gordon Ramsey Freudentränen gekommen wären.

Gedämpft war die Stimme von Mary zu hören, die Anweisungen für das bevorstehende Dinner gab. Der einzige Grund, warum ich vor diesem bevorstehenden Essen nicht Reißaus nahm, war, dass Mom und Dad noch in einem Meeting feststeckten und es kaum pünktlich nach Hause schaffen würden. Diese entspannten Abende mit Beth, weit weg von den aufmerksamen und urteilenden Blicken meiner Mutter, liebte ich über alles. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem das erste ernste Thema auf der Bildfläche erschien. Narbengesicht und die Auswirkungen der Verlobungsfeier war der Elefant im Porzellanladen.

Gedankenverloren drehte ich mich auf dem Barhocker hin und her. Die Bewegung beruhigte mich und brachte mein aufgewühltes Inneres zur Ruhe. Seit meine Schwester über die Geschehnisse Bescheid wusste, war es, als hätte man mir eine ungeheure Last von den Schultern genommen, die ich vorher nicht einmal bemerkt hatte.

Manche dunklen Gedanken hatten diese Macht. Sie spielten sich im Hintergrund ab, leise, aber immer da, zogen einen jeden Tag weiter in die Tiefe, bis man nicht mehr wusste, wo oben und wo unten war. Sie zerfraßen einen von innen, ohne dass man es merkte – bis es zu spät war.

Ich wusste nicht, was mir lieber war. Die dunklen Gedanken oder die hellen.

Letztere erschufen die Illusion eines leichten und einfachen Lebens, nur um alsbald zerschlagen zu werden. Was war besser? Von vorneherein im Schlamassel feststecken oder wegen einer Wunschvorstellung auf Wolke Sieben schweben, den Halt verlieren, fallen und auf hartem Asphalt aufkommen - nur um in genau demselben Schlamassel festzustecken, wie es das Schicksal von Anfang an geplant hatte?

Ich gab einen unzufriedenen Laut von mir und Beth hob kurz die Augenbraue. Sie hatte jetzt öfter nachmittags frei, um Vorbereitungen zu treffen. Die Hochzeit fand bereits in zwei Monaten statt und besonders Mom spielte deswegen völlig verrückt. Obwohl sie mich mit der Organisation betraut hatte, wollte ich nicht alles allein entscheiden. Ich tat mich schwer damit, vor allem in Anbetracht der Tatsache für wen ich das alles plante. Eine Wohnung war eine Sache, eine Hochzeit etwas ganz anderes.

»Ein Tapetenwechsel könnte dir ganz guttun, denkst du nicht? Nach allem, was passiert ist, meine ich.« Ihr Blick huschte kurz zur Eingangstür, aber ich sah es trotzdem. Das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Daran, dass jemand es unbemerkt bis ins Penthouse unserer Eltern geschafft hatte, hatte auch sie schwer zu knabbern.

»Die Sicherheitsvorkehrungen wurden verschärft. Mr Alexander steht auf Abruf bereit und begleitet mich überall hin. Ich bin hier so sicher, wie in Fort Knox. Und ich fühle mich wohl hier«, fügte ich hinzu, was ich besser gelassen hätte. Beth sah mir die Lüge sofort an. Wann hatte ich mich zuletzt bei unseren Eltern richtig wohlgefühlt?

»Außerdem kann ich zu Nylah. Sie wohnt nur zwei Blocks weiter und ihre Wohnung ist groß genug für eine fünfköpfige Familie.« Wenn man es darauf anlegte, musste man sich dort nicht einmal begegnen.

Meine Schwester griff nach meiner Hand.

»Ich möchte nur, dass du weißt, dass du jederzeit willkommen bist, wenn es dir hier zu viel wird.«

»Das weiß ich«, sagte ich schnell und lächelte ein Lächeln, dass sich viel zu falsch anfühlte. Ich hatte gute Gründe ihr Angebot auszuschlagen, obwohl es mir bei ihr sicher besser gegangen wäre. Trotz der Sicherheiten, die mir der zusätzliche Schutz bot, dachte ich zu oft und zu viel über das »Was wäre, wenn...« nach. Was wäre, wenn er einen anderen Weg ins Penthouse fand? Was wäre, wenn selbst die höchste Sicherheitsstufe nicht hoch genug war?

Aber es ging nicht. Ich konnte nicht in einer Wohnung wohnen, von der ich wusste, dass Beth und Grayson vermutlich in weniger als zwei Monaten in ihr leben würden. Als glücklich verheiratetes, junges Pärchen, deren glückliches, glückliches Leben bald durch Tagesthema der Klatschpresse sein sollte.

Es schüttelte mich.

»Und du denkst wirklich daran, Mr Alexander anzurufen, wenn du weg willst? Keine Alleingänge?« Sie sah mich scharf an und ich ließ den Kopf seufzend in den Nacken fallen. Mit Beth hatte man immer Diskussionen. Man kam einfach nicht um sie herum.

»Das hatten wir doch schon. Ja, ich melde mich, wenn ich irgendwo hin möchte. Ich verlasse das Haus nicht allein und schleiche mich nicht weg. Jeder weiß zu jeder Zeit, wo ich bin«, sagte ich eine Spur genervt. Womit ich genau das erreicht hatte, was ich von Anfang an vermeiden wollte. Ich hatte meine Freiheit eingebüßt und fand mich in genau dem goldenen Käfig wieder, dem ich in England entflohen war. Ein Singvogel ohne Stimme.

»Wollte nur sicher gehen«, grinste Beth und nahm einen Schluck Wasser. Hinter dem Glas sah ich es schelmisch blitzen, doch die Sorge wich nie ganz aus ihrem Wesen. Er war ihr ständiger Begleiter. Vielleicht musste das so sein bei älteren Geschwistern, doch in den letzten Tagen war es mir so vorgekommen, als würde sie auf etwas lauern. Auf eine Gefühlsregung vielleicht.

Die hatte ich nämlich seit dem Besuch des NYPD tunlichst vermieden. Meine Sorgen verbarg ich hinter Schloss und Riegel.

Sie verringerte den Abstand zwischen uns und musterte mich gründlich.

»Das solltest du übrigens. Rausgehen, meine ich. Es bringt nichts die ganze Zeit nur in deinem Zimmer zu hocken.«

»Ich bin nicht nur in meinem Zimmer, okay? Manchmal gehe ich auch ins Wohnzimmer oder auf die Terrasse.«

»Ich meine es ernst. Du musst nicht immer stark sein, klar? Alles in sich hineinzufressen, tut dir nicht gut. Man sollte über seine Gefühle reden. Alles andere macht nur unglücklich.«

»Hobbypsychologin Bethany Wentworth. Du hättest Psychologie studieren sollen.« Ich zwinkerte, doch der Scherz hatte nicht die gewünschte Wirkung. Beth blieb unnatürlich ernst und das ließ auch mich unruhig hin und her rutschen. Meine Finger trommelten auf den kalten Marmor und je länger ich mich unter ihren Blicken wandte, desto mehr kickte der Fluchtinstinkt. Als sie schließlich einen Schritt zurück machte, um an der Glasfassade auf die Straßen New Yorks herunterzublicken, war es, als hätte man mir zum zweiten Mal in dieser Woche, eine Last genommen.

Auf die darauffolgende Frage war ich dennoch nicht vorbereitet. Beth hatte plötzlich ein kindliches Grinsen auf dem Gesicht.

»Was hältst du von einem Mädelsabend im Diamonds?«

Me Because Of YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt