»Soll ich wieder gehen? Ich kann draußen warten. Oder unten. Wenn dir das lieber ist.« »Das ist ja das Problem! Ich will nicht, dass du gehst.«
Julia Wentworth hatte nicht vor, sich zu verlieben, als sie nach drei Jahren Studium in Oxford an New Yor...
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Es hatte keine zwei Sekunden gedauert, bis ich sie im Diamonds ausgemacht hatte. Die Energie vibrierte durch die Luft, und fast glaubte ich, dass auch sie die Veränderung wahrgenommen hatte - jedenfalls drehte sie den Kopf verwirrt umher, ehe sie sich wieder an Obadiah an der Bar wandte. Natürlich hatte es ausgerechnet das Diamonds sein müssen, das Heather als unsere Freitagabend-Bruder-Schwester-Beschäftigung ausgesucht hatte. Sie hatte sich so darüber gefreut, dass es mir ein schlechtes Gewissen gemacht hatte, in letzter Zeit nicht mehr Zeit mit ihr verbracht zu haben, sodass ich es nicht über mich brachte, sie wieder zum Gehen zu animieren.
Dass ich mitten in der Bewegung gestoppt und wie gegen eine unsichtbare Wand gerannt war, als ich Julia entdeckt hatte, war ihr gar nicht aufgefallen. Schon lotste sie mich zu einem freien Sofa in der Mitte des Raumes. Das Diamonds war gut besucht, doch für eine vollbesetzte Bar war es noch zu früh. Erst in einer Stunde würde es die Massen in das beliebte Lokal ziehen. Eine Stunde, in der ich Julia aus dem Weg gehen musste. Eine Stunde, in der mein Kopf ganz genau wusste, dass sie nur wenige Schritte von mir entfernt war.
Von unserem Platz aus hatte ich nur eingeschränkte Sicht auf die Theke, was mich allerdings nicht davon abhielt, immer wieder den Kopf zu recken und darauf zu hoffen, einen Blick auf Julias braunen Haarschopf zu erhaschen oder ihre lachende Stimme in dem Gewusel herauszuhören. Ich wusste, dass ich mich damit verdammt nochmal lächerlich aufführte, aber abstellen ließ sich der Instinkt nicht.
Ein empörtes Schnauben riss mich in die Gegenwart zurück.
»Was?« Ich hob fragend den Blick.
Heather verschränkte die Arme vor der Brust und zog eine wissende Miene. »Na? Wie lange möchtest du noch so vor dich hinstarren? Willst du jetzt endlich darüber reden, was dich beschäftigt?«
»Es ist alles in Ordnung.« Meine Standardantwort, die genauso der Wahrheit entsprach, wie meine Beteuerung damals mit 16, dass ich nur nach Gras roch, weil der Kerl in der Subway anscheinend halb Manhattan mit dem Zeug versorgte – einschließlich mir. Aber das hatten meine Eltern nicht gewusst. Oder vielleicht doch. Und es hatte sie einfach nicht weiter interessiert, wenn es bei diesem einen Ausrutscher blieb. Als Jugendlicher hatte ich gelernt, diskreter mit dem Konsum illegaler Substanzen umzugehen, bis mir Obadiah gründlich den Kopf gewaschen hatte und ich die Finger von dem Zeug ließ.
»Hmm«, machte Heather ungläubig. »Ist ja nicht so, als würde ich seit fünf Minuten auf dich einreden, während du mir gar nicht erst zuhörst.«
»Ich höre zu«, log ich. »Was war nun mit den Prices?« Bürgermeister Price und seine neuste Affäre war das letzte Thema, an das ich mich erinnerte und normalerweise lag ich mit Klatsch und Tratsch bei Heather richtig. Meistens, eben nur nicht heute.
»Vergiss es«, sagte sie und rollte mit den Augen, »Anscheinend hörst du mir schon seit einer halben Stunde nicht mehr zu.«
Ich schwenkte das Whiskeyglas in meiner Hand und murmelte ein halbwegs ernstgemeintes »Sorry«. Ich zuckte zusammen, weil in genau diesem Moment in meinem Blickfeld eine Person auftauchte, die von der Größe und Figur Julia ähnelte. War sie es? Nein, doch nicht. Meine Schultern sackten ein Stück in die Tiefe und ein abgrundtiefer Seufzer entwich mir.