»Soll ich wieder gehen? Ich kann draußen warten. Oder unten. Wenn dir das lieber ist.« »Das ist ja das Problem! Ich will nicht, dass du gehst.«
Julia Wentworth hatte nicht vor, sich zu verlieben, als sie nach drei Jahren Studium in Oxford an New Yor...
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Ich hatte meinen Namen schon immer mit einer tiefen Abneigung gegenübergestanden. Allein, dass man mich nach unserem Vater benannt hatte, reichte, dass ich innerlich immer eine Abwehrhaltung einnahm, wann immer man mich mit meinem vollen Namen ansprach. Weil ein Name eben nicht nur ein Name war, sondern eine Erwartungshaltung. Ein Cavendish war das eine, aber William Cavendish Junior bedeutete, dass man von mir ähnlich große Errungenschaften erwartete, wie mein Vater sie vollbracht hatte. Wir hatten nie darüber gesprochen, doch diese unausgesprochene Wahrheit stand immer zwischen uns.
Ich hasste meinen Namen und alles, was damit einherging, doch ich liebte es, wenn mein Name ihre Lippen verließ. Geflüstert, gehaucht, kaum hörbar. Selbst wenn sie ihn wütend sagte – oder voller Sehnsucht. So wie jetzt. Wem versuchte ich hier eigentlich etwas vorzumachen? Ich liebte jedes beschissene Wort, das sie sagte und ich konnte rein gar nichts dagegen tun. Ihre Finger spielten an meinen Haaren in meinem Nacken.
Ein Schauer überlief meinen Rücken, als sie die wenigen Zentimeter zwischen uns überbrückte und ihren Oberkörper fester an meinen presste, woraufhin ich die Luft anhielt, damit ich mich durch einen Atemzug nicht schon wieder von ihr entfernte. Ich brauchte ihre Nähe, mehr als alles andere in diesem Moment. Scheiß auf Vernunft, scheiß auf mein Gewissen. Alles, was in diesem Augenblick zählte, stand vor mir.
In ihren Augen glitzerten Tränen und meine Hand legte sich auf ihre Wange, fingen ihre Tränen mit dem Daumen auf. Ich hasste es, dass ich der Grund dafür war.
»Bitte.«
In der einen Sekunde starrten wir uns tief in die Augen, in der nächsten lagen unsere Lippen aufeinander und ich vergaß alles um mich herum. Alles, was zählte war sie in meinen Armen, in Sicherheit. Ihre Hände wanderten von meinem Nacken über meine Brust und krallten sich in mein Hemd. Ihr Atem ging stoßweise. Mein Herz raste wie verrückt, als sie den Kontakt zwischen unseren Lippen nur eine Millisekunde unterbrach, während ihre Hände unter mein Hemd glitten. Ich zog scharf die Luft ein und zuckte kurz vor ihrer Berührung zurück.
»Fuck, kalt.«
»Halt die Klappe«, erwiderte sie und drängte sich näher an mich. Ihre zitternden Finger streichelten über meinen Bauch, während ich ihr Gesicht mit Küssen überhäufte und sie so ruckartig an mich drückte, dass sie aufkeuchte. Der Laut vibrierte durch meinen ganzen Körper. Wir küssten uns weiter, meine Hände an ihrer Taille, ihre kalten Finger auf meiner Haut, und nichts als Feuer zwischen uns. Die Luft zwischen uns war zu viel. Ich wollte sie halten, sie nie wieder loslassen, so nah bei mir wie nur irgend möglich.
Schwer atmend drängte ich sie an die Fensterfront, bis sie mit dem Rücken an das Glas stieß. »Shit, ist das kalt«, stieß sie aus und ich grinste an ihre weichen Lippen. »Halt die Klappe.«
Ihr spürte ihr Lächeln, während weitere Tränen, die ich nicht zuordnen konnte, über ihre Wangen liefen. Freude, Verzweiflung? Ich würde noch genug Zeit haben, darüber nachzudenken, was dieser Moment für uns bedeutete, welche Konsequenzen dieser Augenblick der Schwäche mit sich ziehen würde. Alle Konsequenzen hätten mir nicht egaler sein können, wenn ich nur bei ihr sein könnte.
»Julia.« Ich löste mich gerade so weit von ihr, dass ich eine dicke Träne über ihre Wange kullern sah, und sie mit dem Daumen wegwischte. Das Vermissen ihrer Lippen auf meinen setzte sofort ein, obwohl wir immer noch eng umschlungen waren.
»Will.« Ihre warmen braunen Augen nahmen mich in ihren Bann, verschlangen mich in einem Sturm aus Gold und zeigten nichts als Zuneigung. Gott, wie sehr ich dieses Mädchen liebte.
Ich neigte meinen Kopf gerade so weit zu ihr, dass sich unsere Nasenspitzen berührten. Der nächste Kuss war ruhiger, sanft und behutsam. Ein Versprechen für die Zukunft, für alles, was uns miteinander verband.
»Julia? Will? Beth braucht euch unten für ... Oh, fuck!«
Julia und ich stoben auseinander. Es fühlte sich so an, als hätte jemand einen Eimer Eiswasser über mir ausgeschüttet. Heather stand wie erstarrt im Türrahmen, ihr Mund stand offen und ihre Augen wanderten von meinem halboffenen Hemd zu Julia, die sich fassungslos wegdrehte, aus dem Fenster starrte und versuchte ihre Atmung unter Kontrolle zu bringen.
»Okaaay ... ich ... ich wollte ...« Sie sah immer noch zwischen uns hin und her und während ich mein Hemd wieder zuknöpfte, wandte sie sich peinlich berührt ab. Wäre die Situation eine andere gewesen, hätte ich es amüsant gefunden, meine Schwester so sprachlos vorzufinden. Der Person, die sonst nicht die Klappe halten konnte, fehlten die Worte.
»Ihr solltet ...« Sie seufzte. Schwer. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. »Kommt einfach wieder runter, wenn ihr ... so weit seid.« Sie warf mir einen letzten Blick zu, in dem ich vor allem eines las: Mitleid. Dann verschwand sie und die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss.
Mein Herz hämmerte gegen meine Brust und mein Verstand setzte langsam ein, die Gedanken wurden lauter, schneller und verwirrender.
Heather hatte uns gesehen. Sie wusste zwar von meinen Gefühlen - ich hatte sie ihr schließlich selbst eingestanden - aber bis jetzt war es eine einseitige Sache gewesen. Niemand hatte gesagt, dass Julia meine Gefühle tatsächlich erwidern würde. Wobei ... tat sie das? Oder waren wir in diesem Sturm unserer widersprüchlichen Empfindungen einfach nur unserem flüchtigen Verlangen erlegen?
»Das gerade ... das hatte nichts zu bedeuteten«, verkündete Julia mit hoher Stimme und mir war, als ginge etwas in mir zu Bruch.
»Nein, hatte es nicht«, bestätigte ich in derselben beherrschten Tonlage, konnte aber nicht verhindern, dass meine Stimme am Ende brach.
Wir waren beide schlechte Lügner und wir wussten es.
Das hier, was auch immer es gewesen sein mochte zwischen uns. Es bedeutete einfach alles.